Elsa Brandström zum Gedenken

Von Eric M. Warburg, New York

Elsa Brandström, die große Wolltäterin aller Verfolgten, ist am 4. März in New York gestorben.

Als die Tübinger Universität der Schwedin Elsa Brandström den Ehrendoktor der Rechte verlieh, hieß es in der Urkunde: „...die den Geboten des Herzens folgte, mutig aufstand für die Unterdrückten und Schwachen, die siegreich das Menschenrecht gegen Macht verteidigte, die Brücken von Nation zu Nation und von Mensch zu Mensch schlug, die mächtiger war, als das Gesetz sie je errichten kann.“ Es gibt keine bessere Kennzeichnung für ihr Tun als diese Worte, mit denen ihr jene Würde zuerteilt wurde.

Elsa Brandström ist in der Welt bekannt als der „Engel von Sibirien“. Die Tochter des schwedischen Gesandten in St. Petersburg betreute als Vertreterin des Schwedischen Roten Kreuzes die Kriegsgefangenen des ersten Weltkrieges, die in den Lagern über das ganze riesige russische Gebiet verstreut waren. Sie war in dieser Zeit oft die einzige Frauunter Tausenden von Männern und arbeitete ohneUnterbrechung für die Rettung zahlloser Menschenleben. Sie brachte medizinische Hilfe in die Lager, in denen Flecktyphus ausgebrochen war, brachte den Gefangenen in Sibirien Kleidung, Kraft und seelische Stärkung den Männern, die wußten, daß sie ihre Familien niemals wiedersehen würden. Ihre Unbeirrbarkeit,ihr Organisationstalent und ihre Überzeugung, daß es ihre einzige Aufgabe sei, für jene zu sorgen, die in Not waren, trugen ihr die Bewunderung und Achtung aller einander widerstreitenden Mächte im gequälten Rußland ein. Als sie 1918 bis 1920, inmitten der Revolution, ganz allein in Sibirien blieb, schrieb General Alfred Knox, der damalige Chef der britischen Militärmission in Sibirien: „Der Krieg hat vieleHeldinnen in den verschiedenen Nationen hervorgebracht, aber nach meiner Meinung nie wieder jemanden, der mehr wert wäre, verehrt zu werden, als Elsa Brandström.“

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Erst nach dem Friedensschluß, als sie wußte, daß die Gefangenen, die noch am Leben waren, in ihre Heimat zurückkehren würden, machte auchsie sich auf den Heimweg. Aber obgleich ihre Freunde versuchten, sie nunmehr in Schweden zu halten, da ihr Werk getan sei, ging sie balddarauf nach Deutschland. Sie hatte den sterbenden Gefangenen versprochen, ihre Familien aufzusuchen und dafür zu sorgen, daß ihre Kinder versorgt und erzogen würden. Auch wollte sie denen, die als letzte in ihre Heimat zurückgelangt waren, helfen, in ein normales Leben zurückzufinden. Und so errichtete sie das Kinderheim Neusorge und das Genesungsheim für kranke Kriegsgefangene, Marienborn, nachdem sie in Skandinavienund Amerika das Geld dafür durch Vorlesungen zusammengebracht hatte. Dort wirkte sie und schenkte vielen Menschen neue Hoffnung: zeigte ihnen neue Ziele. Es gab damals kaum einen Menschen, der ihren Namen nicht kannte, kaum eine Stadt, die ihr nicht Ehrungen zuteil werden ließ.

1929 heiratete Elsa Brandström Professor Robert Ulich; bis 1933 führte sie ihre Arbeit in Deutschland fort. Dann kam Hitler. Elsa Bandström-Ulich und ihr Mann waren schon ihrer Natur nach seine Antipoden. Alles, woran sie geglaubt hatten, alles, wofür siegewirkt hatten, war nun nicht mehr gültig. Und so gingen sie nach Amerika. Jetzt änderte sich ihr Leben. Sie zogen nach Cambridge, Massachusetts, wo Ulich Professor an der Harvard-Universität wurde. Elsa Brandström liebte Amerika und erwarb die amerikanische Staatsbürgerschaft. Aber wer solche Größe des Herzens und Geistes besaß, wer denMenschen und die Menschlichkeit so liebte und ein solches Gefühl für die Unteilbarkeit der Welt besaß, konnte nicht lediglich ein Bürger der Vereinigten Staaten sein. Und als die ersten Opfer Hitlers unseren rettenden Kontinent erreichten, fühle sie sich ihnen nahe,da auch sie zu den Vertriebenen gehörte. So nahm sie ihre Arbeit wieder auf, und bis zu den letzten Tagen ihres Lebens gab sie Tausenden von Menschen, die ein neues Leben in einem neuen Lande begannen, Mut und Hoffnung.

Dieses Werk war ihr Triumph. Ein Werk ohne Sensationen, ohne Romantik, ohne Prestige. Es war unpopulär, voller Schwierigkeiten und obendrein mit Vorurteilen und Feindseligkeiten belastet. Die Flüchtlinge waren Ungebetene, Mißverstandene, Bedürftige. Elsa Brandström-Ulich stand ihnen zur Seite und baute zwischen ihnen und dem neuen Lande eine starke Brücke. Mit erstaunlicher Vitalität, mit dem starken Glauben, daß nichts unmöglich sei, schuf sie Arbeit und fand Zuflucht und Freunde für die vielen, die zu ihr kamen, Rat und Hilfe zu suchen. Sie gewöhnte sich an die amerikanischen Sitten, und mit ihrer lebhaften Einfühlungsgabe vermittelte sie sie den Flüchtlingen, für die Amerika fremd war. Klar und mutig eröffnete sie ihnen, was sie finden und was sie nicht finden würden und wußte immer Rat, die unvermeidlichen Zusammenstöße mit der Wirklichkeit zu mildern. Wenn wir heute mit Stolz auf jene neuen Bürger sehen, die auf die Flucht vor Hitler zuuns kamen, so müssen wir dankbar anerkennen, daß vielen von ihnen durch Elsa Brandström der Weg geebnet wurde.

„Ein zufriedener Mensch“,so schrieb sie einmal „besitzt die Fähigkeit der Selbstkontrolle, aber nicht jene Art derSelbstkontrolle, die darin besteht, alles zu ertragen und mit allem zufrieden zu sein, sondern vielmehr jene Selbstkontrolle, die die Fähigkeit gibt, zu kämpfen,zu warten, und langsam, ohne Selbstgerechtigkeit ans Ziel zu kommen. Ein zufriedener Mensch besitzt die Kraft und die Stärke, die nötig ist, das Leben nicht zu fürchten.“

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