Erlauscht von Hanns Braun

Ob ein Liebesbrief Schreiber noch ebenso feurig schriebe, wenn er wüßte, seine Herzensergüsse würden jeweils der besten Freundin vorgelesen? Er müßte es denn rein auf die beste Freundin abgesehen haben! Aber selbst dann, ich weiß doch nicht. Normalerweise schreibt einer, wie ihm ums Herz ist, wenn er weiß, daß es nur DER unter die Augen kommt, die es angeht. Wie

aber, wenn er telegrafiert? Ein Telegramm ist seiner Natur nach zumindest für die aufzunehmenden und weitergebenden Postbeamten ein „offener“ Brief. Gelegenheit also, sich zu wundem oder sonstwie teilzunehmen, – eine Gelegenheit aber, die der pressierte oder des Briefschnörkelns unkundige Drahterich jedoch immer noch der beruflichen Schweigepflicht überantwortet glaubt und von der er zudem hoffen mag, sie stoße in einer Zone tierischen Ernstes auf sozusagen „automatische“ Gleichgültigkeit.

Wie aber steht es um den Fall, der sich unlängst auf einem hübschen Postamt in den bayrischen Bergen, und noch dazu in meiner Gegenwart, zugetragen hat? Hübsch wird dieses Postamt gnannt, weil es aus einer großen freundlichen Halle mit vielen Fenstern besteht, die lediglich durch den Schaltertisch in einen amtlichen und einen publiken Raum abgeteilt erscheint.

Aber jene menschenfreundliche Hübschheit hatte noch ganz andere Vorteile, wie man gleich erkennen wird. Just in dem Augenblick nämlich, wo sich auf „unsrer“ Seite das Briefmarken- und Paketaufgebschlänglein zu ringeln anfing, waren „drüben“ sowohl der Herr Postoffiziant wie das Postfräulein dringend in Anspruch genommen er damit, ein Bündel dringender Telegramme „hinaus“-, sie damit, ein einziges, aber allerdringendstes Telegramm „hinein“, das heißt: an das einsam gelegene Berghotel zu telefonieren, zu der es um diese Zeit keine, geschweige denn eine schnellere Post Verbindung gab.

Es dauert beides eine ganze Weile; aber selten hat man eine Postschlange weniger Zeichen von Ungeduld äußern sehn als diese. Sogar die echten Winterfrischler darunter, die sonst gern durch Anfälle von Gereiztheit dartun, wie erholungsbedürftig sie sind, hielten mäuschenstill; man hätte es geradezu für ein Nachexerzieren in Staatsanbetung halten können. Aber das war es nicht. Und auch das, was es war, war es mit Unterschied. Denn es ist ja kaum anzunehmen, daß die ‚Hinaus‘-Telegramme jene unfreiwillige Zuhörerschaft zweier käfterchenloser Staatstelefonate zu so seligen Stillhalte-Mienen gebracht hätten. Es war da lediglich die Rede davon, daß Herr Soundso telegrafisch fünfhundert Mark benötigte und ähnliches prosaische Zeug, von dem aus man höchstens auf die Teuernis des Hotels, auf extraordinäre Alkoholausgaben oder einfach auf die Gewohnheit mancher Leute schließen konnte, die „alles“ nur blitztelegrafisch von sich tun, weil sie das allein ihrem Lebensstil angemessen glauben.

Aber es war das andre, das „Herein“-Telegramm, welches das Postfräulein etwas im Hintergrund, aber noch gut hörbar, aufgab, es ganz allein! Sie nannte, als sie Verbindung mit dem Hotel droben bekommen hatte, zuerst die Adressatin – und in alle Augen herüben trat glückhaftes Glänzen. Denn es war der Name einer sehr bekannten Filmschauspielerin, und was der Ruhm ist, konnte man in diesem Nu merken: es ging mit jenem Namen wie mit dem Stein, der, ins Wasser geworfen, nach allen Seiten, Kreise zieht. Nun mußte ja gleich auch der Text, die Drahtnachricht folgen, und das tat sie denn auch. Wie mit einem leichten Flügelschlag schien sie doch noch in die Stratosphäre der Diskretion zu entschweben: sie war nämlich in fremder Sprache abgefaßt. Wäre es Kisuaheli gewesen, dann hätte die Postschlange herüben aus dem Munde des Postfräuleins drüben nur seltsam klingende Worte buchstabieren hören und keine von beiden hätte etwas davon begriffen.