Karl Scheffler ist 80 Jahre alt geworden. Dem vom Nationalsozialismus beiseite Gedrückten hatte während des Krieges Zürich den Dr. h. c. verliehen; Hamburg, seine Vaterstadt, hat ihn im vergangenen Jahr mit der großen Staatsmedaille, und jetzt durch die Ehrenmitgliedschaft der Universität ausgezeichnet, – sehr späte und eigentlich längst fällige Ehrungen für diese große Figur des deutschen Kulturlebens. Auch Scheffler hat sich freilich seit seinen Jünglingsjahren wenig um die Vaterstadt gekümmert, mit Ausnahme des lebendigen, genauen Bildes, das er in seinem herrlichen Jugenderinnerungsbuch „Der junge Tobias“ von ihr gezeichnet hat. Allerdings nicht so, wie sich Hammonia gern geschildert sieht, als „Tor zur Welt“ mit Handelsherren und mächtigern Hafengetriebe, sondern von der Seite des Handwerks, von diesem Bau- und Malerhandwerk her, das in den achtziger und neunziger Jahren mit verantwortungsvoller Gründlichkeit die soliden Prunkbehältnisse herstellte, in denen dann der gute Rotwein getrunken, die großen Geschäfte and die vorsichtige Finanzpolitik plant wurden.

Die beschränkte Welt des Malerhandwerks, in der der junge Scheffler lebte, hat Ausfallspforten in die Gefilde der Kunst, die oft auf die gefährlich lockenden Wege eines idealistischen Dilettantismus führen. Karl Scheffler aber fand den richtigen Pfad dank einer starken, von ernsten Studium unterwölbten Geistigkeit, in der sich der Schwung jünglingshafter Begeisterung für die große wende in den dekorativen Künsten, die um 1900 stattfand, charakteristischerweise mit einem strengen kritischen und selbstkritischen Sinn verband. (Diese gelassene, zu Zweifeln geneigte Objektivität ist vielleicht ein Stück hamburgisches Erbe.) Schon damals hat Scheffler in klugen und vortrefflich formulierten Aufsätzen die Ziele der neuen Bewegung zur Neugestaltung unserer gesamten geformten Umwelt so klar erkannt und ausgesprochen, daß sie noch heute grundsätzlich gültig sind.

In Berlin wurde er 1906 Schriftleiter von „Kunst und Künstler“ (B. Cassirer Verlag), einer Zeitschrift, die von kaum einer periodischen Kunst Publikation Europas in der Qualität und dem geschlossenen Stil von Aufsätzen und Bildmaterial übertroffen ist. Sie war bis 1933 die Repräsentation jener letzten großen europäischen Stilperiode, die man als Impressionismus bezeichnet, – in Deutsch Land gekennzeichnet durch das Dreigestirn Liebermann, Corinth, Sievogt. Von hier ans fiel auch neues Licht auf viele Erscheinungen der Vergangenheit, auf Leibl und seinen Kreis, auf Menzel, Krüger, Blechen und den Berliner Klassizismus. Von außerordentlicher Feinheit war die Einfühlung in Art und Größe der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts, und auf der deutschen Seite war und ist Schefflers Menzelbuch ein klassisches Werk. Es kann hier nicht unternommen werden, sein ungemein reiches und vielseitiges schriftstellerisches oeuvre auch nur in den Hauptwerken zu charakterisieren, denn noch immer produziert der Unermüdliche, dessen reifer Geist sich von der bildenden Kunst mehr und mehr der Gesamterscheinung des Lebens zugewandt hat. Davon gibt der nach dem Kriege erschienene zweite Band seiner Lebenserinnerungen „Die fetten und die mageren Jahre“, – vom Berlin der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart – ein wundervolles und gestaltenreiches Bild.

Und auch sein eigenes Bild. Da sehen wir denn einen vollkommen redlichen, vollkommen uneitlen Menschen, dem ein zartes Gewissen den Zwang zum Urteilen, ein öffentliches Richteramt auferlegt hat; und wenn ihm auch, wie jedem Fühlenden, das große Grunderlebnis, die große Liebe seiner Generation unmerklich färbende Gläser vorhält, so versucht er doch mit der konsequentesten Gewissenhaftigkeit die Wahrheit zu ergründen als ein reiner, von keinem Hauch persönlichen Geltungsbedürfnisses berührter Sucher und Kämpfer.

J. Ahlers-Hestermann