Seltsamer Verkauf bei IG Farben

Von unserem Frankfurter Korrespondenten

R. S. Frankfurt, Mitte Juni

General Hays erklärte vor etwa 14 Tagen vor Pressevertretern, es würden aus den ehemaligen IG-Farben-Werken drei größere Fabrikeinheiten zusammengestellt (womit er wohl nur die Werke in der amerikanischen Zone gemeint haben dürfte), und einer dieser Industriekomplexe solle in Kürze zum Verkauf angeboten werden. Auf diese Weise wolle man den Markt sondieren. Von den Erfahrungen, die man dabei machen werde, würde es abhängen, wie man bei den für später vorgesehenen Verkäufen des übrigen IG-Farben-Vermögens vorgehen wolle.

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Diese Äußerung wurde von der deutschen Öffentlichkeit mit Überraschung und Befremden aufgenommen. Unklar in ihren Absichten, überrascht sie die mit der Durchführung der Entflechtung betraute deutsche Stelle: FARDIP (IG Farben Dispersal Panel) mit einem deren Aufgabe geradezu gefährdenden Plan. FARDIP soll bekanntlich die Rechtsgrundlagen für die neu zubildenden Unternehmen unter dem Gesichtspunkt ihrer wirtschaftlichen Existenzfähigkeit schaffen. Ehe aber noch die dazu notwendige Abgrenzung der gegenseitigen Verpflichtungen und Ansprüche der ehemaligen Konzernwerke aus dem Titel ihrer früheren Zugehörigkeit zum IG Konzern auch nur in Umrissen erkennbar wird, soll nun irgendeines dieser Objekte aus der Vermögensmasse herausgegriffen und zum Verkauf angeboten werden. FARDIP weiß nicht einmal, an welches Werk dabei gedacht wird. Auf ein enges Zusammenspiel, von dem öfter gesprochen wurde, deutet eine solche lückenhafte Informierung des Partners nicht.

Wir fragen: Wie stellen sich General Hays und seine Auftraggeber diesen marktsondierenden Verkauf vor? Zur Zeit ist eine Übersicht über die verbliebenen Vermögenswerte der IG Farben nicht möglich. Da sind die Vermögensverluste im Ausland, in der russischen Zone, die Verluste an Patenten, die Einbußen durch Demontagen, das Verbot der Hochdrucksynthese und anderes zu berücksichtigen, alles wesentliche Faktoren für die Bewertung von Unternehmen, die im IG-Farben-Konzern keine eigenen Rechtspersönlichkeiten darstellten. Wie soll aber eine solche koordinierende Bilanz aufgestellt werden, wenn ohne Rücksicht auf ihr Ergebnis bereits vorher irgendein Objekt aus dieser Rechnung herausgenommen wird? Eine andere Frage und, wie uns scheint, die wichtigste vielleicht, ist diese: General Hays sprach von einer Marktsondierung. Welcher Markt soll sondiert werden? Der deutsche? Wie denn, wenn er sich, was man befürchten muß, als nicht genügend aufnahmefähig erweist? Will man dann den Auslandsmarkt erforschen, also auch ausländische Interessenten mitbieten lassen, womit man die bisherigen Richtlinien für ausländische Kapitalinvestitionen in Deutschland durchbrechen müßte? Sollte dies der Fall sein, dann drängt sich die Frage auf, ob man etwa glaubt, dem ausländischen Käufer so günstige Verkaufsbedingungen bieten zu können, daß wohl er, nicht aber die deutschen Kontrahenten zufrieden sein könnten? Auf wessen Initiative ist General Hays gerade jetzt in dieser Angelegenheit so aktiv geworden? Hängt dies vielleicht mit der in den Vereinigten Staaten erhobenen Kritik an General Clays Dekartellierungspolitik zusammen? Man wird uns eine Antwort auf die Fragen, die hier aufgeworfen wurden, auf die Dauer nicht verweigern können.

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  • Quelle dpa
  • Schlagworte I.G. Farben | Patent | Vermögen | Ehe | Unternehmen
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