Es gab viel Kopfschütteln und Rätselraten in der Welt, als Außenminister Molotow und Handelsminister Mikojan durch das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR von ihren Posten entfernt wurden. Man hatte schon seit einiger Zeit viel von angeblicen Spannungen im Moskauer Politbüro orakeln hören, besonders laut und ernsthaft, nachdem Präsident Truman eine Andeutung gemacht hatte, er besäße hierüber zuverlässige Informationen. Im Politbüro, so hieß es, gebe es eine Kriegs- und eine Friedenspartei. An der Spitze der Nationalisten, die eine scharfe Politik gegen die Westmächte forderten, und die angeblich auch vor einem Kriege nicht zurückscheuen sollten, stehe Molotow. Die gegnerische Gruppe, zu der auch Stalin neige, werde von dessen Landsmann und Freund, dem Innenminister Berija. geführt, der als Chef aller Konzentrationslager am besten über die Stimmung im Volke Bescheid wüßte. Diese Gruppe erstrebe eine Verständigung mit dem Westen, damit die Handelsbeziehungen verbessert werden könnten, wodurch es möglich werden würde, den Wiederaufbau der Sowjetunion zu beschleunigen. Der am meisten westlich eingestellte Vertreter dieser Friedenspartei, so wurde allgemein berichtet, sei Mikojan

Mit einiger Verblüffung sahen nun diejenigen, die hieran fest geglaubt hatten – und es waren ihrer sehr viele –, daß durch die Veränderungen im Ministerrat beide angeblichen Gruppen betroffen wurden, und zwar sind gerade diejenigen Persönlichkeiten ausgebootet worden, die als Exponenten ihrer Gruppe gegolten haben: Molotow und Mikojan. Nun könnte man auch daran wieder einen kleinen. Roman knüpfen und etwa ... gumentieren, Stalin habe einen von den beiden beseitigen wollen, dies aber ganz offen zu besorgen, hätte er bei der Stärke von dessen Gruppe nicht wagen können, und so habe er auch einen Mann gehen lassen, den er gern behalten hätte, Mikojan nämlich, und er werde ihn zur gegebenen Zeit schon wieder holen. Das wjirde dann der Theorie von Präsident Truman entsprechen, daß Stalin ein Gefangener des Politbüros sei, und was wir sähen, wäre das Spiel des schlauen Diktators, der sich seiner Fesseln entledigt. Gewiß wäre dies sehr spannend zu beobachten, doch die Vorstellung ist ein wenig zu romantisch, die Wirklichkeit dürfte erheblich nüchterner sein, wobei wir keineswegs verkennen wollen, daß es in Stalins Leben sehr romantische Episoden gegeben hat. Doch spricht viel dafür, daß die Verhältnisse im Politbüro anders liegen, daß es hier keine Parteien und keinen ernsthaften Meinungsstreit gibt, daß dieses Politbüro vielmehr einem Manne – Stalin – gehorcht und alle Entscheidungen, die er getroffen hat, ausführt. Wir wissen aus den Erfahrungen, die wir im Dritten Reich gemacht haben, daß die Männer, die zur näheren Umgebung eines Diktators gehören, wohl miteinander zerstritten sein können, daß aber weder ihre Eifersüchteleien noch ihre in politischer Hinsicht auseinandergehenden Meinungen ernstlich einen Einfluß auf die Entscheidungen des Diktators haben und noch weniger ihn dazu bringen können, gegen seinen eigenen Willen zu handeln. „Gibt es eigentlich erhebliche Spannungen im Politbüro“, fragten wir vor einiger Zeit einen geflüchteten Offizier vom Spionagedienst des MWD. Er sah uns fassungslos an, er begriff die Frage überhaupt nicht, und als wir ihm ausführlich von den Gerüchten erzählten, die in den westlichen Ländern umlaufen, da schüttelte er den Kopf und sagte: „Wenn einer Spannungen hervorrufen will, dann wird er entfernt, dazu ist doch Smersch da“ – Smersch, die Abwehr- und Kontrollorganisation, die aus Mitgliedern verschiedener Ministerien besteht und die nicht nur die auswärtige Spionage und Gegenspionage unter sich hat, sondern auch die Überwachung und Kontrolle im Innern.

Molotow und Mikojan sind – zunächst jedenfalls – nicht „entfernt“ worden, beide sind Mitglieder des Politbüros geblieben, also jenes Gremiums, das unter dem Vorsitz von Stalin die gesamte Politik bestimmt und die Richtlinien für alle Ministerien aufstellt. Sie haben auch ihre vielen sonstigen Ämter behalten, unter anderem sind beide noch stellvertretende Ministerpräsidenten der UdSSR. Dies alles spricht gegen die Theorie, es gäbe im Politbüro einen Kampf zwischen einander feindlich gesonnenen Parteien, einen. Kampf, der so erbittert wäre, daß er sogar die Handlungsfreiheit Stalins einzuschränken vermöchte. Daß die Entlassung von Molotow und Mikojan zur gleichen Zeit erfolgte, beweist vielmehr, daß alle möglicherweise vorhandenen Meinungsverschiedenheiten ohne jeden Einfluß auf die von Stalin bestimmte Politik sind.

Dies ist einstweilen nur eine negative Erkenntnis, insofern als sie Gründe ausschließt, aus denen die Entlassungen hätten erfolgt sein können. Schon dies jedoch ist unendlich wichtig, denn damit wird eine Vorstellung zerstört, die beinahe dazu geführt hätte, der amerikanisches Außenpolitik eine gefährliche Niederlage beizubringen, jene Vorstellung nämlich, man müsse Stalin in seinem Versöhnungswillen gegen die Gegner im eigenen Lager unterstützen und zu diesem Zwecke ihm nötigenfalls weitgehende Zugeständnisse machen. Um solche negativen Erkenntnisse noch zu vermehren und dadurch die ganze Er Frage weiter einzuengen, wollen wir noch daran erinnern, daß Stalin Molotows Vorgänger Litwinow, als die Völkerbundspolitik aufgegeben und das Bündnis mit Hitler vorbereitet wurde, nicht nur entließ, sondern auch in die Verbannung schickte. Ein so drastischer Kurswechsel scheint also diesmal nicht beabsichtigt zu sein. Auch sind die abgesetzten Minister nicht bei soeben noch bekundeter voller Gesundheit eines plötzlichen Todes gestorben, wie vor kurzem Schdanow, der wohl ein wenig zu selbstbewußt eigene Wege ging. Etwaige Abweichungen von der Generallinie, sei es nach der nationalistischen Seite oder etwa im Sinne „zu großer Nachgiebigkeit gegenüber den kapitalistischen Staaten, dürften daher keineswegs so schwerwiegend gewesen sein, daß sie eine politische Gefahr bedeutet hätten. Auch in dieser Richtung also darf man Gründe für den Ministerwechsel aller Wahrscheinlichkeit nach nicht suchen.

Aus der Wahl der Nachfolger lassen sich gleichfalls nicht viele Schlüsse ziehen. Beide, Wyschinski sowohl wie Menschikow, gehören dem Politbüro nicht an, woraus man schließen könnte, daß die Beschlüsse dieses Gremiums in Zukunft exakt und gewissermaßen neutral durchgeführt werden. Wyschinski ist Anwalt und beherrscht vorzüglich die Kunst, mit juristischen Finessen Schwierigkeiten zu bereiten. Damit empfiehlt er sich gut als ausführendes Organ der sowjetischen Außenpolitik. Daß er in seiner Laufbahn verschiedene Vorgesetzte ans Meser geliefert hat, muß nicht unbedingt eine Gefahr, für Molotow bedeuten. Der neue Handelsminister Menschikow hat bereits vor dem Krieg Verhandlungen über Handelsverträge geführt. Er ist Fachmann auf diesem Gebiet, keine glänzende Figur, aber sehr versiert und zuverlässig. Gegenüber denen, die sie ersetzen, sind beide zweifellos – mindestens ihrem Range nach – zweitklassig.

Dennoch ist dieser Ministerwechsel mit einer sehr deutlichen Vorpropaganda erfolgt, die allerdings ihr Ziel nicht erreicht hat. Bevor er stattfand nämlich, erging an alle kommunistischen Parteien außerhalb des Eisernen Vorhangs der Befehl, öffentlich zu bekunden, daß sie bei einem Kriege gegen die Sowjetunion, in den ihr Land verwickelt werden könnte, alles tun würden, was in ihrer Macht stände, um der Roten Armee, zu helfen. Frankreichs Thorez fing damit an – und es bleibt abzuwarten, ob das Parlament seine Immunität aufheben wird, damit der Staatsanwalt gegen ihn Anklage erheben kann. Italiens Togliatti folgte, und nach ihm fiel der Chor aller anderen Länder auf den Wink des Moskauer Dirigenten ein. Es war nicht gerade neu, was man verkündete, und Landesverrat ist eine Parole, welche die kommunistischen Parteien der Westmächte sehr ungern vertreten, nachdem sie eben noch sich radikal nationalistisch gebärdet haben. Von Rußland aus gesehen sollte die Drohung mit einer Fünften Kolonne offenbar Schrecken verbreiten, um dem Ministerwechsel Gewicht zu verleihen.. Der gewünschte Erfolg jedoch ist ausgeblieben, weil man sich in den Weststaaten von den Kommunisten sowieso nichts Besseres versehen hat.

Weder aus der Persönlichkeit der abgesetzten noch aus der der neuernannten Minister und erst recht nicht aus Spannungen im Politbüro läßt sich also die Ablösung im Kreml erklären. Liegen nun vielleicht Tatsachen vor, die beweisen, daß Molotow und Mikojan eine unglückliche Hand in der von ihnen geführten Politik gehabt haben? Fangen wir mit der Handelspolitik an. Mit fast allen westeuropäischen Staaten bestehen kurzfristige Handelsvertäge, mit Italien ist – gewissermaßen programmatisch – gerade der erste langfristige abgeschlossen worden, und man erwartete bisher, daß weitere folgen würden. Mit den Satellitenstaaten haben sich die Handelsbeziehungen verstärkt, Polen und die Tschechoslowakei haben recht erhebliche Kredite erhalten, die sie in den Stand setzen werden, die notwendigen Rohstoffe für ihre Industrie einzukaufen Was die Außenpolitik angeht, so ist die Entwicklung in China ein gewaltiger Sieg über die USA. Weiter hat Mao Tse-Tung der Sowjetunion praktisch Chinesisch-Turkestan – die Provinz Sinkiang – ausgeliefert, damit ist wieder ein Teil des berühmten Gortschakow-Testamentes erfüllt, das auch heute noch die Grundlage für die imperialistische russische Außenpolitik bildet.