Von Werner Hofer

Eine Umfrage der Rundfunkzeitung „Hör zul“ hatte zwar ergeben, daß Jazz von der Mehrzahl der Hörer abgelehnt wird, sofern er frisch und frech und „bot“ auftritt, und tatsächlich hatte dort auch ein aus Amerika heimgekehrter Fachmann dargetan, sogar in der Neuen Welt liebe man die Jazzmusik nur „sweet“. Nun aber mehren sich die Anzeichen, daß am Jazz-Baum sozusagen ein neuer wilder Zweig gewachsen ist. Die Abart heißt „Bebop“. In Westdeutschland (wo es im Hörsaal der Kölner Universität sogar zu einer flotten Debatte für und gegen Bebop kam) ist schon nach den neuen Klängen getanzt worden. Über die spezifische Eigenart des Bebop aber konnte nur die Lektüre amerikanischer Zeitschriften eine Ahnung vermitteln ...

Man kann es nicht singen. Man kann es nicht tanzen. Vielleicht kann man es nicht einmal überstehen. Das ist Bebop.“ So steht’s in der Spitze, einer Untersuchung des neuen musikalischen Phänomens in Collier’s Magazin.

Das erklärt manches, aber noch nicht alles.

Gründlicher in seiner Erklärung ist Louis Zuccaro, ein Jazz-Experte aus Chicago, der zweiten Hauptstadt des Jazz (neben New Orleans), indem er einen „literarischen“ Vergleich zu Hilfe nimmt. Er sagt: wenn der berühmteste Jazz-Trompeter, Louis Armstrong, einen Brief schreiben würde, so könnte es etwa heißen: „Lieber Joe, ich bin jetzt in St. Louis. Es ist eine traurige Stadt, aber mir gefällt’s hier. Es gibt hier eine Menge Nachtleben und allerhand ‚Remidemmi‘, obwohl manches traurig ist. Ich wünschte, du wärest hier bei mir, weil wir allerhand Jux zusammen machen könnten. Dein getreuer Louis Armstrong.“ Ein klarer Brief. Und so klar – meint Zuccaro – spielt Armstrong auch seinen Jazz. Würde aber Dizzy Gillespie, der Vater des „Bebop“, dasselbe sagen wollen, so würde er etwa schreiben: „Dein getreuer Dizzy Gillespie, traurig verrückt. Remidemmi. Lieber Joe. St. Louis.“ – Nach diesem Vergleich scheint „Bebop“ zwar verblüffend knapp, jedoch nicht allzu logisch zu sein.

Die Beboppers in den USA bezeichnen ihre musikalische „Bewegung“ als eine Revolution, als einen Aufstand gegen den Dixieland-Jazz, der ihren Ohren konservativ und reaktionär erscheint. (Und doch ist dies jener Jazz, der seinerseits für den durchschnittlichen kontinentalen Geschmack viel zu verwegen klingt.) So zeigen die Bebop-Schöpfer denn aus, um – wie es in einem Bericht der Jazz-Reporter Harry Henderson und Sam Shaw heißt – „mit einem Saxophon und einer Trompete die Mauern des Dixieland-Jazz umzublasen.“ Indessen stößt der Bebop auch im Lande der unbegrenzten (musikalischen) Möglichkeiten viele Jazz-Freunde alten Schlages vor den Kopf, die behaupten, es sei eine „abstrakte“ und ausgeklügelte Musik, nach der man nicht einmal tanzen könne. Hier der Verzweiflungsschrei eines Tanzdielendirektors: „Diese Vögel sind dabei, der Gans den Hals umzudrehen, die uns die goldenen Eier legte.“ – (Die „Vögel“ sind die Beboppers, und mit der Gans ist der Jazz à la Benny Goodman oder Glenn Miller gemeint.)

Der Bebop ist geboren in einem Lokal zu Harlem, wo New Yorks Musikanten zu ihren nächtlichen Improvisations-Stunden, den jamsession, zusammenkamen. (Man weiß, daß auch der alte, nun längst besänftigte Jazz aus der freien Improvisation entstand.) Dort also klagten die eigentlichen Erfinder Dizzy Gillespie und „Yardbird“ Parker, die beide Jazz-Solisten ersten Ranges sind: „Da stehen wir nun mit unserer Technik und spielen immer nur ‚humptata, humptata, humptata‘...“ Kurz, sie waren des besänftigten Jazz-Tones überdrüssig. „Bebop erlaubt mehr Ausdruck. Er erlaubt, musikalischer zu denken und zu fühlen, mehr als irgendein anderer Stil.“ Das sagte einer der Väter dieses neuen musikalischen Gedankens. – Eines muß man den Beboppers lassen: – sie sind konsequent. Sie haben den Jazz, soweit er „Sweet“ ist, verworfen und neue Effekte eingeführt. Von Melodie halten sie offenbar wenig. Sie klingt nur gelegentlich und beiläufig durch. Um so mehr halten sie „von neuen, interessanten Effekten“, die sie hauptsächlich in Dissonanzen finden. Die Tonarten Dur und Moll sind liquidiert und die einfachen tanzbaren Rhythmen eliminiert. Man werde den Zugang zu seinen Geheimnissen leichter finden, meint ein Berichterstatter von drüben, wenn man ein wenig neurotisch sei ...

John Birks („Dizzy“) Gillespie, ein Halbblut, stammt aus dem Staate Süd-Carolina. Er ist dreißig Jahre alt und bläst Trompete. Sein Miterfinder Charles („Yardbird“) Parker, ein Vollblut-Neger, ist ein Sohn des Truman-Staates Missouri. Er ist ein Jahr jünger als sein Kampf- und Zunftgenosse. Gillespie hat sich mit seiner Bebop-Band sogar auf Europa-Tournee begeben und in Pariser Nachtlokalen hat man sich für ihn begeistert. (Die Zazous zwischen Boul’ Mich’ und Tabu sind ohnehin jazz-fanatischer als selbst die leidenschaftlichsten Jazzfuns zwischen Chicago und New Orleans.) – Übrigens: bei der Debatte über Bebop in Köln hat es mehr Pro- als Kontra-Stimmen gegeben...