Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft pflegen sich frühestens dann einzuschalten, wenn begründeter Deliktverdacht besteht. Ihre grundsätzliche Beteiligung aber im Rahmen bloßer Preis- und Steuerprüfungen in den Betrieben der Wirtschaft, namentlich in Geschäften des Einzelhandels, wirkt neu und befremdend zugleich, um nicht zu sagen ungesetzlich. Keiner von uns würde darauf kommen, derartige Übergriffe staatlicher Organe könnten auch in unseren Breiten geschehen. Eine Entschließung der Industrie- und Handelskammer Lübeck aber bestätigt das beschämende Gegenteil. Beamte der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft, zusammen mit den regulären Beamten der Preis- und Steuerfahndungsstellen, sollen dieser Entschließung zufolge in Schleswig-Holstein häufiger – wohlgemerkt, ohne daß der konkrete Verdicht einer strafbaren Handlung im Einzelfall gegeben war – rigorose Durchsuchungen der Geschäftsräume und Privatwohnungen der betreffenden Geschäftsleute vorgenommen haben. Ja, die Beamten der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft sollen bei diesen Gelegenheiten sogar vor Leibesvisitationen des Geschäftsinhabers, seiner Familienangehörigen und des Personals nicht zurückgeschreckt sein.

Bei aller Sympathie für den staatlichen Kampf gegen Wucher, Preistreiberei und Steuerhinterziehung: solche Art von Übereifer dürfte kaum dazu beitragen, die Achtung vor der Obrigkeit zu heben, ganz abgesehen von der empörenden Diffamierung der betreffenden Geschäftsleute. Jeder wirklich ehrbare Kaufmann hat selbstverständlichen Anspruch auf ehrbare Behandlung, wie jeder andere Staatsbürger auch. Es sollte überhaupt aus der Tatsache, daß schwarze Schafe herumlaufen, nicht von vornherein und generell auf einen korrupten-Zustand der ganzen Herde geschlossen werden Man wäre nach den jüngsten Erfahrungen (besonders in Hamburg) sonst allzu leicht versucht, bei den Polizeiorganen Entsprechendes vorauszusetzen... -mp.