Selbst wenn die Uraufführung dieses von Hofmannsthal bewußt fragmentarisch – eben in einzelnen, zeitlich weit auseinanderliegenden Akt-Veröffentlichungen – herausgegebenen Dramas nicht den stillen, aber unüberhörbaren Rang gehabt hätte, zu dem die Regie Heinz Hilperts ihm verhalf, würde diese, Aufführung des „Deutschen Theaters in Konstanz“ den Stempel des Außerordentlichen schon dadurch tragen, daß sie ein vereinzelter, wenn nicht der einzige Versuch war, den 75. Geburtstag Hugo von Hofmannsthals als Anstoß für die immer dringlicher und anziehender werdende Auseinandersetzung mit einer über Zeit und Zeitgeist hinausragenden Erscheinung zu nehmen. Es gibt zu denken, daß ein halbes Jahrhundert verging, bis diese Arbeit des Dichters in der ihr zugedachten Form Leben erhielt und daß sie – freilich in einem geistigeren Sinne, als es routiniertes Theater gemeinhin versteht – jene Wirkung erzielte, für die die Schablone das gängige Wort Erfolg bereit hält.

Es will wenig wiegen, daß man das Stoffliche auf E. T. A. Hoffmanns „Bergwerke von Falun“ oder auf J. P. Hebels rührende Kalendergeschichte von dem verschütteten Bergmannsbräutigam zurückführen kann. Was dort spukhaft oder sagenselig Bericht war, ist hier, zudem völlig ungebunden auch in den Linien des Geschehens, eine Einfahrt in die letzten Grunde menschlicher Existenz geworden – wenn man im Dichter die Vorhut alles Menschlichen anerkennt.

Hofmannsthal war 25 Jahre alt, als er diese Einfahrt in das Bergwerk zu Falun unternahm. Vielleicht ist es das Vermächtnis dessen, der sich „Loris“ nannte und den die Menge meint, wenn sie an Hofmannsthal denkt, den zu erkennen und abzumessen nun an der Zeit wäre. Insofern mag es, noch dem magischen und sich seiner noch nicht voll bewußten Weltgefühl des Frühreifen verhaftet und dabei doch vor den Toren des offenen Lebens angesiedelt, die Schwelle darstellen, über die der Weg zu dem erkennenden, wägenden, eigener und menschlicher Tragik bewußten Deuters führt, der sich das leichte Singen verbietet und – ähnlich wie Paul Valéry – „unter Tage schafft“, das Ererbte des Europäischen aus den Händen der Goldschmiede zurücktragend in die Adern der innersten Bereiche, zum Ende, zu neuem Anfang – wer sagt es ... Hilpert will (gewiß nicht ganz ohne die Initiative seines dramaturgischen Mitarbeiters G. F. Hering) noch in diesem Jahr Hofmannsthals Spätdrama „Der Turm“, das antike Spiel „Ödipus und die Sphinx“ und die Komödie „Christinas Heimreise“ folgen lassen, und er bedeutet damit, daß er nicht Gelegenheitstheater spielt, sondern – manchen äußeren Schwierigkeiten zum Trotz – „die Menschheit über die Mode“ stellt und der letzten und universalen Sendung des Theatralischen inne ist. Wenn das in seiner Kapazität wohl beschränkte, aber seiner Strahlungsmöglichkeiten noch längst nicht bewußte Konstanz am Beispiel seines Theaters erkennen würde, welchen Schatz aus ihm zu heben Kräfte berufen und bereit sind – es könnte nicht zögern, aus wohlwollendem Abwarten in leidenschaftliche Aktivität überzugehen und seine Stunde zu erkennen.

Vielleicht ist der Regie nichts Rühmlicheres nachzusagen als dies, daß sie alles tat, sich selbst vergessen zu machen und die Schauspieler so liebevoll und klug an ihre beste Möglichkeit heranzuführen, daß es Hofmannsthal war und blieb, der da redete. Die junge Margrit Erisinger, Arthur Mentz (Gast aus Wiesbaden in der Rolle des dämonischen Torbern), der junge Bergmann Fritz Eberths, Maria Rilz und Friedrich Georg Richter waren in den entscheidenden Figuren beredte Zeugen für die Kunst Hilpertscher Menschenführung. Die der Uraufführung beiwohnten, unter ihnen Gäste aus dem ganzen Westen, aus Frankreich und der Schweiz, ließen in ihren Beifallsbekundungen, so nachdrücklich sie waren, die verhaltene Erschütterung erkennen, die den Atem des Stückes durchschwang, das nun ohne den lebenden Dichter „als ein geisterhaftes Wesen den schweren geheimen Kampf mit den feindseligen nächsten Dezennien auf sich nahm“ und – bestand. Rudolf Hagelstange