Was in der bildenden Kunst oft als Herausforderung auftritt, kann in der Literatur mit ungleich größerer Selbstverständlichkeit wirken und – überzeugen. Was wir heute Surrealismus nennen, das hat sowohl in der klassischen wie in der romantischen Dichtung Vorläufer, die sich in weitaus höherem Grade „eingebürgert“ haben als die entsprechenden – auch zeitlich viel entfernteren – Vorläufer der gleichen Erscheinung in der Bildnerei. Das Auge stößt sich leichter an der Problematik des Gegenständlichen als die abstrakte Phantasie am spielerisch Vorgestellten, am Gedachten.

Dennoch mag sich der Leser selbst wundern, wie willig er einer kombinierten realistischmetaphysischen Konstruktion folgt, wie sie etwa in Franz Krezdorns Novelle „Das ewige Liebespaar“ (Nymphenburger Verlagshandlung, München) vorliegt. Das ist ein in seiner Art (einer sehr eigenen Art) überaus reizvolles Stück sozusagen tändelnd-transzendierender Erzählungskunst, die es fertigbringt, das Gegeneinander von Diesseits und Jenseits zur schließlichen Identität des Ewigen zu verschmelzen. – Nicht so frisch und original, vielmehr eher als Anknüpfung an die manchmal noch gewaltsame Technik etwa eines E. Th. A. Hermann wirken Hermann Wolfgang Zahns Novellen „Zwischenreich“ (Verlag Hans Bühler junior, Baden-Baden). In diesen fünf Erzählungen überwiegt auch – dem genannten Vorbild gemäß – der schaudererregende Spuk, also der ins Unheimliche gesteigerte Kontrast der beiden Ebenen dasGefühl ihrer Einheit im überbewußten Sein. Ob es damit zusammenhängen kann, daß hier auch stilistisch nicht jene abgeklärte Höhe erreicht wird wie in der Dichtung Krezdorns, wäre eine interessante Frage, die näherer Untersuchung wert sein dürfte. – Ins Bürgerlich-Gemütliche, zugleich ins Jovial-Satirische übertragen erscheint die Durchdringung zweier Formen der Wirklichkeit in Wilhelm Weigands schrulliger Zeitkritik „Sebastian Scherzlgeigers Fahrtnach Kautzien“ (Abendland-Verlag,Wuppertal); einer Zeitkritik, deren Stoff wie Gestaltung freilich nicht mehr übermäßigaktuell anmuten und deren charakteristischer Stil seine Ahnen in jener Familie hat, als deren berühmtester Vertreter wohl der Wieland der „Abderiten“ gelten muß. Im strengerenSinne kann hier vielleicht nicht mehr von Surrealismus geprochen werden. Aber dieser „strengere Sinn“ ist nur durch eine modische Tendenz bestimmt, die den geistigen Schauplatz, um den es sich handelt, willkürlich einengt.

A–th

Unter dem Titel „Erzähler der Zeit“ hat Franz A. Hoyer im Schwann-Verlag, Düsseldorf, einen Band moderner Kurzgeschichten herausgebracht. Folgende Hamburger Verleger haben dazu beigesteuert: Rowohlt, Hoff mann & Campe, Wolfgang Krüger, Claaßen & Goverts, sowie der Walter Rau-Verlag, Heidelberg, und der Frankfurter Verlag in Frankfurt am Main. Ungefragt trug auch die „Zeit“ zu dieser Sammlung bei, ungefragt, aber gern. Gerade die in dieser Wochenzeitung zuerst veröffentlichten Stücke – vor allem Ernst Kreuders „Phantom der Angst“ – sind die besten der kleinen Antologie. Aus der „Zeit“ stammen die Beiträge sowohl des ältesten der hier vereinten gegenwärtigen Autoren Hans Leip (geboren 1893) als auch des jüngsten unter ihnen: Paul Hühnerfeld (geboren 1926). Im übrigen sind die deutschen Autoren, die heute „zum Zuge kommen“, Leute um die Vierzig. (Jugend der leicht ergrauten Schläfen.) – Man hat bisher in der deutschen Literatur die „Story“ nicht sehr gepflegt. Die „Erzähler der Zeit“ beweisen immerhin, daß dies Versäumnis heute (nach Kriegsende) eingeholt wurde. Ob es sich um die Arbeiten von Stefan Andres, Günter Eich, Peter Grubbe, Elisabeth Langgässer, Rolf Mayr, Bastian Müller, Ernst Schnabel, Hermann Stahl handelt (um nur einige zu nennen) –: überall wirkt eine packende Prägnanz der Aussage, die danach strebt, auch das Unsagbare zu sagen. Dies aber ist nicht nur ein Charakteristikum der Kurzgeschichte, sondern des modernen literarischen Schaffens überhaupt.

Josef Marein