Vor einiger Zeit wußten Zeitungsnotizen österreichischen Ursprungs in großer Aufmachung von einer Wiener Mutter zu berichten: sie, die für ihr todkrankes Kind das Heilmittel Streptomyzin – bedauerlicherweise zu spät – erhalten hatte, erfährt über den Rundfunk von einem Kind in Saarbrücken, das dieses Mittels dringend bedarf, um dem Leben erhalten werden zu können. Die Wiener Mutter meldet telefonisch dem Rundfunk, daß sie über das Heilmittel verfügt, ein Flugzeug startet von Wien nach Saarbrücken, und das Kind in Saarbrücken wird erfreulicherweise gerettet.

Die Handlungsweise dieser Frau, aufgebracht an der Bahre des eigenen Kindes, zeugt zweifelsohne von Mitleid, Güte und rascher Entschlußfähigkeit; sie verdient Achtung als der Ausdruck einer allmütterlichen Verbundenheit, die in unseren erbarmungslosen Tagen gewiß nicht mit der lapidaren Feststellung: „Diese Tat war eine Selbstverständlichkeit!“ verkleinert werden darf. Nun folgte aber dieser Berichterstattung einige Tage später in der österreichischen Presse eine größere Anzahl von Kommentaren an erster Stelle, unter anderem ein langer Leitartikel, der den gütigen Impuls der Wiener Mutter stellenweise folgendermaßen platt zu bewerten versuchte, ihn jedoch gerade damit in der typischen Form geschmackloser Sentimentalität entwertete:

„... das Beispiel jener selbstlosen Wiener Mutter, die am Sarg ihres eigenen Kindes die Todesgefahr nicht übersieht, in der das Kind anderer Eltern schwebt... Sie erhebt trotz des ‚zu spät‘ nicht die Anklage... Diese Geschichte einer heldenhaften Wiener Mutter ... den menschlichen Edelmut dieser Wiener Mutter verspüren ... vom Geist jener Wiener Mutter ... wie die hochherzige Wiener Mutter ...“

Dermaßen also wird die gute Tat einer Frau, die Herz und Initiative gleichermaßen besitzt, mit der Marke „WIENER MUTTER“ in zahlloser Wiederholung österreichisch-sentimental privilegiert, meiner allgemeinen menschlichen Betrachtungsweise lokalpatriotisch-suggestiv entrückt und in würdeloser Form aufgebauscht. Als ob es nicht auch noch anderswo Mütter gäbe...

Dem Wiener Walzer, dem Wiener Wein, der Wiener Küche, der Wiener Gemütlichkeit gesellt sich als Markentyp (made in Vienna) die WIENER MUTTER zu. Und „heldenhaft...?“

Sind denn Telefonanrufe die Wiener Rundfunkzentrale mit Todesgefahren verbunden?

Anton Maria Girardi