Zuerst war’s das Schrifttum, der Tummelplatz der „Ingenieure der menschlichen Seele“ (sowjetischer Ausdruck für Schriftsteller), der von allen Schlacken der „unpatriotischen pseudoästhetischen bourgeoisen Abweichung“ restlos gereinigt und genau in den Rahmen der Parteizwecke eingepaßt wurde. Etliche der Seeleningenieure fielen, einige türmten. Dann wurden die Maler, Bildhauer und Musiker rauh und gründlich von ihren „reaktionär-ideologischen Abszessen“ befreit. Und nun hat die Reinigungsmaschine den Film als letztes, der Säuberung dringend bedürftiges Objekt im „Kultursektor“ eingekesselt und mit Stahlbürsten zur Parteiräson gebracht.

Die Einkesselung hatte vor einigen Wochen in Presse und Funk mit der Feststellung begonnen, daß es unter den Filmregisseuren und besonders Filmkritikern eine Gruppe „verräterisch-heimatloser bourgeoiser Kosmopoliten“ gäbe, die es wage, ideell wertvolle Filme zu bemängeln. Aus verlogenen, überlebten, sogenannten künstlerischen Motiven. Gemeint war damit ein Kreis um das Journal „Iskustwo Kino“ („Kinokunst“) in Leningrad, der es bei Beurteilung der Spitzenfilme „Junge Garde“, „Ehrengericht“ und „Erzählung von einem wirklichen Menschen“ riskiert hatte, höflich, zart und ... ehrlich die rein künstlerische Tradition der bewährten guten „Russenfilme“ mit Weltgeltung als Richtlinie zu empfehlen. Wie unvorsichtig! ... Und so hieß, denn auch das letzte Glied im Kesselring; Die „Kosmopoliten“ stören und hemmen das Aufstreben der Partei.

Dann setzte die Stahlbürste ein: In den ersten Märztagen fand eine Konferenz des „Aktivs“ der sowjetischen Filmschaffenden statt. Der Kinominister der Sowjetunion J. Bolschakow und ein rundes Dutzend Kinominister der einzelnen Republiken konferierten mit. Und da wurden nun die „Kosmopoliten“ namentlich genannt – also liquidiert. Sie heißen Trauberg, Bleimann, Sutyrin, Orten, Kowarski, auch der bekannte N. Lebedew ist darunter. Dagegen hat es der nicht weniger bekannte – und geschätzte! – Pudowkin vermocht, kräftig mitzubürsten und die Ausrottung der „Pseudo-Ästheten“ bis an die Wurzeln zu verlangen. Womit der Russenfilm begraben ist.

Nach erfolgter Hinrichtung wurde bekanntgegeben, daß zwei Drittel der kommenden Gesamtproduktion der „Sowjet-Kinematographie“ ausschließlich nach der Parteilinie ausgerichtet und der kommunistischen Ideenrichtung dienstbar gemacht sein wird. Der Rest verbleibt biologischen, technischen und ähnlichen Kulturfilmen, An der Spitze der neuen Produktion werden mehrere „enthüllende Filme über die Aggressoren und Anstifter des neuen Krieges“ marschieren. Ihnen werden der – schon hin und wieder erwähnte – Großfilm „Der Fall Berlins“ und die Filme „Fünfter Schlag“, „Kavalier des goldenen Sterns“ und „Fern von Moskau“ folgen. „Alles kompromißlos, volksaufklärende Schöpfungen wahrer Kinokunst meinten die dreizehn Kinominister – und mit ihnen die Konferenz ...

Der Russenfilm ist tot – es lebe der Sowjetfilm! D.