Von unserem westdeutschen Korrespondenten

Auf der Tagung des Deutschen Städtetages in Düsseldorf wurde das Thema „Sozialer Wohnungsbau“ in einem kleinen Kreis eingehend erörtert. Es war dies eine vorbereitende Aussprache über dieses Gebiet, das auf der vorgesehenen Tagung des Städtetages in Nürnberg eine besondere Rolle spielen wird. Die Schwierigkeiten, die sich heute der Durchführung eines großzügigen Wohnungsbauprogramms entgegenstellen, traten bei dieser Erörterung deutlich zutage.

J. Sch., Köln, im März 1949

Millionen Obdachloser in den Westzonen rufen nach dem Wohnungsbau. Er ist im Augenblick nicht an erster Stelle eine städtebauliche Angelegenheit, sondern eine volkswirtschaftlich zwingende Notwendigkeit, verbunden mit einer positiven Flüchtlingslenkung, und eine äußerst dringende soziale Notmaßnahme. Niemand wird die sorgfältigen und langjährigen Planungen aller Art, die – jedem Bauen vorausgehen müssen, unterschätzen; aber die zahlreichen noch wiederherstellungsfähigen Häuser und die kilometerlangen Baulücken in den einzelnen Städten weisen deutlich auf die Stellen hin, an denen neben den Neusiedlungen die Beschaffung von Wohnungen ohne langes Planen fortgesetzt werden kann und muß. Wenn die Arbeiter im Kohlenbergbau und in der Eisenindustrie nicht die notwendigen Wohnungen erhalten, läßt sich die geplante Leistungssteigerung dieser beiden Schlüsselindustrien, von denen die Konjunktur der ganzen Wirtschaft abhängt, nicht erreichen. Von der Lösung des Wohnungsbauproblems werden Bestand und Entwicklung unseres Volkes in materieller, moralischer und politischer Hinsicht entscheidend beeinflußt.

Im letzten Jahr entfielen nur etwa 25 Prozent der Bautätigkeit auf den Wohnungsbau. Es fehlte an Baumaterialien und an Geldmitteln, besonders an langfristigem Kapital zu erträglichen Zinssätzen. Aus den beiden letzten Gründen ist auch in Zukunft von dem privatwirtschaftlichen Wohnungsbau nicht die so bedeutende Leistung der früheren Zeit Zu erwarten. Die Aktivität der Bausparkassen und der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften leidet ebenfalls unter den Geld- und Kreditkalamitäten. Aus den gleichen Gründen können sich die Hypothekenbanken lange nicht in dem Ausmaß wie früher an der Finanzierung des Wohnungsbaues beteiligen. Bei dem hohen Bauindex und den verhältnismäßig niedrigen Mieten ist der Wohnungsbau, privatwirtschaftlich betrachtet, unrentabel geworden.

Früher kostete die Herstellung einer bescheidenen Wohnung (von etwa 50 qm Wohnfläche) ungefähr 5000 RM, heute dagegen 11 000 bis 15 600 DM. Legt man 12 000 DM zugrunde und berechnet man 6 Prozent Zinsen, 1 Prozent Amortisation und 1 Prozent Unterhaltung, so bedingt eine solche Wohnung 960 DM Jahres- oder 80 DM Monatsmiete, die für die Arbeiter und die Angestellten mit kleinen Gehältern um die Hälfte zu hoch ist. Hier liegt das finanzielle Problem des sozialen Wohnungsbaues. Dem Gedanken, aus Ersparnisgründen wesentlich bescheidener zu bauen,’ steht die berechtigte Auffassung gegenüber, daß wir es uns wegen unserer Armut nicht leisten können, Provisorien zu schaffen, die nach verhältnismäßig kurzer Zeit ein nochmaliges Bauen erzwingen. Die Verwirklichung des Vorschlages, eine ausreichende Senkung der Bauunkosten durch eine vorübergehende Sperrung der öffentlichen Kredite herbeizuführen, würde das erstrebte Ziel auch nicht erreichen. Hier helfen am ehesten genaueste Kalkulation und ein stärkerer Wettbewerb Im Baugewerbe.

Es bleibt also nichts anderes übrig, als auf alten und neuen Wegen Geldmittel für den Wohnungnsbau zu beschaffen, um eine Kredit- und Baulenkung beizubehalten. Da das vorläufige Lastenausgleichsgesetzvon den Militärregierungen immer noch nicht genehmigt ist, mußten die – mancherorts etwas übertriebenen – Hoffnungen auf Gelder für den Wohnungsbau aus dieser Quelle zurückgestellt werden. In welchem Ausmaße Etatmittel oder langfristige Kredite von der Wiederaufbaubank eine Entlastung bringen können, ist auch noch ungewiß. Deswegen wollen mehrere Länder zur Finanzierung des sozialen Wohnungsbaues sich schneller fließende Finanzquellen erschließen und wie etwa Nordrhein-Wetfalen die Grundsteuer erhöhen und ähnlich wie in Süddeutschland Miet- und Wohnraumabgaben einführen. In Nordrhein-Westfalen glaubt man, auf diese Weise jährlich etwa – 200 Millionen DM mobilisieren zu können. Gegenüber dem Einwand der notleidenden Haus- und Grundbesitzer, daß eine ihnen gewährte Mieterhöhung auch zur Befruchtung des Wohnungsbaues beitragen würde, weisen die Befür-Wörter des anderen Weges darauf hin, daß nur so eine Verzettelung der eingehenden Beträge zu vermeiden und ein schwerpunktmäßiger Einsatz möglich sei.