Von Jan Molitor

Vor dem Schwurgericht begann in Hamburg der lange erwartete Prozeß gegen Veit Harlan, den Regisseur des ,,Jud-Süß“-Films. Hauptpunkt der Anklage: Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

An den Kiosken Hamburgs wird augenblicklich eine blaugeheftete Schrift verkauft: „Jod Süß – Historisches und juristisches Material zum Fall Veit Harlan.“ Darin ist ein Brief Harlans vom Juli 1948 an den heute in New York amtierenden Rabbiner Joachim Prinz abgedruckt: „Der Prozeß mag ausgehen wie er will – es ist meine tiefste Überzeugung, daß er Unheil bedeutet, Unheil für das Judentum, Unheil für das geschlagene deutsche Volk ... Es wird ein – Sensationsprozeß ersten Ranges werden.“ Die ebenfalls abgedruckte Erwiderung des Rabbiners – auf diese Sätze lautete: „All das soll die Konsequenz eines Prozesses sein, der im Namen der Gerechtigkeit und des Rechtes feststellen soll, wieweit Sie verantwortlich zu machen sind für den Film ‚Jud Süß‘, von dem Sie sagen, daß er nicht antisemitisch sei und daß er wenig Schaden angerichtet habe?“ In einem hat Harlan recht behalten: Sein Verfahren, das vor genau einer Woche begann, ist ein Sensationsprozeß ersten Ranges geworden. Und in dem anderen mag der Rabbiner Prinz recht haben –: darin nämlich, daß er sagte, Harlan, der von so großen Dingen wie „Unheil für das deutsche Volk“ und „Unheil für das jüdische Volk“ sprach, hätte die Perspektive für die richtigen Verhältnisse verloren ...

Wer ist Veit Harlan? Das Schwurgericht unter dem Vorsitz des Landgerichtsrates Dr. Tyrolf hat sich am ersten Tage der Verhandlung bemüht, hinter seine Persönlichkeit zu kommen. Sohn des Bühnenautors Dr. Walter Harlan, geboren 1890 in Berlin, verheiratet mit Dora Gerson, dann mit Hilde Körber und heute mit Kristina Söderbaum; Schauspieler, der seine künstlerische Prägung durch Reinhardt und Jeßner erfuhr; Filmregisseur, der an seinem ersten Film „Krach im Hinterhaus“ 3000 Mark und an seinen letzten Filmen das Höchsthonorar von 80 000 Mark verdiente. Aber was sagt das über seine Persönlichkeit aus?

Immerhin ist vor Gericht doch seine künstlerische Figur einigermaßen deutlich geworden –: Veit Harlan ist ein Besessener; er ist dies – wohlverstanden – nie im politischen Sinne gewesen; er war besessen von seiner Aufgabe als Regisseur. Veit Harlan war unter den deutschen Regisseuren derjenige, der nicht durch Originalität seiner Einfälle, sondern durch die Intensität seiner Arbeit hervorragte. (Manche Szene, die er drehte, war typisches Ufa- oder Tobis-Klischee, aber jede Szene war vollkommen in ihrer Art.) Sein Temperament war stets größer als sein künstlerisches Kritikvermögen; aber dieses sein „zupackendes“ Naturell treibt ihn zu präzisen vitalen Äußerungen – auch vor Gericht. Kurzum: auch vor Gericht bleibt er keine Antwort schuldig. Er tut alles, aus seinem Prozeß eine Sensationsaffäre zu machen.

Der mit Recht wegen seiner hetzerischen Tendenz angeprangerte antijüdische Film (den sich das Schwurgericht vorführen ließ) schildert, daß der Finanzagent des württembergischen Herzogs Karl Alexander an den Galgen mußte, weil er „sich mit einer Christin fleischlich vermengt“ habe. Aber Veit Harlans erste Frau ist Jüdin gewesen. Er betont dies heute vor Gericht, um zu beweisen, daß er kein Antisemit war. (Er war es sicherlich nie.) Er deutet an, daß er selbst durch seine Ehe mit einer Jüdin... Veit Harlan müßte ein Zyniker von abgründigem Range gewesen sein, wenn er „Jud Süß“ in seinem Film wegen eines „Deliktes“ am Galgen enden ließ, das man im „Dritten Reich“ unseligen Angedenkens „Rassenschande“ nannte, er, der doch selbst mit einer Jüdin verheiratet gewesen war. Aber Veit Harlan ist gewiß kein Zyniker. Seine Unbekümmertheit, durch die er den Gerichtssaal manchmal erstaunt, stammt offensichtlich aus jener ein wenig naiven Augenblicks-Geistesgegenwart, die, wie gesagt, mehr eine Äußerung des Temperaments als der Überlegung zu sein scheint und die ihn vor Jahresfrist zu der unvorsichtigen, in Filmkreisen viel besprochenen Äußerung hinriß: „Die Welt ist rund. Eines Tages wird meine Frau wieder auf der Leinwand sein und ich neben der Kamera.“

Auch dies ist ein Beweis dafür, wie gering seine Begabung für ernsthafte Überlegung ist. „Glaubt er denn wirklich?, fragte ein Prozeßteilnehmer, daß diese Schwurgerichtsverhandlung für ihn eine Reklame sein kann?“ Reklame für einen Filmregisseur, der wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt ist? Zwar ist sein Film packend durch die Dramatik der Szenen, aber er ist zugleich (vor allem für jemanden; der ihn seinerzeit, als er gefährlich aktuell war, nicht sehen konnte) erschütternd in seiner aufhetzenden Stellungnahme gegen das Judentum; dies sogar in der abgemilderten, weil gekürzten, für Holland bestimmten Fassung, die dem Gericht vorgeführt wurde. Aber Veit Harlan sagt, er habe das damals vorgelegene, von Goebbels inspirierte Drehbuch nach Kräften entgiftet. Seine Verteidigung liegt – ob ihm dies klar ist oder nicht – auf derselben Linie der Argumente, mit denen sich auch in Nürnberg die des Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagten Männer verteidigt haben: er konnte, wie er sagt, einem „dienstlichen Befehl“ den Gehorsam nicht versagen; er konnte nur das Schlimmste verhüten.

Ein schlimmeres Machwerk, als es sein „Jud-Süß“-Film darstellt, ließ er zu seiner Entlastung dem Schwurgericht vorführen –: es war ein sogenannter „Dokumentarfilm“, den ein beamteter Günstling des Ministers Goebbels, Fritz Hippler, zur Hetze gegen die Juden angefertigt •hatte; ein Bildstreifen, der, indem er die Juden mit den Ratten vergleicht, ungefähr das Widerlichste darstellt, was sich auf dem Gebiete der Massenverhetzung denken läßt. Dieser Hippler, so heißt es, wird als Zeuge im weiteren Verlauf des Prozesses auftreten, und niemand zweifelt, daß er sich – gleich Harlan – auf einen Befehl berufen wird, den Goebbels erteilte. Ja, der Schatten, den Goebbels auf diese Schwurgerichts-Verhandlung wirft, ist so groß und düster, daß nan spürt: Goebbels ist der eigentliche Angeklagte. „Er war die Verkörperung des Bösen schlechthin“ –: dies sagt Harlan, dies sagen seine Zeugen. „Wenn er ins Zimmer trat, so bitte man das Gefühl, der Tod selber sei hereingekommen ...“ Goebbels wußte, vermutlich schon zur Zeit, ab er den „Jud-Süß“-Film befahl, was Harlan nicht wissen konnte –: daß die Juden dem brutalsten Massentod hingegeben werden sollten. Es ist keine Frage, daß dieses Verbrechen an sechs Millionen Juden ebenso wäre begangen worden, hätte Harlan meinen Film nicht gedreht. Aber da stand Norbert Wollheim, der stellvertretende Vorsitzende des jüdischen Zentralkomitees der britischen Zone, als Zeuge vor Gericht, erzählte vom Vernichtungslager Auschwitz, von dieser mechanisierten Hölle, der er seine Frau und sein Kind überliefern mußte, erzählte schlicht und sachlich, wie schon die Ankündigung des „Jud Süß“-Films die Juden in panischen Schrecken versetzt hätte. Und man begreift, wie der Rabbiner Joachim Prinz in seinem Antwortbrief an Harlan schreiben konnte: „Ich habe mit Menschen gesprochen, die zum Beispiel in Krakau im Jahre 1945 die Wirkungen Ihres Filmes selber mit eigenen Augen sehen und später am eigenen Körper gespürt eichen Veit Harlan aber bleibt bei seinem Argument, er habe wohl ein Filmdrama um einen verbrecherischen Juden, doch keinen einen semitischen erst recht keinen hetzerischen antigenascht; vielleicht glaubt er dies, Weil er keinen Hetzfilm machen wollte. Wobei er vergißt, daß im „Dritten Reich“ jeder Film, der einen Juden der Leinwand zeigte, eine hetzerische Tendenz haben mußte; sonst hätte der Filmstreifen schwerlich die Zensur passiert.