Das müssen Sie Moskau fragen“, antwortete kürzlich herzlich lachend der stellvertretende jugoslawische Außenminister Bebler den Pressekorrespondenten in London, die wissen wollten, wie eine Verständigung zwischen Moskau und Belgrad herbeigeführt werden könne. In Wirklichkeit liegt Moskaus Antwort bereits von Seitdem die Rechnung des Kreml, Tito durch die Autorität des Kominform und durch seine eigenen Anhänger zu stürzen, nicht aufging, ist man dabei, zu wirksameren Mitteln zu greifen. Die Berichte verdichten sich, daß bulgarische Und rumänische Truppen entlang der jugoslawischen Grenze in Stellung gegangen seien. Weiter Wurden sowjetische und ungarische Truppenansammlungen in Südungarn gemeldet. Auch wollen mehrere Nachrichtenagenturen von der Aufstellung einer Division in Albanien wissen, deren Angehörige Montenegriner, Mazedonier und Albanier sein sollen. Endlich fordern auch alle Rundfunksender der jugoslawischen Nachbarn nun eine direkte Aktion zum Sturze Titos.

Alle Anzeichen sprechen bisher dafür, daß der erste Schritt gegen den ungetreuen Verbündeten eine Aktion gegen Mazedonien sein wird. Die .Mazedonische Nationale Befreiungsfront“, welche einst Tito so wertvolle Dienste leistete, hat sich jetzt den Kominform zur Verfügung gestellt. Ihr Exekutivrat hat kürzlich durch den griechischen Rebellensender verkündet, daß sehr bald die Gründung des mazedonischen Staates proklamiert werden würde. Mazedonien soll, also die Lunte für das Pulverfaß abgeben.

Seit dem Tode Alexanders des Großen (323 v. Chr.) ist Mazedonien nie wieder ein selbständiger Staat gewesen. Bis zur Einwanderung der Slawen im 6 Jahrhundert herrschten in Mazedonien das Römische und das Ostrom sehe Reich; bis 1018 war Mazedonien dann ein Teil des ersten bulgarischen Staates. Später war es hintereinander unter byzantinischer, serbischer, bulgarischer und türkischer Herrschaft Seit 1912, mit Ausnahme der unklaren Verhältnisse während der beiden Weltkriege, gehört der größte Teil von Mazedonien zu dem 1918 zu Jugoslawien vergrößerten Serbien, ein kleinerer Teil zu Griechenland und der kleinste zu Bulgarien. Nach dem zweiten Weltkrieg bildete der größte (jugoslawische) Teil von Mazedonien die siebente Republik des Tito-Staates.

Daß man im Kreml mit dem Aufrollen der mazedonischen Frage die alte Rivalität zwischen Serben und Bulgaren aufwärmen will, ist offensichtlich. Die bulgarischen Kommunisten, die sich immer mehr als Chauvinisten entpuppen, sind das beste Objekt in diesem Spiel. Was Hitler im zweiten Weltkrieg kaum gelang – die angebahnte Freundschaft zwischen Jugoslawien und Bulgarien zu zerstören –, soll nun von Stalin nachgeholt werden. Damals nämlich ließ König Boris mit Widerwillen und nach anfänglicher Weigerung seine Truppen in Mazedonien einmarschieren. Er unternahm jedoch nichts, um formell das mazedonische Territorium in Bulgarien einzuverleiben. Ja, sogar eine Bemerkung des seinerzeit noch allmächtigen Göring, der König möge ihn zur Bärenjagd nach Bulgarien einladen, um bei dieser Gelegenheit Saloniki „als Geschenk zu empfangen“, überhörte der schlaue Koburger. Jetzt scheint Dimitroff keine Bedenken zu haben.

Die Frage ist nur, wie das Kominform seine Pläne auszuführen gedenkt. Es könnte versuchen, entweder durch einen Krieg zwischen Bulgarien und den anderen Satelliten auf der einen Seite und Jugoslawien auf der anderen, oder durch Unterstützung „jugoslawischer“ Rebellen jenseits der Grenze vorzugehen. Natürlich sind die beiden Möglichkeiten, Tito zu stürzen, mit großen Risiken verbunden, weil letzten Endes daraus ein neuer Weltkrieg entstehen könnte. Möglicherweise würde aus dem Angriff auf den ehemaligen Verbündeten ein Eingreifen auch auf Griechisch-Mazedonien resultieren. Während man also den Konflikt mit Tito zur Not als eine innere Angelegenheit des Ostblocks betrachten könnte, würde sich das Bild sofort ändern, wenn griechisches Territorium betroffen würde.

Für eine Lösung des Konflikts mit Tito durch einen Krieg unter den Satelliten würde sich Moskau vielleicht auch aus einem anderen Grunde kaum entscheiden. In einem Krieg müssen nämlich Bulgarien, Rumänien und Ungarn mobilisieren. Die kommunistischen Regime müssen also dem Volke Waffen in die Hände geben. Aber nicht nur die Soldaten, sondern auch die entlassenen Offiziere müßten sie wieder einziehen, die bis zu 80 v. H. bei den verschiedenen Säuberungen entlassen worden waren. Wie kampfstark solche Armeen sein können, mag sich jeder vorstellen. Wenn sie nicht überhaupt die Waffen gegen die Kommunisten selber richten, würden sie zumindest gar nicht kämpfen.

Für die zweite Lösung – die des Bürgerkrieges – hätte man im Kreml vielleicht mehr Meinung. Aber auch hier sollte man eine reibungslose Entwicklung nicht erwarten. Denn selbst wenn es dem Kominform gelänge, einen mazedonischen Staat auszurufen, würde das noch lange nicht bedeuten, daß dann der Bürgerkrieg wiederaufhören würde, Tito, einmal angegriffen, kann die Hilfe des Westens suchen und finden. Dann würde es durchaus fraglich sein, wer – Tito und seine Anhänger oder die Angreifer – in den Bergen Partisanen spielen wird.