Der Mensch als Zerstörer der Natur

Das technische Ingenium der modernen Zeit hat die vertrauensvolle und gläubige Zusammenarbeit mit der Natur zum Verschwinden gebracht und den Kampf gegen die Natur eröffnet. Damit hat es begonnen, die Daseinsgrundlage der Erdbewohner anzugreifen und in Gefahr zu bringen ... Diese furchtbare Tragik lastet auf dem Schicksal einer Welt, die in des Herrgotts Werkstatt einbrach und hier das Geheimnis gigantischer Kräfte entwendete, um es in eigener Regie zu nutzen und – zu mißbrauchen ... Die Frage ist akut geworden, wie die Erde ihre Bewohner von morgen ernähren soll. Das Hungergespenst umkreist das Erdrund im fortschrittlichsten aller Jahrhunderte genau so mitleidlos wie früher, die Unterernährung ist eine chronische Welterscheinung geworden... Nicht die politischen Entscheidungen, die in diese bewegten Zeiten fallen, sind ausschlaggebend für das Wohl und Wehe aller Völker auf dem Erdball, ausschlaggebend für heute und für die Zukunft wird vielmehr die neue Ordnung sein, die der Mensch in seinem Verhältnis zur schöpferischen Natur, seiner Nahrungsspenderin, zu finden bereit ist. Die ersten Schritte auf dem Wege in die Wüste sind getan. Wird dieser Weg zu Ende gegangen? Das ist die bange Frage, die innerlich die geistige Führerschicht aller Nationen bewegt.“

In diesen Sätzen aus dem Buch A. Metternichs (Verlag Friedrich Trüjen, Bremen) klingt etwas auf, das im Unterbewußtsein der Menschen unserer Tage kaum mehr lebendig ist. Die scheinbare Mühelosigkeit Und trügerische Leichtigkeit, mit der unser technisches Zeitalter die Natur zur Hergabe alles dessen zwingt, was wir zum Leben brauchen, hat im zivilisierten Menschen Kräfte verfügbar gemacht, die in früheren Jahrhunderten von der Sorge um das tägliche Brot und die individuelle Existenz beansprucht wurden, und die sich in unseren Tagen mit dem Herummanipulieren zwischenmenschlicher Beziehungen beschäftigen. Und weil es heute die Mehrzahl ist, die sich auf solche ungekonnte und fundamentlose Weise mit der res publica befaßt, wird der Begriff der Führung durch die Besten entwertet, entsteht die Masse als staatspolitischer und soziologischer Faktor, geht das Einzelindividuum in seinem eigenen Geschrei unter.

Und da kommt nun jemand und mahnt: Ihr organisiert und debattiert euch zu Tode. Als atomisierte Bestandteile von Massenballungen sozialer, politischer und wirtschaftlicher Zweckvorstellung verliert ihr den Boden unter den Füßen und kämpft in Wolken von Schlagworten Schlachten um mißverstandene, chimärenhafte Begriffe. Unterdessen aber vernichtet eure Technik und euer Unverstand den Boden, der euch ernähren muß, die Wurzeln, aus denen eure Persönlichkeit als Einzelmensch ihre Kraft ziehen sollte. Ihr kämpft auf falscher Ebene. Löst euch heraus aus den Haufen dieser polemisierenden, Falschmünzerei treibenden Menschenmassen und nehmt euch wieder der Dinge an, mit deren Gedeihen euch der Herrgott unlösbar verflochten hat, der Erde und des Wassers, der Wälder und der Wiesen, der Tiere und der Blumen. Wenn ihr fortfahrt, sie sinnlos zu zerstören, so werdet ihr eines Tages voller Entsetzen aus den Wolken eurer gespenstischen Streitereien um die Staatsformen und um die Wirtschaftssysteme und um die menschlichen Freiheiten herunterstürzen und gemeinsam mit euren Opfern verhungern und zugrunde gehen. Und wo wäret ihr der letzten Wahrheit von Menschtum, Freiheit und Menschenwürde näher als in einer friedlichen Harmonie mit dem Schöpfungsgefüge, im ehrlichen Schaffen treuer Hände, in redlicher Sorge um die Pflege der Naturkräfte, die nicht nur eure physische sondern auch eure seelische Existenz als Gottes Stellvertreter auf Erden erhalten?

Jedes der Kapitel in Metternichs Buch ist, ohne es auszusprechen, eine zwingende Mahnung in diesem Sinne. In allen Teilen der Welt gesammelte Einzelheiten fügen sich zu erschütterndem Beweismaterial für den Unverstand des zivilisierten Menschen und zu einer flammenden Anklage gegen seinen Übermut und seine kosmische Verantwortungslosigkeit zusammen.

Die Fruchtbarkeit des Bodens nimmt überall ab. Statistiken, die von gesteigerten Hektarerträgen in intensiv bewirtschafteten kleinsten Ausschnitten der Erdoberfläche sprechen, täuschen herüber hinweg, daß die Erde nichts verschenken Kann, daß kein Boden auf die Dauer mehr herzugeben vermag als man ihm zuführt, und daß erst das kommende Jahrhundert sein Urteil abgeben wird über Wert oder Unwert der Metholen, mit denen-/wir heute die Erträge steigern, in erschreckend großen Teilen der Welt ersteht ins der Industrialisierung der Landwirtschaft oder aus der Waldvernichtung das Gespenst der Erosion, der Auswaschung und Sterilwerdung der Böden. Millionen Hektar wertvollster Ländereien in Ostasien, Afrika und Amerika sind in den letzten hundert Jahren durch uns Menschen zur Wüste geworden. Das Waldareal der Welt nimmt ständig ab, was bleibt, wird rücksichtslos überbeansprucht. In Amerika ist heute noch der Abgang an Holz und Wald rund dreimal größer als der Zuwachs. Westeuropa braucht heute etwa 70 000 000 Festmeter mehr Holz als es produzieren kann. Wie lange ist es denn her, daß jedes Stück gerodeten Waldes eine Kulturtat zu sein schien? Mit dem Wald zerstören wir den Wasserhaushalt. Die Grund Wasserstände sinken in allen Teilen der Welt. Nur wenige Dezimeter einer solchen Senkung bedeuten oft den Untergang ganzer Vegetationen, die der Mensch noch nicht direkt zerstört hatte. Dann beginnen die Regen die kahlwerdende Erde aufzupeitschen, anstatt in sie einzusickern und tragen den Mutterboden zu Tal. Die Flüsse vermögen zeitweise das zu schnell abfließende Wasser nicht mehr zu fassen, treten über ihre Ufer, zerstören Millionenwerte und reißen weitere Millionengewichte der Erde mit sich fort. Das abfließende Wasser wird dunkel mit dem Humus, den es in den Flüssen auf Nimmerwiedersehen in die Ozeane trägt. Das Wasser des gelben Flusses in China trägt 50 Prozent Erdstoffe mit sich, Zehntausende von Tonnen jeden Tag. Das Gelbe Meer, in das er mündet, ist das Grab der Fruchtbarkeit. Dann gibt es Zeiten, da trocknen in vielen Gebieten die Flüsse fast aus und stellen die menschliche Wirtschaft in Frage.

Der Kampf gegen diese Rache der geschändeten Natur hat überall begonnen. In Kalifornien wird das Wasser des Zentraltales im Mündungsgebiet des Sakramentoflusses aufgefangen und durch gewaltige Pumpwerke wieder in die austrocknenden Gebiete seines Oberlaufs zurückgepreßt, um dort zum zweiten Male seine segensreichen Funktionen zu erfüllen. Überall in Amerika entstehen gigantische Staudämme, werden wie im Tenesseetal ganze Flußsysteme künstlich bewirtschaftet, da man ihr natürliches Gleichgewicht vernichtet hatte. Aber ist es noch Zeit, die Kette der Kausalzusammenhänge zu durchbrechen, die die unmäßige Begehrlichkeit des Maschinen menschen in der Natur ausgelöst hat? Gigantische Summen werden zur Wiedergutmachung begangener Fehler ausgegeben. Aber die Staubecken versanden, weil der Boden in den Quellgebieten weiterhin ausgespült wird, und die entstandenen Wüsten fressen sich überall weiter, weil der Wind mit ihrem sterilen Sand die Nachbargebiete bedeckt.