Von Paul Hühnerfeld

In Hamburg zeigt die Kunstschule am Alsterdamm eine Ausstellung „Reklame im Ausland“. Der deutsche Besucher ist überrascht von der Fülle der künstlerischen Ideen und der modernen Gestaltung dieser Plakate. Schon bald stellt er einen erheblichen Niveauunterschied zwischen diesen Arbeiten und dem fest, was an unseren Litfaßsäulen klebt...

Von Bérard, dem kürzlich verstorbenen, berühmten französischen Maler, wissen war sehr wenige Leute in Deutschland, daß er die besten Plakate und Inserate der französischen Parfümindustrie entwarf. Und die es wissen, sind leicht geneigt, diese Tätigkeit des Meisters für unwesentlich zu halten. Denn wir Deutschen ziehen ja schnell einen Trennungsstrich zwischen Alltag und „hoher Kunst“. Die meisten deutschen Künstler haben sich gescheut, Reklameplakate zu entwerfen. Das überließen sie denen, die oft zwar einen recht guten Sinn für Verdienst, aber kaum feinen Impetus für künstlerische Gestaltung ihrer Aufträge hatten.

Das gute Plakat, das man hier so selten findet, zeichnet. sich durch Ideenreichtum und einheitliche große Farbflächen aus. In Deutschland aber? Immer stand hier der angepriesene Gegenstand, oft mit mehreren Sprüchen umrahmt, im Mittelpunkt der Werbung. Im Ausland änderte sich diese Methode mit dem Aufkommen der modernen Kunst. Die Maler, die dort die Plakate entwarfen, übertrugen ihre Darstellungsart auch auf die graphischen Aufträge. Auf dem Zahnpasta-Werbeplakat beispielsweise erschien nun nicht mehr die Packung, sondern vielleicht eine Blume, die im Beschauer sofort eine Empfindung von Angenehmem, von Duft oder Sauberkeit hervorrief. Oder es erschien eine flächige Farbenzusam- – menstellung, die denselben Effekt erreichte. Das neue Plakat zeigte keine Einzelheiten mehr; seine

Formen waren die Formen der modernen Kunst: oft ungenau, flächig und großzügig, aber immer eindrucksvoll. Die Farbenzusammenstellungen wurden einfach gehalten. Nie mehr als zwei oder drei verschiedene Farben auf einem Plakat – so wollte es die neue Devise, damit das Auge nicht verwirrt und der Eindruck nicht zu differenziert würde. Meist stand auf solchen Plakaten als Text nur ein Wort – ein Wort, das den Beschauer ansprang und bei ihm haften blieb, besser haften blieb als jede lange Abhandlung, die am Ende gar nicht gelesen oder sofort vergessen wurde (bei uns dagegen macht sich noch heute die deutsche Sucht, gründlich zu sein und möglichst ausführlich zu erklären, sogar bis in den Text unserer Werbeplakate hinein bemerkbar).

Gewiß wurden im Ausland nun nicht alle Plakate „abstrakt“ gemalt; es gab und gibt weiterhin ebensoviel gegenständliche Werbeplakate. Aber sie zeichnen sich durch eine Fülle von Ideen aus, die den einzelnen Werbungen Humor, Charme und einen kleinen Schuß ins Freche geben. So sieht man auf den Wintersport-Prospekten purzelnde Schifahrer und auf einem Plakat der englischen Luftlinie ist an zwei viermotorige Maschinen ein Strick gebunden, mit dessen Hilfe sie die fünf Erdteile aneinanderdrücken und zusammenpressen. Jedes Plakat ist etwas Besonderes, jedes hat ‚irgendwie‘-‚irgendetwas‘, so daß man beim Betrachten „Donnerwetter“ sagen möchte...

Aber damit ein gutes Plakat entsteht, dazu braucht es nicht nur einen guten Graphiker. Ein verständnisvoller Auftraggeber ist genau so wichtig. Und die Leute, die es wissen müssen, behaupten immer wieder, daß es in Deutschland an den Auftraggebern fehle und nicht an den Künstlern. Auftraggeber ist die Industrie, der Handel, sind die Kaufleute, die Städte oder auch der Staat. Und über sie beklagen sich die Gebrauchsgraphiker in Deutschland bitter. Sie sagen von ihnen: sie haben die Wichtigkeit einer guten Werbung nicht erfaßt. Bei ihnen herrscht immer noch der falsche, aber echt deutsche Standpunkt; unsere Waren sind unsere beste Reklame. Alles andere ist mehr oder weniger Lug und Trug.