Von Karl N. Nicolaus

Jüngst, als wir die Uhren – soweit wir sie nicht bereits in Lebensmittel umgetauscht haben – auf Sommerzeit umstellten, kam uns zum Bewußtsein, daß der Frühling in Wahrheit gekommen und der Finsternis ein Ende bereitet sei. Und da man seit alters jene Männer als weise preist, die es nicht eilig haben, die überstandene Misere feige zu Vergessen, sondern bemüht sind, aus ihrem Unglück zu lernen, deshalb laßt uns von der vergangenen Finsternis sprechen, während uns sanft der neue Glanz des Frühlings umspielt! Auf diese Weise werden wir das Licht desto dankbarer genießen. Was aber die Dunkelheit betrifft so kann man jetzt ruhig sagen: es war entsetzlich. Besonders am Anfang, als Hamburg und andere Städte Licht und Strom ganz abzuschalten begannen.

Es besteht kein Zweifel, daß die Dunkelheit in ihren besten Tagen, will sagen: in ihren leistungsfähigsten Abenden und Nächten geradezu biblisches Format besaß: „Ägyptische Finsternis“! Ein Ausdruck, der laut Autorität des Lexikons „sprichwörtliche Bezeichnung für tiefe Finsternis“ bedeutet. An Tiefe ließ diese Finsternis freilich nichts zu wünschen übrig, und da sie – im Gegensatz zu der in der Bibel – sozusagen industriell hergestellt wurde, war auch ihre Exaktheit einzigartig und unübertreffbar. Auch hatte sie einen bedeutend längeren Atem als die biblische Finsternis, die bekanntlich nur drei Tage dauerte. Denn in der Bibel, spricht Gott: „Recke Deine Hand gen Himmel empor, so soll Finsternis über Ägypten kommen, so daß man die Finsternis wird greifen können... Da kam dichte Finsternis über Ägypten – drei Tage lang.“ Unsere Finsternis hat Monate gedauert, und man darf sagen, daß nicht wir nach ihr, sondern sie nach uns -gegriffen hat. Kurzum, diese Finsternis ist schlimmer als die biblische gewesen, schlimmer sogar als die Verdunkelung in den Kriegstagen.

Und der Mensch war der Spielball dieser Finsternisse. So manch einer hatte es vordem nicht gewußt, daß die Finsternis’ an dem Menschen zu nagen vermag, wie es die Kälte tut. Finsternis und Kälte aber sind wie zwei miteinander verschworene Dämonen, die den Menschen im Genick hocken und auf der Brust und überall.

Da lagen also die Menschen – mit wenig Kaloden inwendig –, in ihren mehr oder minder primitiven Betten, und die dünnen Decken wurden wie eine abgezogene, frostige Haut, und die Finsternis umwehte die Menschen, und sie starrten ins .Dunkle, das wie eine Glocke, aus der es kein Entrinnen gibt, über sie gestülpt war. Und sie wußten nicht mehr: war der kleine Raum hoch oder niedrig, in dem sie lagen, ein Zimmer oder ein Sarg?

Irgendwo in der Nachbarschaft war jemand von einem Hustenanfall heimgesucht. Es war, als ob ein Gespenst heiser in die Nacht hinausbellte, in eine endlose Nacht. Und es klang ein Echo mit wie ein Gelächter des Teufels. Jemand sagte: „Der macht es auch nicht mehr lange!“ Ein anderer meint: