Zum Tode des Biologen August Bier

Als 1937 August Bier, dem das Hitler-Reich zuerst den Staatspreis verlieh und alsdann die Bücher verbot, zum 12 Internationalen Homöopathischen Kongreß nach Berlin eingeladen worden war, wurde es dem weisen alten. Manne sichtlich unbehaglich zwischen Reichsärzteführern, Reichsapothekerführern und anderen „Wahrern der Gesundheitsbelange“ mit und ohne Uniform. Man hatte ihn als den Schutzgeist der Homöopathie, der durch seine berühmte Rede „Wie sollen wir uns zu der Homöopathie stellen?“ im Jahre 1925 dieser verfemten Richtung Weltgeltung verschafft, zugleich aber damit die später vielbesprochene „Krise der Medizin“ offenkundig gemacht hatte, mit Pomp und Lorbeer herbeigebeten, der Lorbeer jedoch war der einzige Baum, zu dem er nie das rechte Verhältnis gewinnen wollte – und so war er denn ausgerissen. Nach ein paar Stunden ziemlich gequälten Ausharrens hatte er seinen Freund Oswald Schlegel – der sein Werk „Homöopathie und harmonische Ordnung der Heilkunde“ herausgab – beim Ärmel gepackt und ihn per Auto nach Sauen verschleppt, dem berühmten Waldgut, das Bier nach der Regel des griechischen Vorsokratikers Heraklit „Die Gegensätze einen sich zur Harmonie“ aus märkischem Dürrland in quellendes Urwaldgelände verwandelt hatte. Zwei Kongreßtage später kehrte Schlegel zurück, außerstande zu seinem angekündigten Vortrag über ein homöopathisches Thema, statt dessen nun aber mit einem Bericht, der Ärzten aus aller Welt vom Waldwunder des „Kurpfuschers der Forstkultur“ kündete, als den Bier sich so gern bezeichnete.

Zwei Jahre später erschien Biers berühmtes Buch „Die Seele“, das Leben und Seele gleichsetzt und oft seitenlang vom Reisigbedecken junger Bäumchen, vom Eichelhäher als Waldgärtner und von anderen Kniffen und Geheimnissen derer handelt, die der große Pan zu Eingeweihten machte. Kaum war dieses Buch staatlich unterdrückt worden – die Fachpresse durfte es nicht besprechen, Neuauflagen wurde kein Papier bewilligt –, da ließ der Außenseiter der Chirurgie ein Werkchen über seine Vererbungs-Experimente erscheinen, das man nun sofort verbot, denn es noch nach jener „Verenbung erworbener Eigenschaften“, der der ganze Haß der Rassenkundler und ihrer Auftraggeber galt. Man konnte gut und gern vergessen, daß Bier Chirurg war, obwohl er unbestritten zu den Großmeistern des heilenden Messers zählte. Aber sein Genius sprang über die Klinge in weitere Bereiche hinein: Biologe war Bier, Kenner und Könner im wachstümlichen Gelände des Lebens – Biologe, der das Bekenntnis ablegte, er habe nur dort als Chirurg zu schneiden und zu flicken, wo die eigentliche Heilkunst, die keine Narben setzt, sondern Ganzheiten wiederherstelle versagt hat. Die Pharisäer und Schriftgelehrten haben ihm das immer wieder verübelt, er aber erholte sich unter den Eichen, Föhren und Akazien seines Besitzes Sauen von jeglicher Orthodoxie, indem er Zwiesprache mit seinem Heraklit hielt. Hieß Heraklit „der Dunkle“, so mußte August Bier freilich – trotz seiner urwüchsigen Kimbern- und Teutonenfreude am Grenzüberschreiten – unbedingt „der Helle“ heißen, denn sein waches Hirn und sein aus dem Herzen quellendes . Gerechtigkeitslicht tauchten in die Tiefe nur, um sie zu durchsonnen. Er war eine elementare Natur und ist auch als Arzt immer wieder zu den Elementen zurückgekehrt: das Feuer holte er heim in den Heilschatz, arbeitete mit dem Glüheisen nicht bloß chirurgisch, sondern auch als internerTherapeut, indem er unter emporgeklappten Hautstücken Kranker Verbrennungen setzte, die Haut wieder zurückschlug und auf ihrem alten Platz einheilte und damit gewaltige, nachhaltige Umstimmungen erzielte – das Feuer war ihm Urmacht nicht nur des verzehrenden Unheils, sondern auch des schöpferischen Hals. Und wie ein Feuer loderte für ihn das Seelische durchs Ganze des Organismus.

Den Neurologen, die die Seele ans Nervensystem verraten und verkaufen, war er der bitterste Feind. Bereits 1897 konnte er im exakten ... Tierversuch nachweisen, daß das Blut sich sinnvoll selbst reguliert, daß es auf künstliche Blutleere mit einer die Schäden dieser Blutleere beseitigenden, heilsamen Blutüberfüllung reagiert ohne jedes Mitwirken irgendwelcher Nervenzellen: Die „Blutseele“ ist seitdem ein Stein des Anstoßes der bloßen Hirn- und Nervensystems-Psychologie, zugleich aber der Eckstein eines wirklichen und umfassenden Verstehens der Psyche. Gewiß ging Bier an dieses Experiment, bei dem das Bein eines narkotisierten Schweines abgesägt, der Kreislauf darinnen aber durch unverletzte Arterien und Venen aufrechterhalten werden mußte, massiv chirurgisch heran: jedoch nicht die Medizin, sondern die Psychologie hatte ihre Ernte davon. Die Bedeutung Biers als Chirurg ist längst in die Medizingeschiote eingegangen, die Technik der von ihm erarbeiteten neuen Verfahrensweisen geht den Fachmann an, der Erfolg seines Retterlebens hat ihn mit dem ihm stets peinlichen Lorbeer heimgesucht – aber nichtsdestoweniger: was von ihm bleiben wird, ist nicht der Ruhm des Chirurgen, sondern die oft barbarisch geradlinige Grenzerweiterungstat, die er, der Exakte, Lapidare, Helläugige, zahlreichen Lebenswissenschaften bescherte, darunter auch der Heilkunde, deren „Naturalismus“ (im Sinne-der letzten dreißig Jahre des 19. Jahrhunderts) er bekämpfte durch Natur. Urnatur von der Faust bis zum Hirn, scheute er das Blutvergießen nicht – denn das ist des Chirurgen Amt! –, aber größer war ihm das Blut verstehen. „Und wer kann sagen, daß er das Blut versteht?“ fragt der zarte Novalis. Der vierschrötige schlohweiße Greis, der wie Faust am Lebensende erblindete zugunsten immer machtvolleren Innenlichtes, ist nun gestorben: Sich selber lebendes, erfassendes und durchleuchtendes Leben hat sich zum Tode begeben. Wir sind gewiß, daß auch diese Gegensätze sich ihm inzwischen zu einer Harmonie geeint haben werden, von der das Jahrhundert, dem er wuchtig entwuchs nichts ahnte. Herbert Frische