Die intellektuelle Mulattin Katherine Dunham / Von Alix Berdolt-Slieger

Im Jahre 1918 entdeckte Europa den Jazz. „Die ersten Foxtrotts“ – so schrieb damals der französische Musiker Darius Milhaud – „sind mit der amerikanischen Armee zu uns gekommen. Sie verbreiteten sich mit einem Schlag, und die rhythmische Vitalität, die sie auszeichnet, lenkte, sehr schnell das Interesse der Musiker der Avantgarde auf sie.“ Fünfundzwanzig Jahre später brachten wiederum amerikanische Soldaten neue Tänze und Rhythmen über den Ozean, die sofort das ganze westliche Europa begeisterten.

1925 kam das kaum zwanzigjährige Negermädchen Josephine Baker als Tänzerin einer amerikanischen Negerevue erstmalig nach dem „guten alten“ Kontinent. Paris war von der braunen Schönheit, der Natürlichkeit ihres Auf – tretens, ihren kaum gezähmten, noch ganz instinkthaften Bewegungen rasch bezaubert. In Frankreich berühmt geworden, konnte sie bald ihren Triumphzug durch die Welt antreten. Fast ein Vierteljahrhundert später tritt in Paris, das an derartige Schauspiele seit der großen Zeit Josephine Bakers nicht mehr gewöhnt ist, abermals eine Negertruppe auf. Allerdings in weit großartigerem Rahmen. „Tout Paris“ war zur Premiere ins „Théâtre de Paris“ geeilt, um Katherine Dunham, den Negerstar unserer Nachkriegszeit, und ihre Truppe zu bewundern. Selbst Josephine Baker, die, obwohl sie das Kap der Vierzig inzwischen umsegelt hat, immer noch schön ist und mit ihren Tänzen und Chansons Riesenerfolge hat, war erschienen, um ihre Rassegenossin tanzen zu sehen. Rassegenossin – das ist nicht ganz richtig ausgedrückt, denn Katherine Dunham ist eher eine Mulattin.

Und auch sonst unterscheidet sich die temperamentvolle Katherine von ihrer berühmten Vorgängerin. War josephine Baker – wenigstens zunächst – ganz Instinkt, ganz naive Freude an Körper und Tanz, so ist die schöne Mulattin eine „Intellektuelle“. Es wäre völlig unmöglich, sie etwa mit den Worten zu charakterisieren, wie sie Ottomar Starke seinerzeit im „Querschnitt“ schrieb, als Josephine Baker im Februar 1926 in Berlin gastierte: „Josephine Baker ist Grotesktänzerin, wo sie die Haut berührt. Ihr Popo, mit Respekt zu vermelden, ist ein schokoladener Grieß-Flammeri an Beweglichkeit, und sie ist mit Recht stolz auf diese Gabe der Natur.“

Katherine Dunham hingegen ist eine bewußte Gestalterin, die Seele ihrer Truppe. Hier ist nichts mehr von der vulgären Lautheit und Barbarei, der Überdeutlichkeit der Gags und Gesten, mit denen damals die Negertänze in Europa Sensation machten. Bei Katherine Dunham erstehen in sehr geschmackvollen, realistischen und phantastischen Beleuchtungseffekten die alten Ritualtänze von Trinidad, die einst dem Gott Yaruba „zum Opfer des weißen Hahnes“ dargeboten wurden; die Kriegstänze des fernen Martinique, der „Perle der Karibischen Inseln“, aus dem 18. Jahrhundert; die Volkstänze, die Riten und die Zauberzeremonien der Eingeborenen Brasiliens, Haitis, der Antillen. Wenn auch die Auswahl dieser Tänze sehr sorgfältig und im Hinblick auf ihren künstlerischen und kulturellen Gehalt getroffen ist, so ist doch alles durchdrungen von jener den Negern eigenen begeisterten und begeisternden Ursprünglichkeit und Wildheit, einem unvergleichhohen tänzerischen Temperament, bedingungsloser Hingabe an Rhythmus und Musik. Nur, daß Katherine Dunham es versteht, die Wildheit dieser Eingeborenentänze zu bändigen, so daß sie zu wirklicher Kunst erhoben werden.

An der Persönlichkeit der Katherine Dunham, die auch eine sehr bewußte Vertreterin ihrer Rasse ist, läßt sich ermessen, welch gewaltigen Weg die Entwicklung der Neger in den Vereinigten Staaten seit dem Ende des vorigen Weltkriegs zurückgelegt hat. Katherine Dunham brauchte keinen „Anstandsunterricht“ mehr zu nehmen wie Josephine Baker, als sie nach Europa kam. Die schöne Mulattin hatte die Elendsviertel der Neger nicht mehr aus eigener Erfahrung kennengelernt. Sie konnte an der Universität von Chikago Anthropologie studieren, machte Studienreisen nach Mittel- und Südamerika und zu den Südseeinseln. Sie promovierte sogar mit einer Doktorarbeit über die Tänze der Eingeborenen von Haiti. Dann würde sie gleichzeitig Tänzerin, Sängerin, Regisseurin und entwarf selbst die Kostüme und Dekorationen für ihre Truppe. In ihrer Tanzschule in New York müssen die Schüler auch an philosophischen und soziologischen Kursen teilnehmen, denn Katherine Dunham sieht in ihrer Kunst eine kulturelle Aufgabe. Sie, die von Jugend an das Ideal der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen vor Augen hat, möchte ihre Arbeit in den Dienst des Friedens und der Völkerversöhnung stellen. Daher, auch setzt sie ihre wissenschaftlichen Studien fort, veröffentlicht entsprechende Artikel in namhaften amerikanischen Zeitschriften. Kürzlich wurde ein Buch von ihr über Jamaika herausgegeben. Ist es ein Wunder, daß die gelehrte Tänzerin Ehrenmitglied der Königlich Britischen Gesellschaft für Anthropologie wurde?

Im Verlauf ihrer weiteren Europareise soll Katherine Dunham vielleicht auch nach Deutschland kommen, wo nicht nur ihre Kunst, sondern auch ihre völkerversöhnenden Ideen einen besonders fruchtbaren Boden finden dürften.