Unter Deutschen wurde schon immer gerne „getagt“, Es steht zwar nicht „so“ beim Tacitus. Aber wir dürfen getrost annehmen, daß die Freude am Tagen die vom Kantschen Pflichtbegriff legitimierte Freude am Nächtigen, am Feiern und Etwas-Aufgehenlassen ist, um deretwillen uns die Herbergsväter in aller Welt gern gesehen, wenn auch trotzdem leider nie geliebt haben. jedenfalls wäre es Verleumdung, anzunehmen, das Gedränge von Tilgungen, das hochsommerlicherweise zur Zeit in Bayern beobachtet wird, entstamme lediglich dem Wunsche vieler, in der Vermummung eines Delegierten (das heißt auf Spesennota) in die Nähe sommerfrischenwürdiger Gegenden zu gelangen. Auf zwei Tagungen, in Erlangen und München, habe ich mich selbst überzeugt, daß auch in Backofengluten noch ernstlich gearbeitet, diskutiert, kritisiert und zu matter Letzt resolutioniert wird, womit denn jeweils dem Pflichtgefühl, das bei uns eine Beischaft von mühselig oder unangenehm durchaus verlangt, genuggetan ist

Die erste Tagung, die Erlanger, war eine kleine Revolution, unblutig und wissenschaftlich, aber dabei amüsant. Sie ging quasi davon aus, daß der Mensch eine Reihe von Ur-Lüsten habe, denen nachzugehen sein Ur-Recht sei, wenngleich es der Brauch fast schon zu einem Unrecht gemacht habe. Vom Ur-Recht des Theaterspielens ist hier im besonderen die Rede, dieweil sich in dem reizenden unverbombtenfränkischen Universitätsstädtchen Erlangen deutsche und ausländische Hochschul-Studiobühnen zu einer „Internationalen Theaterwoche“ zusammengefunden hatten. Da spielten die Würzburger, die Erlanger selbst, die Wiener, die Berliner gleich von zwei Hochschulen, es kabarettierten die Kieler, und es triumphierten die Pariser Studenten der Sorbonne (die Theophiliens) so überzeugend, daß sie für Oktober nach München eingeladen wurden, von wo für diesmal nur Zuschauer, Diskutierter und Kritiker, aber auch der amerikanische Theaterbeauftragte Mr. Hermann Hahn gekommen war, dem das Gelingen auf so breiter und internationaler Basis zu danken gewesen.

Denn wenn des Nachmittags und Abends zwei-, ja gar dreimal (mit „kritischen“ Pausen dazwischen) theatergespielt wurde, so waren die Vormittage gleichwohl nicht dem Ausschlafen geweiht. Sondern die Tübinger, Mainzer, Hamburger, Germersheimer, Münchner e tutti quanti verwandelten sich aus Zuhörern in Debattieren es ging ja schließlich um die Feststellung, wo das Laientheater überhaupt und das der studentischen Studiobühnen speziell seinen „Ort“ und seine Aufgaben habe. Es gab Augenblicke, wo dies alles zu eng gefaßt zu werden drohte, sei es weil ein starrer Begriff von Wissenschaftlichkeit vorwaltete, sei es, daß von Seiten der Bühnengenossenschaft. alo von den Berufsschauspielern her, Riegel und Schranken gegen die mögliche „Konkurrenz“ solcher Laienbühnen zumindest erwogen wurden. Aber nach mancherlei Debatten hat man sich geeinigt, den Universitäten die Pflege der Studio-Bühnen als einen Teil der „musischen Erziehung“ zu empfehlen, die im Zuge einer Hochschulreform im Geiste der Uni- – versitas, als eines ganzheitlichen Bildungsideals, ohnedies stärker in den Vordergrund treten müsse, um der Vermassung an der Wurzel zu begegnen.

Bis es zu solcher Einhelligkeit kam, hatten die Aufführungen mancherlei Können im Stile des Experimentiertheaters, aber auch etliches Versagen demonstriert. Es war hübsch, daß unter den Zuschauern und Kritikern sich für einen Abend (bei Georg Kaisers Nachlaß-Stück „Napoleon in New Orleans“) auch Gustaf Gründgens befand, und sein Dramaturg, Dr. Badenhausen, ein Exposé über sein Mädchen-für-alles-Amt hielt, das allzu schnellfertigen Enthusiasten wohltätige Respekts- und Beklemmungsschauer über die Haut gejagt haben dürfte. Beschlossen wurde: die Tagung nächstes Jahr, wenn möglich, in Berlin, sonst aber in Erlangen zu wiederholen – wofür auch das bayrische Kultusministerium, vertreten durch den Staatssekretär für die schönen Künste, seine Unterstützung bereitwillig zugesagt hat.

Die zweite Tagung, in München an die erste anschließend, fand unter der Ägide der Bühnengenossenschaft statt und hatte dementsprechend ein gerüttelt Maß juristischer, tariflicher, organisatorischer Probleme auf seiner Tagesordnung. Aber einmal schweifte auch diese unter das Kennwort: „Bühnenbildner, technische Bühnenvorstände, Maskenbildner“ gestellte Tagung ins Internationale aus,als der Amerikaner Mordecai Gorelik (er war auch in Erlangen dabeigewesen) über die amerikanische, und der Franzose Andrä Boll über die französische Bühnenbildkunst sprach, wovon sich unsere anwesenden Fachleute so aufgeklärt fanden, daß sie auf weitere deutsche Vorträge zur Sache und die Aussprache gänzlich verzichteten.

Übrigens zeigte sich, daß solch friedliches Zusammenkommen nicht nur sachlich belehrend (und menschlich erfreulich), sondern mitunter auf die sonderbarste Art „tröstlich“ zu werden vermag. So hier, als sich aus der Gäste Mund ganz von selbst ergab: die vielberedete „Krise“ des Thea ters scheint international! Wer weiß, vielleicht ist Krise die Existenzform des modernen Theaters schlechthin? Sollten wir’s auch nicht an den Tag bringen, „tagen“ wollen wir darüber gern bis zum jüngsten Gericht. Hanns Braun

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