Während die Verhandlungen um den Atlantikpakt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Westeuropa und Skandinavien lenken und immer neue Probleme und Schwierigkeiten den Abschluß dieses Vertragswerkes hinauszuzögern drohen, werden an anderer Stelle meist unter Ausschluß der Öffentlichkeit Verhandlungen geführt und Schwierigkeiten allmählich aus dem Wege geräumt: ein neuer Bündnisblock beginnt sich abzuzeichnen – der Mittelmeerpakt.

Die Probleme, mit denen die Staatsmänner bei seiner Vorbereitung zu kämpfen haben, schienen noch zur Zeit der UNO-Vollversammlung im Herbst so unüberwindlich, daß die damalige Initiative des griechischen Außenministers Tsaldaris trotz ihrer lebhaften Unterstützung durch den türkischen Außenminister kaum mehr als akademisches Interesse fand. Heute sprechen amerikanische Blätter schon von einem Wettlauf zwischen den beiden Paktsystemen, wenn auch offizielle Stellen immer wieder betonen, daß erst der Atlantikpakt unter Dach und Fach gebracht sein müsse, ehe man an den Abschluß eines Mittelmeerpaktes denken könne.

Diesmal war es die Türkei, die den griechischen Plan des Vorjahre wieder aufgriff und durch ihren Außenminister Sadak in London und Paris konkrete Vorschläge unterbreitete. Man denkt is Ankara und Athen an zwei Regionalabkommen, von denen das eine Griechenland, Italien, Frankreich und Spanien, das andere die Türkei, Israel, die arabischen Staaten, Iran und vielleicht auch Pakistan umfassen soll „Nur durch diese Ergänzung vermag der Atlantikpakt seine Funktion zur Verteidigung Europas zu erfüllen“, schrieb die offiziöse Ankataer Zeitung Ulus und die Istambuler Cumhuriyet fügte hinzu: „Mit einem solchen Pakt wären auch die Zugänge zu den Erdölvorkommen des Nahen Ostens gesichert. Nur so ist die Rote Flut aufzuhalten.“ In Washington scheint man den Hinweis auf die Sicherheit der Ölfelder recht gut verstanden zu haben, zumal auch noch andere Interessen der USA für den Abschluß des Mittelmeerpaktes sprechen. Der Einschluß Israels in das Vertragswerk würde dieses Land endgültig an den Westen binden und seine Beziehungen zu den arabischen Staaten auf eine neue Grundlage stellen; die amerikanische Mittelmeerflotte würde neue Stützpunkte, die US-Luftwaffe neue Flughafen eralten, und auch das spanische Problem, an dessen Lösung das Kriegsministerium nicht weniger interessiert ist als das State-Department, könnte eine organische Lösung finden.

Auch London scheint dem Pakt wohlwollend gegenüberzustehen. Bei den Besprechungen des türkischen Außenministers mit Bevin wurde die Gültigkeit des anglotürkischen Beistandspaktes von 1939 ausdrücklich betont; man hofft wohl auch in Downing Street, den britischen Einfluß in der Türkei, der gegenüber dem amerikanischen seit 1945 stark zurückgegangen ist, durch den Pakt wieder steigern zu können. Der Zusammenschluß der arabischen Länder innerhalb eines großen politischen Rahmens vermag nach britischer Ansicht zudem für London unerwünschte innen- und außenpolitische Folgen des unglücklichen Palästinafeldzuges im arabischen Raum auszugleichen.

Frankreichs Haltung ist noch nicht ganz eindeutig. So sehr sich die militärischen Pläne der Vierten Republik gerade auf das Mittelmeer als Nachschub- und Rückzugslinie stützen, so wenig ist man von der Aussicht begeistert, mit Spanien gemeinsame Sache machen zu müssen; auch befürchtet man in Paris von dem starken arabischen Anteil an dem geplanten Pakt Schwierigkeiten mit dem sich wieder stärker regenden Nationalismus In Nordafrika. Die Abneigung beruht übrigens auf Gegenseitigkeit: Italien und Spanien, wohl auch die Türkei, scheinen wenig Wert auf Frankreich als Bündnispartner zu legen, da es militärisch schwach sei und nur den Löwenanteil der amerikanischen Hilfe schlucken würde. Selbst in amerikanischen Zeitungen taucht daraufhin der Plan auf, diese Schwierigkeit durch die Aufnahme eines „unabhängigen oder autonomen Nordafrika“ in den Pakt zu umgehen – ein Plan, der in Paris nur Abscheu hervorrrufen kann.

In zäher Arbeit bleiben die Staatsmänner der Mittelmeerländer bemüht, diese Schwierigkeiten beiseite zu räumen, Knoten zu entwirren und gemeinsame Nenner zu finden. Man darf gespannt sein, wie weit der Mittelmeerpakt im Wettlauf mit dem Atlantikpakt noch aufholen wird.

Peter H. Schulte