Der diesjährige Goethepreis’-Träger der Stadt Frankfurt, der Heidelberger Professor Karl Jaspers, hielt bei der Feier der Preisverteilung einen Vortrag über das Thema „Unsere Zukunft und Goethe“, dem wir den folgenden Auszug entnehmen:

In dem Übergang der Geschichte der Nationalstaaten in die Geschichte der Weltmächte sind wir Deutschen als Großmacht endgültig von der Weltbühne abgetreten. Unsere, Lage ist vielleicht am ehesten mit der der Juden nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar zu vergleichen, Aber uns ist kein heiliges Buch, uns ist nur unsere Sprache geblieben. Wir stehen, wenn wir nicht als amorphe Masse, uns selber verhaßt, als Material von anderen verbraucht werden wollen, vor der Notwendigkeit einer Revolution unserer Seele, die über unseren Wert in der Zukunft entscheiden wird. Diese innere Revolution kann nicht durch Maßnahmen und durch Umerziehung zustandegebracht. sie kann nicht geplant und gewollt werden, sie ist Sache des einzelnen: Die Bedingung für diese, innere Revolution ist die Klarheit des Wissens um die geschichtliche Situation der Menschheit wie der Deutschen im besonderen. Dazu ist die Besinnung auf das Vergangene nötig, ein Durchschauen der Ideale, denen wir verfallen waren. Jede Beziehung zu unseren Ahnen bedarf einer neuen Aneignung ihrer Werte. Wer nicht durch die Schule des Nihilismus gegangen ist. wird nicht den Grund der Zukunft finden ... Goethe – darin gipfelt Jaspers Deutung – war vielleicht der einzige Mensch. der sich in solcher Vollständigkeit verwirklicht hat und durch Selbstdarstellung zum Bild wurde, Er ist uns kein Mythos, sein Leben ist keine Legende. Wir können mit ihm leben und damit vielleicht erst eigentlich zum Deutschen und zum Menschen werden. Aber wir? dürfen Goethe auch nicht übersteigern. Seine schöpferische Gestaltung, der Naturanschauung ist unbestritten, aber diese gesamte Erkenntnis hat nichts zu tun mit dem eigentümlichen Aspekt der modernen Naturwissenschaft. Goethes geradezu leidenschaftliche Ablehnung Newtons verrät seine heimliche Furcht vor der heraufkommenden. auf der gewaltigen Abstraktion der modernen Naturbeherrschung beruhenden Welt, von der er ahnte, daß sie die Werte. die ihm teuer wären, in Gefahr bringen werde. Die Aufgäbe, in dieser neuen Welt einen Weg zu finden, erklärte er nicht, sondern blieb in Bildern und Kategorien der alten Welt befangen, die für uns unzureichend sind. Uns ist die technische Welt Schicksal. Wir müssen – Goethe zum Trotz – diese Aufgabe ergreifen, wenn wir leben wollen.

Es gibt noch eine andere Auflehnung gegen Goethe. Sie ist gegen das gerichtet, was man seine harmonische Grundauffassung und seine heidnische Weltbejahung genannt hat. Wir haben Situationen kennengelernt, in denen wir nach Shakespeare, Homer oder der Bibel griffen, Situationen, in denen uns Goethes heiteres Weltbild kaum erträglich war.

Es gibt eine Grenze des Menschen, um die Goethe weiß, vor der er aber zurückweicht aus Furcht, er könnte an ihr zerbrechen. Er wehrt sich gegen Kants Wissen um das Radikal-Böse. Das ist die zweite Grenze, an der er stehen blieb, während uns das Schicksal weit über sie hinausgetragen hat. Aber es gibt noch eine dritte. Goethe hatte; wie ihm Kierkegaard vorwarf, kein Pathos. Wenn eine Situation für ihn kritisch wird, springt er ab, er dichtet sie. Vielleicht hat er diesen Ausweg am wenigsten in der Zeit seiner Gemeinsamkeit mit Frau von Stein gesucht. Vielleicht hat er damals anders gelebt als vorher und nachher. Vielleicht trifft auf jenen Abschnitt seines Lebens der Vorwurf des mangelnden Pathos am wenigsten zu. Damals fand er den Glauben an den Adel des Menschen (Iphigenie). Allein, dieses Leben.sagte Goethe auf die Dauer nicht zu. Es kommt die Flucht nach Italien, der Bruch mit Frau v. Stein. Im Sichbewahren seiner Natur verzichtet Goethe auf das ihm nicht Gemäße. Er geht in die Einsamkeit, es überkömmt ihn das Mißvergnügen vor der Welt. Für den Nachfolgenden, der sich Goethe zum Vorbild nimmt, könnte Kierkegaards Kritik an Goethe wahr werden. – Als Philosoph entwickelt Goethe kein beherrschendes? originales Lebensbild, aber er hat eine philosophische Gesamthaltung. Was immer er erfährt und erblickt, er findet ein bedeutendes Wort dafür. Er bleibt im höchsten Maße Herr seiner Gedanken. Er entwirft kein System. Es ist eine großartige Unentschiedenheit des undogmatischen Menschen in ihm. Er lehrt, man solle das Unerforschliche ruhig verehren. Jaspers stellt die Frage, ob seine Abwehr hier nicht zu früh eingesetzt hat.

Unter welchem Aspekt kann heute, da nach Jaspers Ansicht, die Zeit des Goethe-Kultus vorüber ist, eine neue Aneignung Goethes kommen? Wir dürfen den Blick in den Abgrund, den Goethe verworfen hat, nicht scheuen. Wir finden bei ihm nicht mehr Befreiung von der Last, die uns auferlegt ist. Uns Heutigen ist Goethe nur Orientierung. nicht Nachahmung. Goethe wirkt wie eine Verbreiterung des Mensch-Seins, ohne doch der Weg für uns zu werden. Es geht von ihm eine Gefahr aus, der er selbst, nicht erlegen ist, die aber der deutschen Entwicklung verhängnisvoll wurde. Denn es ist nur ein Schritt von dem Ernst des ringenden Menschen zum Egozentrischen hin, von der Tiefe Goethescher Gedanken zur Unschärfe verschwommener Bilder, von der Alt-Offenheit Goethes zur Charakterlosigkeit. Diese Unterschiede sind mitunter nicht erkannt worden, man hat versucht, mit Goethe alles zu entschuldigen ... Treffliche Menschen glauben noch heute, sich mit Goethes humanitas identifizieren zu können. Wir glauben es nicht. Wir haben Goethes Grenzen durchbrochen. Vor uns steht, wenn wir geistig weiterleben wollen, die Notwendigkeit einer Revolution auch der Goethe-Aneignung. Diese bedeutet, Wahrhaftigkeit zeigen, keinen Menschen vergöttern. keinen Kult treiben. Im einzelnen Men- – schen liegt heute mehr denn je Ursprung und Entscheidung über die neuen Werte. Goethes Werke können, wie er selbst sagte, niemals populär werden, aber sie können vielen einzelnen in dem „gestellten Sinne wegweisend sein. Das erneuerte aus Goethes in Frankfurt – sagt Jasper (und gibt mit eine Nutzanwendung seiner Deduktionen) – darf darum weder eine Relique noch eine Kultstätte fern sie soll eine Stätte der Anschauung und Forschung sein, denn das Verständnis von Goethes Werk bedarf des Studiums. Wer heute mit Goethe lebt, vollzieht, unwillkürlich bald Ansätze Im einer Goethe-Forschung. Aber Goethe lebt für Uns im Wort und nur darin. Alles, andere ist nur Hilfsmittel zu seinem Verständnis.

Robert. Strobel