Die Resonanz des Vortrages, den Prof. Erhard als Gast der „Zürcher Volkswirtschaftlichen Gesellschaft“ über den „Deutschen Wiederaufbau“ kürzlich vor einem zahlreichen Auditorium in Zürich gehalten hat, muß nach den Berichten der Schweizer Blätter außerordentlich stark und eindrucksvoll gewesen sein. Die „Neue Zürcher Zeitung“ nennt die Veranstaltung „eine der attraktivsten dieses Winters.“ Wir verzeichnen dieses Echo gern als einen psychologischen Erfolg für Deutschland, der unseren menschlichen und wirtschaftlichen Kontakt mit der Schweiz, und vielleicht nicht nur mit ihr, verstärken wird. Leider urteilen bei uns viele über die Bedeutung solcher Wirkungen ausschließlich von ideologischen und parteipolitischen Gesichtspunkten. Andere Nationen mit einem besser entwickelten politischen Instinkt haben darüber andere Auffassungen.

Erhard sprach vor einem Publikum, das in seiner überwiegenden Mehrheit die Prinzipien der freien Marktwirtschaft bejaht und deshalb für seine sachlichen Argumente von vornherein aufgeschlossen war. Aber es gab unter den Zuhörern, wie man hört, auch Gegner dieser wirtschaftspolitischen Auffassung, doch sollen auch viele von ihnen diese erste Fühlungnahme mit einem Sprecher Deutschlands seit mehr als zwölf Jahren (denn die Volkswirtschaftliche Gesellschaft lehnte den Kontakt mit den Vertretern des Dritten Reiches grundsätzlich ab) positiv bewertet haben. Der suggestive Optimismus, der Erhard von seinen Gegnern so oft vorgeworfen wird, hat eine Zuhörerschaft, die zuweilen nicht ohne Besorgnis die wirtschaftliche und soziale Entwicklung ihres nördlichen Nachbarlandes beobachtet, offensichtlich in seinen Bann gezogen. Daß wir Deutschen uns als immun gegen den Kommunismus und damit als ein nicht zu unterschätzender stabilisierender Faktor in Europa erwiesen haben, ist ein Positivum, das gerade auf ein Land wie die Schweiz Eindruck machen muß. Zum Teil galt der Beifall in Zürich auch dem prominenten Sprecher dieses Deutschlands. Und man grüßte wohl auch in ihm den Repräsentanten einer deutschen „Renaissance des Denkens“ im liberalen Geiste. Die Schweizer sind gegenüber solchen Äußerungen von Deutschen skeptisch. Wenn sie also bei einem solchen Wort aus deutschem Munde applaudieren, dann muß sie der Sprecher überträgt haben, daß es ihm ernst damit ist und daß er das Recht auf eine solche Formulierung habe. Hätte Prof. Erhard wirklich so professoral argumentiert, wie es seine innerpolitischen Gegner immer wieder von ihm behaupten, dann hätte er wohl gerade bei einem Schweizer Publikum damit keinen Erfolg gehabt.

Vielleicht hat, nachdem so viele hysterische Deutsche der verschiedensten politischen und wirtschaftspolitischen Schattierungen über die große und die kleine Weltbühne gegangen sind und zum Teil auch die Schweiz passiert haben, gerade dieser ruhige, selbstsichere Mann, den nichts in seiner Zuversicht erschüttert, der ein Bild physischer und geistiger Gesundheit bietet, während man manchem seiner Gegner zuweilen dringend den Besuch eines Magen- oder Gallenarztes anraten möchte, vielleicht hat gerade diese Korrektur, die die Erscheinung Erhards in der Vorstellung manches Schweizers vom heute lebenden Deutschen an sich hervorgerufen haben könnte, nicht wenig zu dem Erfolg in Zürich beigetragen.

In Deutschland hat ja Erhards etwas forsch angepacktes Experiment seinem Schöpfer bisher recht gegeben. Die Preise sind gesunken, und sie werden nach seiner Meinung weiter sinken, Wenn auch nicht sturzartig, was er (mit Recht) für unerwünscht hält. Die Verteilungs- und Vertriebskosten enthalten nach seiner Ansicht noch genug Reserven, die für Preissenkungen ausgenutzt werden können. Im Frühjahr erwartet er eine Belebung der Verbrauchsgüterwirtschaft. Immer wieder warnt er vor der Vorstellung, daß wir einer Deflationsperiode entgegengingen. Wir müßten es uns abgewöhnen, in Konjukturzyklen zu denken. Erhard übersieht, freilich nicht die Schwierigkeiten der Kapitalbeschaffung für langfristige Anlagen und hat das auch in seinem Vortrag in Zürich zum Ausdruck gebracht. Wenn man ihn auf seine wirtschaftspolitische Konzeption und auf die Einwände seiner Gegner anspricht, dann spöttelt er gern: die Marktwirtschaft unterscheide sich von der Planwirtschaft dadurch, daß jene durch Arbeit und höhere Leistung eine Notlage zu überwinden suchen während die Planwirtschaft tendenziell in der „gerechten“ Verteilung und Verwaltung der Armut die Lösung erblicke. Das Wort trifft, wie alle überspitzten Formulierungen, die Wahrheit nur zum Teil. Mancher Kritiker wird es als einen Ausdruck ideologischer. Befangenheit ablehnen. Aber es steckt in ihm ein-Stück von Erhards fest in sich ruhenden, sich mit dem Gegner gern humorvoll auseinandersetzenden Wesen.

Robert Strobel