Von Egon Vietta

Können in der Krise des Geschäftstheaters, an der selbst so ruinierte Länder wie Deutschland und Östereich leiden, die theoretischen Einsichten Bertold Brechts außer acht gelassen werden? Der hartnäckige Theoretiker der asketischen, streng diesseitigen Bühne wartet noch immer in Zürich auf den Einlaß in Deutschland. Zürich hat während der Exilsjahre sein dramatisches Werk am sorgfältigsten gepflegt. Dort wurde sein "Galilei" uraufgeführt, der die Wissenschaft an die staatliche Autorität verraten und damit den Grundstein zur abendländischen Misere gelegt haben soll. Seine erschütternde "Mutter Courasche und ihre Kinder", die er kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges schrieb, ist mittlerweile auch in Deutschland gespielt worden. Seine Parabel vom "guten Menschen in Sze-tschuan" schien am meisten geeignet, so etwas wie der "Nathan der Weise" des zwanzigsten Jahrhunderts zu werden, doch fehlt dem Brechtschen Rationalismus die universale Humanität, die seinen aufklärerischen Ahnherrn Gottfried Ephraim Lessing adelte. Zweifellos hat sich auch Brecht im Leid der Exils- und Kriegsjahre zueiner gütigeren Auffassung vom Menschen geläutert. Im jüngeren Brecht, zumal in den Bemerkungen zur Drei-Groschen-Oper, wäre kein Platz für den Humor gewesen, mit dem seine Komödie "Herr Puntila und sein Knecht" den Hörer bei der Züricher Uraufführung überraschte. –

Die Komödie bildet eine Ausnahme, einen Sonderfall im Werk Brechts; sie hat nichts mit der grimmigen Bitterkeit zu schaffen, die seine Hitler- und Kriegsreportagen wie "Glanz und Elend des Dritten Reichs" oder der "Soldat Schweik im zweiten Weltkrieg" (noch nicht aufgeführt) durchtränkt. Als die Puntila-Komödie 1940 in Finnland auf dem Gut der finnischen Dramatikerin Hella Wuolijoki entstand, schien Brecht auch noch weit von der konzessionslosen Kälte entfernt, mit der er an die Bearbeitung der Hölderlinschen "Antigone" heranging. Dennoch ist selbst diese Komödie eine Zweckkomödie geworden.

Brecht versichert, daß an der Komödie kaum eine Figur, kaum ein Satz frei erfunden sei. Das erinnert an die Selbstlosigkeit, die vor hundert Jahren Elias Lönnrot zur epischen Schlußredaktion des "Kalewala" befähigte. Aber hinter den Erzählungen, die Brecht sammelte, steht nicht die urwüchsige Landschaft, der unverbrauchte Mensch und sein Sagengut, sondern der Mensch der modernen Gesellschaft, der im Grunde Brechts letzter und einziger Gegenstand ist. Dieser reiche Gutsbesitzer Puntila, der seine Tochter Eva an den geleckten, marionettenhaften Attaché verkauft, ist nicht nur Junker, Ausbeuter und Geschäftsmann, sondern der "Beinahe-Mensch". Er ist "beinahe" Kommunist; er hätte beinahe seinen Chauffeur Matti an Stelle des Attaches mit der Tochter Eva verheiratet, er hätte, dem kerngesunden Matti "beinahe" eine Fabrik verschafft. Aber es wird nichts daraus. (Auch Brechts "Schweik" ist ja der Mensch des Beinahe, der ewige Kompromißler.) Ein Ausbruch elementarer Menschlichkeit, wie er sich in der sogenannten "Hatelma-Szene" ereignet, nähert diesen Puntila den Dostojewskijschen Brüdern Karamasoff. Es fehlt nur der gewaltige metaphysische Hintergrund. Brecht sieht einzig die soziologische Wirklichkeit, Darum läßt er die Bräute des Herrn Puntila ihre trostlosen Existenzverhältnisse im Stil des Lehrgedichts aufsagen? darum werden die Arbeiter des Herrn Puntila um ihre Konkurrenzchancen geprellt, und das Festmahl ist – im Gegensatz zu dem saftigen ersten Akt von Zuckmayers "Des Teufels General" – romantischer Marionettenspuk. Am stärksten ist Brecht, wenn er die zartesten Gefühlsregungen mit einer sachlichen Feststellung auffängt; so etwa, wenn Matti und Eva über den Fang von Krebsen plaudern. Im ersten Teil der Komödie sind ihm aberauch einige echt komische Szenen gelungen.

Brecht hat an der Einstudierung offenbar stärksten Anteil genommen. Die Regie im Züricher Schauspielhaus ist nicht immer überzeugend; im "Puntila" gelang dem Regisseur Kurt Hirschfeld eine fast vollkommene Lösung. In Theo Otto stand der Spielleitung einer der phantasievollsten Bühnenbildner zur Seite. Der sanguinische Puntila Leonard Steckels und der unerschütterliche Matti Gustav Knuths waren zwei prachtvolle Typen. Eine geniale Leistung darf nicht unerwähnt bleiben: die Emma Dachenainen Therese Giehses brachte es fertig,, die undramatischen finnischen Einzahlungen der Komödie zu einem ergreifenden Mittelpunkt zu steigern.

Brecht fordert (genau so wie Gründgens), daß die Bühne vorbildliche Grundaufführungen festlegen und an die Provinztheater verleihen solle. Das hieße das Prinzip der Serienproduktion auch auf die Bühne anwenden, wie es ähnlich auch in der Sowjetunion gehandhabt wird. So ist Brecht folgerichtig dazu übergegangen, die Einstudierung seiner "Antigone" in Chur als gültige Vorlage photographisch festzuhalten. Auch hier zeigt sich, daß für ihn die Bühne das Studio bleibt, in dem der Stil mit jedem Stück neu ausexperimentiert wird. Er leistet in diesem Punkte dasselbe für das Schauspiel, was Carl Orff für die Oper anstrebt. Beide verfolgen das Ziel, die Bühne vom Rausch- und Klangtheater zu säubern.

Bertolt Brecht ist ein Kanzelredner der Vernunft. Auch sein "Puntila" will nicht schmunzelnd zeigen, wie die Welt nun einmal ist, sondern beweisen, daß sie anders sein könnte. Aber die Geschichte erkundigt sich nicht beim Dichter, wie sie sich verhalten solle. Dagegen ist es möglich, daß sie sich des Zweckrationalismus eines Brechts bedient, um den Menschen auf eine andere Weise sichtbar zu machen: nicht nur als Teil der Gesellschaft, sondern als denExponenten von Mächten, die uns verborgen sind. Daß sie uns aber verborgen sind, gehört, um mit Hegel zu sprechen, zur List der Geschichte.

Die neue Komödie wurde in Zürich mit starkem Beifall aufgenommen.