Auf einer kommunistischen Parteiversammlung in einem Industrie-Vorort von Mailand erhob sich kürlich ein einfacher Arbeiter und stellte die überraschende Frage: „Wie ist das nun? Darf man eigentlich als guter Genosse die alten Stiefel wieder anziehen?“ Die Antwort des Versammlungsleiters lautete: „Man darf.“

Was Frage und Antwort bedeuten, mag dem mit italienischen Verhältnissen Unvertrauten zunächst dunkel erscheinen; wer jedoch Erinnerungen an das mussolinianische Ventennium bewahrt hat, wird sofort wissen, worum es sich hier handelt. Damals nämlich gehörte zur vorschriftsmäßigen Ausrüstung eines jeden eingeschriebenen Faschisten nicht nur das berühmte schwarze Hemd, sondern auch ein Paar ebenso schwarze Röhrenstiefel.

Das Regime hatte sogar eine eigene Organisation ins Dasein gerufen, die sich „V. I. S.“ – „Valorizzazione industria stivali“ – nannte und deren einzige Aufgabe darin bestand, durch gutes Zureden, Propaganda und sanften Druck Ortsgruppen, Gewerkschaften und insbesondere reiche Industrielle zur massenhaften Erwerbung solcher Röhrenstiefel zu veranlassen. Diese wurden dann zu Hunderttausenden kostenlos an die kleinen Parteigenossen verteilt und trugen nicht wenig dazu bei, den Massenaufmärschen den vom Duce so sehr geschätzten martialischen Anstrich zu verleihen.

In seiner viel belachten satirischen Erzählung „Il vecchia con gli stivali“ hat der sizilianische Schriftsteller Vitaliano Brancati schon 1944 diese Stiefel zum Symbol sturer faschistischer Geistlosigkeit erhoben, und auch in dem vor kurzem nach jener Novelle gedrehten Film „Anni difficili“ zeigen ein paar sehr amüsante und groteske Szenen den traurigen Helden der Geschichte, einen typischen „kleinen Mitläufer“ des Faschismus, wie er ächzend zu einer Parteikundgebung die ihm zu engen Röhrenstiefel anzieht, und wie nachher die ganze Familie helfen muß, sie ihm wieder von den geschwollenen Füßen zu reißen.

Mit einem Wort, es gab in dem Italien jener zwanzig Jahre der Mussolini-Diktatur Millionen von Stiefelbesitzern, und da besagtes Schuhwerk immer nur bei festlichen Anlässen getragen wurde, waren die meisten dieser schwarzen Ungetüme noch gut erhalten, als den Faschismus sein Los ereilte. Aber zu sehen waren sie nicht mehr. Niemand hätte es unmittelbar nach der „Liberazione“ gewagt, sich in jenen typischen Fußbekleidungen blicken zu lassen; ja, ein solches Unterfangen hätte leicht lebensgefährlich werden können. Die wenigsten wollten zugeben, überhaupt jemals dergleichen kompromittierende Röhren besessen zu haben.

Doch mit der Zeit hat sich der antifaschistische Übereifer wieder gelegt, und da Schuhe heutzutage teuer sind, ging mancher Italiener mit sich zu Rate, ob man es nicht doch riskieren solle, die guten alten Stiefel wieder aus. ihrem Versteck hervorzuholen. Der unfreundliche Winter mit seinem Regen und Schnee ließ den Gedanken an verläßlich trockene Füße so verlockend erscheinen, daß einer, der etwas so Wichtiges nicht ohne die Sanktion seiner Parteileitung unternehmen wollte, die eingangs erwähnte Frage stellte: „Wie ist das nun? Darf man eigentlich...?“

Daß diese Frage gerade in einer kommunistischen Versammlung gestellt wurde, wird den Kenner der Verhältnisse nicht überraschen. Denn kaum irgendwo gibt es in den Truhen und Schubfächern so viele Röhrenstiefel aus der faschistischen Ära – wie gerade unter der oberitalienischen Industriearbeiterschaft, wo Togliatti heute die meisten und rabiatesten Genossen zählt.

Percy Eckstein