Nur wenige Wochen vor der Unterzeichnung des Atlantik-Paktes hat auch die Regierung de Gasperi beschlossen, mit Washington über den Beitritt Italiens zu verhandeln. Diesen Beschluß teilte der italienische Ministerpräsident der Abgeordnetenkammer und dem Senat mit der Begründung mit, durch den Atlantik-Pakt werde von Italien nichts verlangt, was über die Verteidigungsmöglichkeiten des Landes hinausgehe. Der Pakt sei eine zusätzliche Garantie zur Verhütung eines Krieges. Italien werde in den neuen internationalen Körperschaften, in die es eintrete, keine formelle Revision des Friedensvertrages verlangen, denn es könne seine Haltung nicht von der Befriedigung seiner Ansprüche abhängig machen. Die Regierung hoffe jedoch zuversichtlich auf eine Änderung der Friedensbestimmungen.

Wie nicht anders zu erwarten, protestierten die Kommunisten und die Links-Sozialisten gegen diesen Beschluß der Regierung. Im Parlament, auf der Straße und in den Fabriken versuchen sie nun, mit allen Mitteln die Entwicklung wenigstens zu verzögern. Der Führer der Links-Sozialisten, Nenni, verlangte im Parlament eine Volksabstimmung und der Kommunistenführer Volksatti sagte, seine zwei Millionen Mitglieder starke Partei werde „im Parlament und im Lande“ alles tun, um den Beitritt Italiens zum Atlantik-Pakt zu vereiteln. Die Art jedoch, in der die Polizei gegen die Demonstranten und die Streikenden vorging, läßt schon jetzt erkennen, daß der von der Linken gehaßte Innenminister Scelba es diesmal ernst meint.

In Wirklichkeit ist der jetzt bekanntgegebene Entschluß der italienischen Regierung, sich an dem Atlantik-Pakt zu beteiligen, nur die logische Folge einer Politik, die Italien praktisch seit der Annahme der Marshall-Hilfe eingeschlagen hat. Für diese Politik hat sich auch die Mehrheit des italienischen Volkes entschieden, als bei den Parlamentswahlen im April vorigen Jahres die Kommunisten eine empfindliche Niederlage einstecken mußten. Kurz darauf begann eine neue Phase in der italienischen Außenpolitik – ihre Intensivierung. Die zahlreichen Zusammenkünfte zwischen italienischen Staatsmännern und Vertretern der Westmächte haben dazu beigetragen, daß Italien überall schnell als gleichberechtigter Partner aufgenommen wurde. Im vergangenen November wurden neben den politischen Verhandlungen auch militärische Gespräche eingeleitet. General Marras, der langjährige italienische Militärattache in Berlin und jetzige Generalstabschef, flog damals in Begleitung des amerikanischen Botschafters in Rom nach Washington.

Ist für de Gasperi die Teilnahme am Atlantik-Pakt nur die Fortsetzung der bisher eingeschlagenen Politik, so war es für die Westmächte nicht einfach, den Entschluß zu fassen, Italien schon gleich am Anfang mit aufzunehmen. Und es ist immer noch nicht ganz sicher, ob Anfang nächsten Monats auch Italien einer der Mitunterzeichnerstaaten sein wird. Die Auffassung des Grafen Sforza, daß der Atlantik-Pakt, wenn er seinen Zweck wirklich erreichen solle, auf Italien am allerwenigsten verzichten könne, war vom amerikanischen Generalstab immer geteilt worden. Auch die amerikanische Regierung war derselben Meinung und streckte zunächst ihre Fühler in Rom aus. Erst als die Verhandlungen vorgeschritten waren, wurde Washington unentschlossen, weil England, Kanada und die Benelux-Länder sich dagegen erklärten, Italien zur Teilnahme am Pakt einzuladen. Sie meinten, daß der Atlantik-Pakt seine Fundierung in der UNO-Charter verlieren würde, da Italien nicht Mitglied der Vereinten Nationen sei. Aber auch die Waffenlieferungen scheinen für die Einstellung der Atlantik-Pakt-Partner von ausschlabgebender Bedeutung gewesen zu sein. Sie befürchteten nämlich, daß sie die ohnehin als ungenügend betrachteten amerikanischen Waffenlieferungen mit einem Partner mehr zu teilen haben würden. Nur Frankreich trat entschieden für die Aufnahme Italiens ein.

Nun scheinen die meisten Einwände und Hindernisse beseitigt zu sein. Der einzige ungeklärte Punkt für Italien wäre noch der geplante Mittelmeer-Pakt, der – am Anfang von London sehr fordert – jetzt nicht mehr vordringlich betrieben wird. Graf Sforza war aber schon, als die ersten Gespräche darüber stattfanden, sein entschiedenster Gegner gewesen. So sind es bisher nur die Türkei und Griechenland, die einen solchen Pakt anstreben. Sie sollen aber vorerst nur eine Garantie durch die Atlantik-Pakt-Partner erhalten. Die beiden Mächte selbst mögen auch an einer unmittelbaren Teilnahme an dem Paktsystem nicht so dringlich interessiert sein, weil sie ja in Wirklichkeit die einzigen sind, die jetzt schon auf Grund der Truman-Doktrin ziemlich bedeutende Mengen von militärischem Ausrüstungsmaterial von den USA erhalten. Ihre Lage ist daher effektiv besser als etwa 1939, als sie sich nur auf verbale Versicherungen stützen konnten, deren Wirksamkeit weder von ihnen selbst noch von dem damaligen präsumptiven Gegner abzuschätzen war. B–w