Zum ersten Male seit zehn Jahren nehmen die Lagerbestände in den meisten Branchen des Einzelhandels wieder zu; es wird weniger verkauft, als an Ware hereinzubekommen ist. Diese Feststellung, gelegentlich der letzten Beiratssitzung der Hauptgemeinschaft des Einzelhandels in Düsseldorf gemacht, kennzeichnet die Wandlung der Marktsituation ebenso wie die Wettbewerbs- und Preistendenz. Reichliches Warenangebot bei gleichzeitiger Zurückhaltung der Verbraucher haben bei vielen Artikeln bereits dazu geführt, daß die Ware den Käufer wieder suchen muß und daß auch bei bewirtschafteten Erzeugnissen nicht mehr das Bezugsrecht, sondern die D-Mark den Absatz reguliert

Aus dieser Entwicklung ergeben sich für den Einzelhandel verschiedene betriebswirtschaftliche Folgerungen. Als Gemeinschaftsaufgabe einer größeren Zahl ausgesuchter Betriebe ist vor kurzem noch gerade rechtzeitig der Betriebsvergleich angelaufen, der durch das Handelsinstitut der Universität Köln auf Grund jetzt regelmäßig monatlich eingehender Berichte bearbeitet wird und bei seiner weitgehenden Aufgliederung nach Branchen und Sparten, Geschäftsgroßen und -formen jedem Unternehmen die Möglichkeit gibt, seinen Standort innerhalb gleichgearteter Betriebe zu ermitteln und Ansatzpunkte für Kostensenkungen zu finden. Ferner werden die früher aufgestellten Buchführung richtlinien überprüft und in Kürze den Firmen in verbesserter Form als Grundlage für die betriebliche Kostenrechnung empfohlen werden.

Für die Rationalisierung des Ein- und Verkaufs werden im Ausland im Laufe der letzten Jahre gewonnene Erfahrungen und Methoden auf ihre Anwendbarkeit für deutsche Verhältnisse untersucht, wobei zum Beispiel das in USA bewährte System der „freiwilligen Kette“ Erfolge verspricht. Es besteht darin, daß eine bestimmte Anzahl von Einzelhändlern sich mit einem Großhändler zusammentut, der sozusagen als Einkaufszentrale fungiert, das Warensortiment teilweise bestimmt, gemeinsame Maßnahmen, etwa in der Werbung, anregt, jedoch dem einzelnen Geschäft nicht seine wirtschaftliche Selbständigkeit nimmt.

Die Verkürzung der Warenwege ist ein weiteres Ziel, das nicht allein vom Einzelhandel angestrebt werden sollte. Wenn bei Spinnstoff waren heute 50 bis 60 v. H. der Einkäufe gegen früher 15 v. H. über den Großhandel laufen, weil zahlreiche Fabrikanten Ware nur noch über abgegliederte eigene „Großhandels“-Firmen abgeben, die zum Teil sogar den gleichen Namen führen, so zeigt dies ebenso wie das Auftauchen vieler branchenfremder Auch-Großhändler, wo anzusetzen ist, wo also Möglichkeiten für Kosteneinsparungen bzw. Preisreduzierungen bestehen.

Die wahrscheinlich erfolgende Aufhebung der restlichen Verbrauchsregelungen im Schuhsektor stimmt ebenso hoffnungsvoll wie die Einfuhr von 90 000 t Baumwolle im 1. Halbjahr 1949, womit die Spinnkapazität der Doppelzone ausgelastet wäre. Für den Verbrauch wird 1949 eine Pro-Kopf-Menge von 9,70 kg Spinnstoff verfügbar sein, oder rund 800 g im Monat, gegen nur 50 g noch im Oktober 1948. Schon wird der Markt in Oberbekleidung als gesättigt bezeichnet; in anderen Handelsbranchen liegen die Dinge ähnlich. Damit ist deutlich der Umschwung der Verhältnisse gegenüber der Zeit vor der Geldreform gekennzeichnet. Sf.