Die Wirtschaftslage Argentiniens hat sich, wie dpd berichtet, derart zugespitzt, daß „nur eine sofortige Dollaranleihe“ helfen könnte. Aus Wallstreet verlautet, daß die Aussichten dafür ungünstig sind. Die Gewährung einer Anleihe von Regierung zu Regierung werde dadurch erschwert, daß Argentinien, weder Mitglied der Weltbank ist, noch dem Internationalen Währungsfonds angehört. Somit wäre Argentinien zur Zeit für seinen Dollarbedarf ausschließlich auf seine Exporterlöse und auf die nach dem La Plata abfließenden Marshall-Plan-Mittel angewiesen.

„La Nacion“ analysiert die wirtschaftliche und finanzielle Lage des Landes im Lichte des Zentralbankenausweises vom Jahresultimo 1948, wonach die Gold- und Devisenreserven binnen Jahresfrist: von 3,6 auf 2,4 Mrd. Pesos oder um 33 v. H. zurückgegangen waren. Der Notenumlauf hingegen hat sich um 1,3 auf 5,3 Mrd. Pesos erhöht.

Begünstigt durch den Kriegs- und Nachkriegsbedarf der Welt an Weizen, Mais, Pflanzenöl, Fleisch und Wolle hatte Miguel Miranda eine doppelte Preispolitik nach innen und außen betrieben. Während die Inlandspreise für Agrarprodukte nicht einmal entsprechend der Peso-Inflation erhöht werden durften, blieb Argentinien den internationalen Wirtschafts-Organisationen fern, die Mangelgüter nach einem Preis verteilten, der auf dem USA-Heimatmarkt fußte.

Die Kritik Argentiniens betraf den Verteilungsschlüssel der UNO, die politischen Erwägungen den Vorrang vor dem Bedarf und der Zahlungsmöglichkeit der Länder gab. Die Ausnützung der Konjunktur durch Argentinien – bei 30 v. H. bis 50 v. H. überhöhten Preisen gegenüber dem (restlichen) „Weltmarkt“ – war jedoch auch mit Handels- und Devisenbeschränkungen verbunden, die eine stetige, auf längere Sicht gegründete Exportverbindung ausschlössen. Die Anstrengungen aller Länder, ihre Erzeugung und ihren Handel zu steigern, hätte vor allem Argentinien berücksichtigen müssen. Statt dessen legte Miranda die „kurzfristigen“ Gewinne aus seinen überlebten Exportpreise“ „langfristig“ in der Industrialisierung Argentiniens an. Innerhalb eines Jahres erreichten diese Gewinne 1 Milliarde Pesos, die in kapitalbedürftigen Projekten versanken.

Die Hoffnung Argentiniens, nach den USA und (über Einkäufe des Marshall-Planes) zusätzlich zu exportieren, wurden enttäuscht. Der Export Argentiniens in die USA erreichte 1948 zwar 200 Mill. $ (gegen 700 Mill. $ in 1947), jedoch betrugen die Importe aus den USA 230 Mill. $, so daß ein großes Defizit entstand. Die kühlen Begehungen zwischen den USA und Argentinien spielten hierbei eine geringere Rolle als die Preispolitik Peróns, der glaubte, seine Bedingungen diktieren zu können. Für 1948 erreichten die Einkäufe aus dem ERP in Argentinien knapp 3 Mill. $ und für Südamerika insgesamt 42 Mill. d. h. nur 3 v. H. des südamerikanischen Exports allein in die USA, welcher sich insgesamt tm 20 v. H. verminderte. Die dadurch entstandene „Dollarknappheit“ zwang sämtliche südamerikanischen Staaten zu empfindlichen Kürsungen der Importe aus den USA, die infolge der steigenden (Dollar-)Preise auch mengenmäßig schrumpften. Das Verhältnis von Agrarprodukten und Rohstoffen zu Industrie-Erzeugnissen hat sich im Laufe des vergangenen Jahres zugunsten der letzteren verschoben.

Da sich im letzten Jahr bereits die Mangellage bei Weizen, Mais und Pflanzenöl normalisiert hat, darf man in diesem Jahr bereits mit einem Welt-Überschuß an landwirtschaftlichen Erzeugnissen rechnen. Kursstürze an den amerikanischen Produktenbörsen geben dieser Entwicklung Ausdruck. Während der Preis je bushel Weizen in den USA von 3,20 $ auf 2 $ abgesunken ist, berechnet aber Argentinien immer noch den Höchstpreis von 3,60 $ je bushel. Daran ändert nichts daß die offizielle Abwertung des Peso etwa 15 v. H. beträgt. Argentinien konnte darüber hinaus die vorige Ernte an Getreide wie seine Erzeugung an Pflanzenöl, Fleisch und Häuten nicht mehr absetzen und hat nun die neue Ernte bereits eingebracht. Selbst die USA stehen vor Absatzschwierigkeiten, seitdem Europas Eigenproduktion. sich erholt hat und Großbritannien seinen Bedarf stärker im Empire (sowie in Osteuropa) deckt. Der Marshall-Plan verspricht nicht einmal den USA den völligen Absatz seiner Getreideüberschüsse.

Daß die jetzige Ernte Argentiniens infolge verminderter Anbaufläche (wegen der schlechten Regierungspreise) und anhaltender Dürre unter Durchschnitt liegt, ist für Perón kein Trost, sondern ein weiteres Problem. Mag bei einem möglichen Dumping die Menge den erhofften Gewinn bringen, so ist eine verringerte Menge zu niedrigern Preis nicht das, was Miranda kurz vor seinem Sturz als „brillante Zukunft“ bezeichnete. Denn daß die argentinischen Preise noch unter den Weltmarktpreis fallen müssen, um gegen die jeweils wirtschaftlich-politische Konkurrenz der USA und Rußlands bestehen zu können, ist eine allgemeine Annahme. Sowohl eine Preissenkung nach innen und außen wie die Abwertung des Peso schließen einen verminderten Lebensstandard für die argentinische Bevölkerung ein, der Perón erst kürzlich eine weitere Erhöhung versprochen hat. Die Abwertung würde zumal die industriellen Fertigwaren verteuern, die finanziellen Auslandsverpflichtungen erhöhen und das Industrialisierungsprogramm aufschieben, da nahezu jeder Nagel Importware ist. Die Preissenkung schließt eine soziale Krise in sich. Landwirtschaft und heimische Industrie würden ausgedehnter Staatshilfe bedürfen, und die Errungenschaften der Masse der Bevölkerung – höhere Löhne, verbesserte Lebenshaltung – würden wieder verlorengehen. Freilich bleiben die argentinischen Löhne nach dreimaliger Erhöhung immer noch um 100 v. H. niedriger als in den USA. Die dürren Jahre der Absatzstockung drohen jedoch nicht nur Argentinien, sondern ganz Südamerika.

Man darf annehmen, daß die USA dieser Entwicklung nicht untätig zusehen werden, zumal sich dort auch in bezug auf leichte Industriewaren ein Produktions-Überschuß ergeben hat, für den sich in Südamerika ein williger Markt öffnet. Der empfindliche Nationalismus der lateinamerikanischen Staaten steht freilich jeder „Überfremdung“ -feindlich gegenüber. Der natürliche Warenaustausch, wie er zwischen den südamerikanischen Ländern und Deutschland gegeben ist, hat daher eine wachsende Chance, Die gegenseitigen Notwendigkeiten dürften auch hier der Besonnenheit allmählich zum Durchbruch verhelfen. EOG