Von unserem Ruhr-Korrespondenten

Schon seit dem 10. November 1948 ist das Gesetz Nr. 75 der Militärregierung über die Umgestaltung der deutschen Schwerindustrie in Kraft. In der Kohlenwirtschaft sind die organisatorischen Vorbereitungen wesentlich weiter gediehen als in der Eisenindustrie, weil in der Deutschen Kohlenbergbau-Leitung vor allem eine verhandlungsfähige und sehr aktive Spitze vorhanden ist. In der „Eisen- und Stahlindustrie hatte das Tauziehen um die Besetzung des zwölfköpfigen Stahltreuhandverbandes bisweilen groteske Formen angenommen. Zuerst hatten sich Industrie und Gewerkschaften auf eine gemeinsame Vorschlagsliste geeinigt. Als aber die Militärregierungenzur Einreichung von Vorschlägen für die „nichtpolitische Körperschaft“ aufgefordert hatten, bemächtigten sich Politik und Parteipolitik dieser Angelegenheit, als gälte es, eine politische Koalitionsregierung zu bilden.

Ende Februar kam es im Frankfurter Wirtschaftsrat dann zu unwürdigen Szenen. Eine vorgeschlagene Aussprache zur Beseitigung der bestehenden Meinungsverschiedenheiten wurde von den Gewerkschaften mit dem Hinweis auf die Erklärung General Clays abgelehnt, daß mindestens ein Viertel der deutschen Stahl-Treuhänder unter Männern der früheren Konzerne ausgewählt werden würde; die Tatsache, daß jemand vor der Kapitulation ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen sei, mache ihn für ein solches Amt noch nicht ungeeignet. Auch General Robertson hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß es für das Stahl-Gremium an erster Stelle auf Fachleute und auf ein harmonisches Zusammenarbeit ankomme. Nunmehr haben die Militärgouverneure die Liste der zwölf deutschen Treuhänder genehmigt.

Die Regelung der Besitzverhältnisse in der Schwerindustrie ist an sich den Deutschen selbst überlassen worden. Unter den gegebenen Umständen ist es aber durchaus natürlich, daß sich die ausländische Presse immer wieder mit dem Ruhrproblem befaßt, zumal auch die Gegensätze zwischen den Alliierten dazu Veranlassung geben. Die Amerikaner waren bisher grundsätzlich gegen eine Sozialisierung der Ruhrindustrie. Doch verlautet jetzt aus Washington, Acheson halte im Gegensatz zu den herrschenden Auffassungen eine Teilsozialisierung für das beste Abwehrmittel gegen den Kommunismus. Die Engländer setzen sich für eine Sozialisierung schlechthin ein. Die Franzosen wiederum sehen darin die Gefahr einer neuen Machtzusammenballung und befürworten sie daher nicht. Es ist ein tragisches Verhängnis, daß Frankreich aus politischen Sicherheitsgründen und England aus der bekannten Konkurrenzfurcht in diesen Fragen viele Bedenken äußern. Unter diesem Blickwinkel dürfte auch die in Luxemburg tagende Internationale Gewerkschaftskonferenz zu sehen sein, die bei erstmaliger Hinzuziehung deutscher Gewerkschaftler sich in einer Entschließung für die Internationalisierung des Ruhrgebietes und für die Beteiligung der Arbeiterschaft an der Leitung der Ruhrindustrie einsetzte.

Auffallend sind in den letzten Tagen mehrere Äußerungen in der ausländischen Presse zum Ruhrproblem und die Reaktion in einigen deutschen Zeitungen. Die Times befaßt sich am 10. März damit, daß die auf die neuen Gesellschaften zu übertragenden Vermögenswerte von allen auf ihnen liegenden Lasten und Verpflichtungen befreit sein sollen. Sie ist der Meinung, daß hierdurch den neuen Unternehmungen wahrscheinlich ein Vorteil hinsichtlich ihrer Konkurrenzfähigkeit eingeräumt werde. Es erhebe sich daher die Frage, ob die Bedingungen, die man den neuen Betrieben gestellt habe, nicht tatsächlich so vorteilhaft seien, daß diese Gesellschaften auf den internationalen Märkten eine bevorzugte Stellung einnähmen. Die Times muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß vom deutschen Standpunkt aus unter anderem mit Rücksicht auf die alten Aktionäre, unter denen sich sehr viele Kleinaktionäre befinden, und im Hinblick auf die Obligationäre und Pensionäre bereits der Vorschlag gemacht worden ist, in den erwarteten Durchführungsbestimmungen eine andere Lösung zu finden, etwa eine ähnliche Regelung wie in der britischen Iron and Steel Bill.

Der wahre Sinn der Ausführungen der Times wird deutlicher, wenn sie schreibt: „Wenn immer wieder betont wird, es sei unvermeidlich, daß die Rohmaterialkosten der deutschen Industrie hoch lägen, dann scheint manches für den französischenStandpunkt zu sprechen, der die Ansicht vertritt, daß der Ruhrkoks auf den lothringischen Erzhütten zur Stahlerzeugung für die deutsche verarbeitende Industrie verwendet werden könne. Auf diese Weise könnte der Wiederbelebung der deutschen Industrie neuer Antrieb verliehen werden. Es soll heute auf diese nach allgemeiner Auffassung hinlänglich geklärte Frage nicht näher eingegangen werden, sondern an die Stellungnahme des sicher unverdächtigen amerikanischen Kohlensachverständigen bei der Friedenskonferenz von Versailles, Guy Greer, erinnert werden, der die wirtschaftlich günstigste Lösung der für das Minettegebiet bestehenden Verkehrsfrage darin sieht, „Minette gegen Kohle bzw. Koks zu tauschen und dadurch den Transportraum für die Kohlenanfuhr möglichst vollständig mit Erzrückfracht auszulasten.“ Dieser sachverständigen und wirtschaftlichen Auffassung ist vom deutschen Standpunkt aus zu dem Problem Lothringen-Ruhr und den damit zusammenhängenden Fragen nichts hinzuzufügen.

Wenn die linksgerichtete britische Zeitschrift Tribune dieser Tage schrieb, sie sähe Gefahr im Verzug, „daß die Unternehmerkreise, die sich unter Hitler kompromittiert haben, von neuem das Heft in die Hand bekommen“, und eine westdeutsche Zeitung diese Stimme und die der Times sogar unter der mehrspaltigen Überschrift „Alte Konzerne zu mächtig veröffentlichte, so liegt hier ein typisches Beispiel für das große Tauziehen um die Ruhr vor. Was aber uns und einer neuen europäischen Zusammenarbeit not tut, ist eine sachliche Würdigung der schwierigen Probleme, die sich – auch im Interesse der Betriebe und ihrer Angehörigen – von aller dogmatischen Ideologie und von jeder Parteipolitik