Als sich Norwegen für den Atlantikpakt entschied, war der Ton der schwedischen Kommentare weitaus befremdeter als nach dem Bekanntwerden des späteren gleichen Beschlusses bei den Dänen. Norwegens Schritt zerschlug eine Illusion. Dänemarks Beschluß dagegen befreite Schweden von einer plötzlichen Sorge. Schweden setzt zwar einiges Vertrauen in seine eigene militarische Widerstandskraft, ist sich aber sehr wohl der Grenzen seiner defensiven Möglichkeiten bewußt. Ein Dänemark, das dem schwedischen Beispiel der isolierten Neutralität gefolgt wäre, hätte Schweden den geringsten Gefallen getan. Man darf daher wohl den Behauptungen politischer Kreise im Norden Glauben schenken, denen zufolge Stockholm die dänische Regierung sogar dazu ermunterte, sich so rasch wie möglich neben Norwegen im Atlantikpakt zu verankern. Das Problem des westlichen Flankenschutzes, insbesondere das der wirksamen Verteidigung der Ostseeingänge, ließ sich nicht anders lösen. Schweden selbst jedenfalls hätte es nicht meistern können. Und es erkannte auch jäh die völlige militärische Hilflosigkeit seines dänischen Nachbarn, der als Hüter wichtiger strategischer Positionen nackt und waffenlos dasteht. Daher drängte Schweden die Dänen zu einem Schritt, den es zuvor, als noch die intern(irdischen Gespräche gepflegt wurden, mit Aufbietung seines ganzen Gewichtes zu verhindern gesucht hatte. Es hoffte, daß der Deich im Westen, den es selbst nicht auszubauen vermacht hat, nun doch, noch vor der großen Springflut von anderen Händen fertiggestellt werden wird.

Die Vorbereitungen der schwedischen Verteidigung zielen darauf ab, vor allem die Grenzen und Küsten des Landes zu sichern. Vom nördlichsten bis zum südlichsten Punkte Schwedens sind es 1500 km. In dieser Zahl liegt alles, was über die Schwierigkeiten der gestellten Aufgabe gesagt werden mußte. Für den Schutz der mit Finnland gemeinsamen Nordgrenze ist die Festung Boden der wichtigste Faktor. Stockholm soll durch die Festung Vaxholm auf den Inseln des der schwedischen Hauptstadt östlich vorgelagerten Schärengartens gedeckt werden. Die Schwerpunkte für die Verteidigung der Südküste sind die Festung und der Kriegshafen Karlskrona, während die Westküste durch die Festungsanlagen in den Schirm vor Göteborg in Obhut genommen ist.

Das Wehrpflichtalter in Schweden erstreckt sich auf 28 Jahrgänge. Jugendliche unter 20 und frühere Wehrpflichtige über 48 Jahre leisten dar-Über hinaus ihren Dienst in der schwedischen Heimwehr. In allen Städten und Gemeinden sowie auch in größeren Fabriken ist diese Heimwenn zu beweglichen und unmittelbar einsatzfähigen Gruppen zusammengefaßt. Sie hat nicht nur Gewehre und Uniformen zu Hause liegen, sondem verfügt auch über automatische Waffen und moderne Hilfsmittel zur Panzerbekämpfung. Die unmittelbare Grenz- und Küstenverteidigung erfolgt durch besondere Abteilungen, die in den Gebieten, wo sie zum Einsatz kommen, rekrutiert werden: Auch hier ist das Gewicht auf kurzfristige Einsatzmöglichkeit gelegt. Jeder Ausgebildete kennt im voraus seinen Platz und seine Abgaben. Im mobilen Feldheer, in weichem die jüngsten Altersklassen, also die einsatzfähigsten Treppen zusammengefaßt sind, hat man durch Transport-Organisationen und Panzerbrigaden für rasche Beweglichkeit und erhöhte Schlagkraft gesorgt. Diesem Feldheer obliegt die Aufgabe, sich zum Sprung in die Breschen bereitzuhalten, wenn die Grenz- und Küsten Verteidigung in einzelnen Abschnitten versagen sollte. Artillerie und Fiat wurden in den letzten Jahren wesentlich verwirkt. Statt über vier verfügt jetzt jede Batterie über sechs Geschütze. Die Flak ist mit 4,75 und 10,52-cm-Bofors-Geschützen und zu einem großen Teile mit Radargeräten ausgerüstet. Sowohl Artillerie als auch Flak sind voll motorisiert. Schwedens Luftwaffe besteht fast ausschließlich aus Jägern. Es ist eine bedeutende Anzahl Düsenjäger angekauft worden. Aber das Land selbst ist heute ebenfalls im Begriff, Düsenjäger zu produzieren, unter denen der Typ J 29 1000 Stundenkilometer erreicht. Für ihn ist die Serienproduktion vorgesehen. Mit schnellen Aufklärern und Zerstörern und ambulanten Radarstationen ist die schwedische Luftwaffe eine der modernsten und stärksten Europas. Sie hat 1500 Flugreise in der ersten Linie. Die schwedische Flotte ist weitaus stärker als vor zehn Jahren. Zwei um neue Kreuzer „Tre Kronor“ und „Göta Lejon“ sind mit automatischen Bofors-Kanonen ausgerüstet und mit allen technischen Neuerungen versehen. Das gleiche gilt für den Großteil der neu gebauten U-Boote, Motortorpedoboote und Zerstörer. Schließlich ist noch die Küstenartillerie durch eine Reihe beweglicher Batterien verstärkt worden.

Zusammen mit den Heimwehren kann Schweden heute ein Potential von rund 1 Million waffenfähigen Menschen zum Einsatz bringen. Es wurde kein Opfer gescheut, um die Verteidigung des Landes auf diesen sehr beachtlichen Stand zu bringen, der allen modernen und erreichbaren Erfordernissen Rechnung trägt. Bis 1935 belief sich das jährliche Verteidigungsbudget Schwedens auf durchschnittlich 120 Millionen Kronen und stieg dann im Kriege auf gut 1700 Millionen Kronen. In een Nachkriegsjahren verminderte sich dieser, hohe Aufwand zunächst auf die Hälfte, wird aber in diesem Jahre erneut an die Milliardengrenze gelangen. Dennoch weiß, man in Stockholm heute sehr gut, daß die starke schwedische Bewaffnung mehr den Voraussetzungen des letzten Krieges gerecht wird, als einem kommenden Krieg der weiten Räume und einer eminent fortgeschrittenen technischen Entwicklung. „Mit jeden vergehenden Jahre werden wir militärisch schwicher“, stellt Göteborgs Handelstidning fest; womit das Blatt nicht meint, daß Schweden etwa zu wenig unternähme, um seine Waffen zu vermehren und seine Verteidigungskraft auszubauen, sondern vielmehr zum Ausdruck bringen will, daß die Wehrtechnik den schmaleren schwedischen Voraussetzungen mit Riesenschritten davonläuft. Trott allen Aufgebots an Fleiß und Tüchtigkeit werden also die schwedischen Stahlwalzen kaum in der Lage sein, der Neutralität des Landes einen abermaligen, wirksamen Schutzring zu schmieden.

Gustav Meißner