Mit schwarzmalenden Berichten über den sogenannten „Kopenhagener Wellenplan“ begann es. Und die völlig. irreführenden Schlagzeilen über die angeblich geräteumwälzende Ultrakurzwelle machten das Maß der Verwirrung voll, wurde doch die baldige Wertlosigkeit aller zur Zeit spielenden Gerätetypen als traurige und unumstößliche Tatsache hingestellt. So hat das sehr voreiligausgesprochene Wort vom Unbrauchbarwerden der Rundfunkempfänger in den Kreisen der kauflustigen Hörer Ratlosigkeit und Unlust, beim RundfunkHandel jedoch eine erhebliche Absatzkrise ausgelöst.

Die Rundfunkwirtschaft mußte sich angesichts dieser Krisengefahr entweder zu sofortiger Produktionseinschränkung und Entlassung mindestens der Hälfte aller Beschäftigten oder zur Ankurbelung des absterbenden Geschäftes entscheiden. Man entschloß sich zu letzterem. So entstand die Umtauschaktion. Diesen und ähnlichen Notmaßnahmen muß aber der entscheidende Erfolg versagt bleiben, wenn den Rundfunkhörern nicht unmißverständlich klar wird, daß es mit den „Gefahren“ des des Kopenhagener Wellenplans und vor allem der Ultrakurzwelle nichts Nachteiliges auf sich hat.

Es war zu erwarten, daß man uns, den Besiegten, etliche Wellenlängen „demontieren“ würde. Gesetzt den Fall, dieser Plan der Kopenhagener Konferenz vom Sommer vergangenen Jahres – den übrigens viele Teilnehmerstaaten wegen grundsätzlicher Bedenken bis heute noch nicht ratifiziert haben und die USA ablehnen – würde wie vorgesehen im 15. März 1950 in Kraft treten, so könnten trotzdem nach wie vor die bisherigen Rundfunkempfänger auf ihren drei Bereichen – Lang-, Mittel- und Kurzwelle – Station bei Station empfangen. Es wurde lediglich weniger deutsche Stationen geben. Um diese Ungunst der Wellenverteilung auszugleichen, werden im Mittelwellenbereich zusätzliche Sender zur Aufstellung gelangen. Und zwar allein in der britischen. Zone im der Nähe der Städte Aachen, Bonn, Braunschweig, Göttingen, Herford, Kiel, Längen, Oldenburg und Siegen. Für viele Hörer in den Mittel- und Kleinstädten werden sich also ab März 1950 die Empfangsbedingungen aller Voraussicht nach noch verbessern. Aber, und das istdas entscheidende, nur wenige Radioapparate werden: deswegen unbrauchbar werden, ebensowenig durch die Ultrakurzwellensender, die errichtet werden, um dem Hörer einen zusätzlichen, unter Umständen besseren Ortsempfang zu gewährleisten. Jeder Hörer hätte also mit der Ultrakurzwelle lediglich eine weitere zusätzliche deutsche Welle, für deren Empfang von der Rundfunkindustrie bereits jetzt ein billiges UKW-Zusatzgerät entwickelt wird. Fachkreise der Rundfunkindustrie sind der Auffassung, die Industrie werde durchaus in der Lage sein, Zusatzgeräte für Ultrakurzwellenempfang in einer Preislage von weniger als 100 DM in ausreichender Zahl zu dem Termin zur Verfügung stellen zu können, an dem der NWDR den Ultrakurzwellenfunk auf breiterer Ebene aufnimmt. Der NWDR, der Bayrische und der Hessische Rundfunk, der Südwestfunk und Radio Stuttgart haben einen Wettbewerb ausgeschrieben, in dem Fachleute und Amateure aufgefordert werden u. a. ein solch Ultra-Kurzwellen-Vorsatzgerät zu entwerfen.

Der Ultrakurzwellen-Empfang ist technisch ein außerordentlich interessantes Problem. Dessen Bewältigung könnte uns sogar eines Tages (eben weil wir wieder einmal gezwungen werden, aus der Not eine Tugend zu machen) in dieser Gruppe als Spitzenreiter sehen. Es besteht aber kein Grund, durch sensationelle Berichte die Hörer zu beunruhigen und einen großen Wirtschaftszweig zu gefährden.

Die Rundfunkindustrie ist immerhin ein nicht unwesentlicher Teil der gesamten deutschen Volkswirtschaft. Etwa 10 000 Menschen sind direkt und mehr als 100 000 indirekt in ihr beschäftigt. Sie stellt zur Zeit je Jahr Geräte im Gesamtwert von rund 200 Mill. DM her. – Die letzte Konsequenz der augenblicklichen Absatzkrise würde zusätzliche Arbeitslosigkeit bedeuten, eine Arbeitslosigkeit bei der Rundfunkindustrie, dem Rundfunkhandel und der Zulieferindustrie.

Es muß in diesem Zusammenhang auch anerkannt werden, daß die Rundfunkindustrie in allen Teilen Deutschlands mit ungeheurer Anstrengung viele vorbildliche neue Fertigungsstätten geschaffen hat. Ein besonderes Beispiel dafür bieten die Grundig-Radio-Werke in Fürth (Bayern). Anfang 1945 war es noch eine bescheidene Trafo- und Spulenwerkstätte mit 400 qm Arbeitsfläche und 45 Beschäftigten. Mitte 1946 wurde der erste werkeigene Radioapparat vom Typ „Heinzelmann“ gebaut. Aus dem bescheidenen Fabrikraum sind inzwischen rund 10 000 qm Arbeitsfläche geworden, und die Belegschaft hat sich auf 800 erhöht. Heute werden in fortschrittlich eingerichteten Werkhallen und mit modernsten Maschinen monatlich annähernd 12 000 Radiogerätevom „Heinzelmann“-Einkreiser bis zum Luxus-Groß-Super „Weltklang“ hergestellt. Diese Zahl besagt nüchtern, daß sich das Grundig-Radio-Werk in beispiellosem Aufstieg einen Marktanteil von über 20 v. H. erarbeitet hat und mit dieser Kapazität an der Spitzeder deutschen Rundfunkindustrie überhaupt steht. Diese Spitzenleistung war nicht zuletzt deshalb möglich, weil fast sämtliche Einzelteile – „von der Beilagescheibe bis zum Großlautsprecher“ – in eigener Fabrikation hergestellt werden. Die Firma hofft, diese Spitze und die fachmännisch anerkannte Qualität ihrer Fabrikate bei denkbar niedrigen Preislagen auch mit dem neuen 4-Typen-Fertigungsprogramm zu halten. Voraussetzung dafür dürfte allerdings sein, daß die augenblickliche Absatzkrise nur vorübergehender Natur ist. oka.