Von unserem Londoner Korrespondenten

B. G., London, im März

Scheidet ein britischer Abgeordneter durch Tod, Erhebung in den Peers-Stand oder freiwillig aus dem Unterhaus aus, so muß, da er ja persönlich und als einziger Vertreter seines Wahlkreises ins Parlament geschickt worden ist, eine Nachwahl in diesem Wahlkreis stattfinden. Diese Nachwahlen, etwa ein Dutzend im Jahr, sind für die Parteien, was die Meerschweinchen für die Mediziner sind: Man kann mit dem Wahlkreis wundervoll Versuche anstellen. Man kann die verbliebene Wirksamkeit einer alten Politik messen oder einen völlig neuen Kurs ausprobieren: man kann einen jungen oder einen alten, einen gewitzten oder einen unerfahrenen, einen fortschrittlich oder einen reaktionär veranlagten Kandidaten aufstellen. Und alles, was von seinem Erfolg oder Mißerfolg abhängt, ist die Besetzung eines einzigen von 625 Unterhaussitzen.

Gründlicher und zuverlässiger als durch Hunderte von Gallup-Untersuchungen erfahren die Parteien der Regierung und der Opposition, was die Wähler von ihnen halten, wenn ein oder zwei Nachwahlen in „typischen“ Wahlkreisen stattfinden müssen. Gleichzeitig wird im ganzen Lande das Interesse wachgehalten – und das ist nicht das kleinste Geheimnis für die Erfolge der parlamentarischen Demokratie in England.

Letzthin haben Tories und Labour ein Versuchskaninchen besonders sorgfältig gespritzt, um aus seinem Plasma die Zukunft zu lesen. Der. Wahlkreis Süd-Hammersmith gab nämlich Gelegenheit, die Reaktion jener „Treibholz-Wähler“ zu studieren, die für den letzten Labour-Erfolg verantwortlich waren, und die Tory oder Labour zum nächsten Erfolg verhelfen werden. Denn in diesem Londoner Wahlkreis trifft eine Bevölkerung von Handarbeitern und Gewerkschaftsangehörigen mit einer ziemlich gleichstarken Schicht von Angestellten, Beamten und kleineren „Unternehmern der Einzelhandels- und Handwerkssphäre zusammen. Dieser „Mittelstand“ pflegte in den Jahren zwischen den Kriegen konservativ zu wählen, seitdem die Liberalen aus der Reihe der „großen“ Parteien ausgeschieden waren. Im Juli 1945 wählte diese Schicht, nicht nur in Hammersmith, zum ersten Male überwiegend Labour und verhalf Attlee in den Sattel. Nun, sie wählte auch im Frühjahr 1949 noch immer sehr weitgehend Labour, auch bei der folgenden Wahl in North St. Pancras, wenn auch mit verringertem Vorsprung vor demunterlegenen konservativen Kandidaten.

Ist das nun ein Labour-Erfolg oder ein Tory-Versager? Dies ist die Kernfrage der britischen Innenpolitik. Sie ist seit Juli 1945 ununterbrochen akut – und dies um so mehr, als schließlich kein Geringerer als der erfolgreiche Kriege-Steuermann Winston Churchill die Tories anführt. Im Sommer 1945, als die Konservativen es plötzlich mit der allgemeinen Wahl so eilig bekamen, war man zwar „Winnie“ für sein anfeuerndes Beispiel, für seinen gewaltigen persönlichen Beitrag im erfolgreich beendeten europäischen Krieg aufrichtig dankbar. Doch dieser Dank galt Winston Churchill als nationaler Figur, nicht aber dem konservativen Parteiführer. Die jungen britischen Soldaten hatten sich nicht nur die Abwendung der totalitären Gefahr für Westeuropa und die Welt, sondern auch die Schöpfung einer „besseren Welt“ bei sich zu Hause vorgenommen. So kam es, daß der Büroangestellte, der kleine Ladenbesitzer und der selbständige Handwerker die unsichtbare Klassenbarriere nicht nur am Geschütz, sondern auch an der Wahlurne niederrissen. Labour war beim Mittelstand „gesellschaftsfähig“ geworden.

Heute allerdings hat man sich in England von den Idealen von 1945 bereits sehr weit entfernt. Geblieben ist jedoch ein Gefühl der ökonomischen Sicherheit (Vollbeschäftigung), eine Freude am sozialen Fortschritt (freie Gesundheitspflege für alle) und der Eindruck, daß die Konservativen. keinen „Plan“ haben. Die Vollbeschäftigung ist in England schon so sehr zu einer „Selbstverständlichkeit“ geworden, daß man die Voraussetzungen für ihren Fortbestand, wie etwa die Konkurrenzfähigkeit, aus den Augen verliert. Die Freude an der freien Gesundheitspflege könnte man versucht sein, als fast kindlich zu belächeln, wenn darin nicht die Vernachlässigung der Gesundheit der Massen in den voraufgegangenen Jahrzehnten nachträglich so kraß beleuchtet würde.