Wenn ein Liebhaber und Kenner des Gedichts unter denen, die heute am kräftigsten und gegenwärtigsten die deutsche Lyrik repräsentieren, künftig Karl Krolow nicht mit nennt,, so ist es um seine Kennerschaft schlecht bestellt. Denn es liegen nun, in schneller Aufeinanderfolge erschienen, drei Bändchen vor, die die Gestalt dieses jungen Lyrikers unübersehbar machen. Die Publikationen heißen: „Gedichte“ (Südverlag, Konstanz), „Heimsuchung“ (Verlag Volk und Welt, Berlin) und „Nachdichtungen französischer Lyrik aus fünf Jahrhunderten“ (Verlag Richard Beeck, Hannover).

Die „Gedichte“, eine schöne, wenn auch (vom Verlag) mit fühlbarer Vorsicht getroffene Auswahl, zeigen Krolow, wie er sich schon in seinem verschollenen Ellermann-Bändchen „Hochgelobtes, gutes Leben“ vor fünf Jahren bemerkenswert ankündigte: sinnenhaft hingegeben an alles Lebendige, vertraut mit den panischen Erregungen und Geheimnissen der Natur, der Gleichnisse mächtig, deren metaphorische Kraft und Genauigkeit auch Dunkles und Dumpfes deutbar macht-Der Dichter bewältigt das Wirkliche, indem er nicht nur die Dinge benennt, sondern zugleich auch das zwischen ihnen Schwebende, atmosphärisch Tragende ins Wort hineinnimmt. Bei aller Sättigung mit irdischer Substanz besitzt das Gedicht Krolows geistige Anmut, eine bald sehr geschmeidige, bald spröde Spiritualität, die sich auch im Steigen und Fallen der Strophe, in der inneren Figur des Verses kundtut.

In dem Bändchen „Heimsuchung“, zu dem Stephan Hermlin, sich distanzierend und zugleich bekennend, ein Vorwort schrieb, liegt das Hauptgewicht auf dem Zeitgedicht, auf der Aussage unsäglicher Schrecken und Widerfahrungen, denen der Mensch in unseren Tagen ausgesetzt war und noch ausgesetzt ist. Hier gibt Krolow – und er macht sich damit nahezu unvergleichlich – einen in seiner Furchtbarkeit faszinierenden Blick auf die Hinterlassenschaft der Zeit Diese Gedichte reden von dem, was schaurig um uns und in uns selbst ist, was einmal Deutschland hieß und, in Zorn und Schmerz geliebt, immer noch Deutschland ist und nun bestanden und bekannt sein will. Unter mancherlei Bildern sieht Krolow das Vaterland, als zerstückelten gigantischen Leichnam, als eisige Insel, als „Erloschenes Land, ins Windgestrüpp gebaut“, als dorrende Wüste, „Gobi der Angst“, und starrende Mondlandschaft, von Toten und von Gespenstern behaust. Bald hymnisch ausladend, in Langzeilen von einer barocken Modernität, bald balladisch gedrängt, bald in strengen Terzinen Schreckensgesichte beschwörend werden diese leidenschaftlichen Aussagen eines Tages zu dem Großartigsten und Erschütterndsten gezahlt werden, darinnen unsere Zeit zum dichterischen Selbstzeugnis gekommen ist. Und auch hier ist bei aller gleichnishaft gesteigerten Hyperrealistik durchaus noch Spiritualität, freilich eine bis aufs Bkt gepeinigte, den schlimmsten Zumutungen ausgesetzte Geistigkeit

Der schöne Band mit rund hundert Übertragungen aus dem Französischen aber zeigt, daß Krolow, aus innerster Zuneigung und Verwandtschaft wählend und seine erstaunlichen formalen Fähigkeiten nützend, ein Übersetzer von außerordentlicher Feinnervigkeit ist.

Damit rundet sich das Bild einer von Grund auf lyrischen Existenz, die sich an der Fülle der Welt und am Notstand der Zeit mit einer beispielhaften Intensität entfaltet und sich nun schon in einem vielschichtigen Werk darstellt, das neben dem Besten bestehen kann, was wir heute an deutscher Lyrik besitzen. Friedrich Rasche