Unser Zustand vor der Währungsreform ist ein

„Hangen und Bangen in schwebender Pein“. Man wartet darauf wie auf eine zugleich notwendige, schmerzhafte und gefährliche Operation: zwischen Furcht und Hoffnung. Für diese Gemütsverfassung ist es nicht gerade förderlich, wenn die Chirurgen dunkle Orakelsprüche von sich geben, wenn der Patient längere Zeit im unklaren darüber gelassen wird, wann, wo, wie und von wem er operiert werden soll. Der Patient wird dadurch nur immer nervöser, und letzten Endes ist sein Gesundheitszustand am Tage der Operation für deren Gelingen nicht ganz unwesentlich.

Die Hochflut der Pressekonferenzen zur Frage der Währungsreform legt es wirklich nahe, Frankfurt mit Delphi zu vergleichen, wo in grauer Vorzeit die Priesterin Pythia den Ratsuchenden tiefsinnig, aber auch doppelsinnig die Zukunft deutete. Damals hatte man Seher, die dann wieder das Orakel auszulegen hatten. Inzwischen ist dieser Beruf leider ausgestorben, denn der Journalismus kann kaum als vollwertiger „Ersatz“ Geltung beanspruchen?

General Clay hat erklärt, man habe in der Frage der Währungsreform auf Viermächte-Basis keine Fortschritte erzielt. Darüber, ob man trizonal oder bizonal irgendwie weitergekommen sei, wollte sich der General nicht äußern. Er wies es von sich, die Währungsreform jemals als eine deutsche Angelegenheit bezeichnet zu haben. Wohl sei er ständig bemüht, deutsche Vorschläge entgegenzunehmen, aber eine so unpopuläre Maßnahme könne deutschen Behörden nicht zugemutet werden, man müsse sie auf die Schultern der Militärregierung nehmen. Auf die Frage, was für den Fall vorgesehen sei, daß die Deutschen bereit wären, die Verantwortung für die Währungsreform von sich aus zu übernehmen, antwortete der General ausweichend. Im übrigen wies er die Vermutung zurück, jemand könne in den amerikanischen Währungsreformplan Einsicht genommen haben. Ein solches Papier existiere überhaupt nicht; falls es aber doch existiere, so sei es so alt, daß es heute nur noch den Wert eines Stückchens Papier habe.

Diese wahrhaft pythischen Äußerungen veranlaßten den Wirtschaftsdirektor der Doppelzone, Dr. Erhard, zu der Erklärung, die Währungsreform sei eine notwendige und populäre Maßnahme. Er habe die Hoffnung, daß die deutschen Vorschläge, wenigstens in den wesentlichsten Punkten, Berücksichtigung finden würden. Auch Dr. Pünder legte auf die Feststellung Wert, bisher sei noch kein Vorschlag deutscher Stellen durch die Militärregierung abgelehnt worden. Daher werde kaum die Möglichkeit eintreten, daß deutsche Politiker die Verantwortung für eine den Verhältnissen nicht genügend entsprechende Reform ablehnen müßten.

Wenn hier überhaupt eine Deutung zulässig ist, so diese, daß die in Deutschland bestehende Herrschaftsform, nämlich eine an kein Statut gebundene Militärregierung, sich gründlich überlebt hat. Tatsächlich hat eine deutsche Instanz, die „Sonderstelle Geld und Kredit“, in der alle Parteien vertreten sind, auf Grund eines übereinstimmenden Beschlusses einen umfassenden Plan zur Währungsreform vorgelegt. Dieser deutsche Plan hat den entscheidenden Vorzug, daß er die Währungsreform nicht als eine isolierte Maßnahme betrachtet. In Deutschland kann nirgends mehr allein wirtschaftlich-finanziell geplant werden, es gehört immer die soziale Gerechtigkeit dazu. Nur eine Währungsreform, die vom Gedanken des sozialen Lastenausgleichs ausgeht und ihm Genüge tut, entspricht unseren Notwendigkeiten. Diese Verbindung von Währungsreform und Lastenausgleich ist die Grundidee des deutschen Plans, ebenso wie wieder die Vorschläge zur Steuerreform auf ihn abgestimmt sind. Die drei Neuordnungen des Geldes, des Eigentums und der Steuern bilden eine große – Einheit, eine Gesamtreform, mit der den Deutschen das Vertrauen zum Gelde und zu Recht und Billigkeit, zugleich aber auch die Arbeitsfreude wiedergegeben werden muß. Das ist eine deutsche Angelegenheit, und wenn sich die Deutschen darüber einig sind, so sollte die Sache damit entschieden sein. Es ist nicht einzusehen, welcher der drei Besatzungszwecke – Demilitarisierung, Denazifizierung, Demokratisierung – hiermit irgendwie in Konflikt geraten könnte. Wir glauben mit guten Gründen, daß hier unsere eigenen Köpfe für die notwendigen Erkenntnisseund unsere eigenen Schultern für die Übernahme der Verantwortung die geeignetsten sind.

Hätten wir das Besatzungsstatut und die notwendige Trennung zwischen Besatzungsarmee und ziviler Kontrollkommission, so wäre alles klar, und es müßte gar nicht über Zuständigkeiten orakelt werden, auch nicht über Popularität oder Unpopularität einer Maßnahme, auf die weder das eine noch das andere zutrifft, am wenigsten aber über einen selbständigen amerikanischen Plan, für den der Sachlage nach kein Bedarf besteht, und wäre auch sein Wert größer als der des Stücks Papier, auf dem er geschrieben ist.

Die Zeit drängt. Es sind nicht mehr viele Wochen übrig bis zur neuen Ernte, deren Ablieferung gegen altes und wertloses Geld mit keiner noch so gründlichen „Erfassung“ zu erzwingen sein wird. Da muß gehandelt werden, schnell und energisch, ohne jede Rechthaberei und ohne jede Machthaberei. Der deutsche Plan liegt vor. Nicht pythische Worte, sondern klare Taten sind das Gebot der Stunde. Fr.