Matisse und der wahre Luxus
Zum 80. Geburtstag des großen Malers Von Werner Haltmann
Am letzten Tage des vergangenen Jahres ist Henri Matisse 80 Jahre alt geworden; Matisse, den man, wie Louis Aragon sagt, „nur sich selbst zu überlassen braucht, damit unter seinen Händen die ärmlichsten und bedeutungslosesten Dinge Gegenstände des Luxus, de:> wahren Luxus, werden". Ich habe das Glück gehabt, Matisse des öfteren in Nizza zu sehen, zuletzt an einem Frühsommertag des Jahres 1942 in der Zeit des tiefsten Unglücks Frankreichs. Er hatte eine Operation hinter sich, war Rekonvaleszent. Aber er war sehr lebendig, gar nicht alt, mit seinen klaren, ein wenig prüfenden Augen hinter der randlosen professoralen Brille. Er blieb meistens in seinem Bett, obwohl es vielleicht nicht nötig war; er fühlte sich wohl so. Er sah durch die großen Fenster auf den herrlichen Golf; und das luxuriöse Licht der französischen Riviera füllte das ganze Zimmer und lag zärtlich über einigen wenigen, sehr erlesenen Dingen: einer persischen Kachel, einem orientalischen Seidenstoff, einem kostbaren Glas. Da also lag Matisse und las in den Liebesgedichten Ronsards und erfand sich Illustrationen dazu. Er war, wie es schien, ganz glücklich. Ja, er und seine Kunst hatten immer diese so seltene Aura eines vollkommenen Einverständnisses mit dem Leben und einverstandenen Menschlichkeit herrliche Sätze sagen: — „Man muß die Freude im Himmel, bei den Bäumen und Blumen zu finden wjissen — Das Glück aus sich selbst schöpfen, aus einem reichen Arbeitstag und der Erhellung, die er in den Nebel um uns hineintragen kann Er hatte sich damals in Gestell konstruiert, das ihm erlaubte, auch im Bett zu zeichnen. Da schrieb er vom frühen Morgen an ein Blatt nach dem anderen herunter, immer das gleiche Thema, einen Frauenkopf mit einem Hintergrund aus blattornamenten. War es Spiel? War es Arbeit? Beicl s. Matisse vergnügte sich arbeitend und sagte: , Sehen Sie, ich bin wie ein Artist, wie ein Tänzer; man muß in Übung bleiben, damit man, wenn es darauf ankommt und man auf die Bühne tritt, seine Figur ganz von allein beherrscht " Und nieder schrieb seine Hand in einer wunderbaren Kurvatur mit einer tänzerischen Leichtigkeit ohnegleichen diesen Frauenkopf herunter. Und wie Idt so dieser Hand folgte, mußte ich wirklich an einen meisterhaften Tänzer denken, der mit seinen Schwüngen, Sprüngen und Pirouetten seine Ausdrucksarabeske vor den leeren Bühnenraum zeichnet, und diesem so ein menschliches Spannungsverhältnis hinzufügt. Dann sagte Matisse wieder so einen Satz wie: „Die Hand ist nichts anderes als die Verlängerung der Sensibilität und der Intelligenz. Je leichter sie Ist, desto besser gehorcht sie. Die Dienerin soll nicht zur Herrin werden " Auf was aber zielte diese Mühe? Nun darauf, die Linie, die den Gegenstand beschreibt, zur bildnerischen Arabeske umzuwandeln, die über ihre beschreibende Bedeutung hinaus unsere Empfindsamkeit unmittelbar berührt, in der gleichen Weise wie der Bewegungsschwung des Tänzers. Und genau wie der tänzerische Schwung ist auch die Arabeske Matisses ein Ordnungszeichen, das das weiße, gestaltlose Viereck des Bildes in Spannung bringt, ihm das Gleichgewicht und die Reinheit des in sich schönen Gegenstandes gibt, in dem sich unser Geist ausruht. Da lacht Matisse gern und sagt, daß seine Malerei wie ein. Lehnstuhl sein soll, in dem der müde Mensch seine Ruhe findet — mit ein bißchen Glück, ein bißchen Luxus, ein bißchen Wollust auch. Um das zu erreichen, braucht es diese ständige Übung, damit nichts von Schwere, Verworrenheit und Ungenauigkeit sich hemmend zwischen seine Vision und das Bild stellt, damit das Bild wie von selbst wächst, aus dem automatischen Rhythmus der eigenen Ergriffenheit „Das Wahre und Wirkliche in der Kunst beginnt erst dann, wenn man nicht mehr begreift, was man tut und was man kann und dennoch eine Kraft in sich spürt, die um so stärker wird, je mehr man sie verdichtet " Man hat Matisse oft den Vorwurf des Akademischen gemacht und meinte damit seinen Überlegsamen, planvollen, sparsamen Umgang mit der Linie und der Farbe. Aber für Matisse ist eben „ein Künstler nur derjenige, der imstande ist, seine Empfindungen methodisch zu ordnen". Matisse ist unter allen modernen Malern der Franzose par excellence, das heißt: Vernunft, Einfachheit und Klarheit gelten ihm als die höchsten Tugenden — Und dann wirft man Matisse das Dekorative vor. Gewiß sind seine Bilder Dekoration, sie sollen es ja auch sein: schmückende, erlesene Dinge. Ich finde, daß seine Leistung gerade darin liegt, daß er es fertigbrachte, dem Dekorativen wieder die Würde der geistigen Aussage zu geben als Ausdruck der Freude am schönen Ding. So kommen auch seine Themen aus dieser Freude: Tanz, Musik, Luxus, Leben.
Es ist wundervoll in Matisses Wohnung herumzugehen im Jubel dieses luxuriösen Lichts Südfrankreichs, das durch die großen Fenster bricht. Große Räume, ganz locker möbliert, aber überall trifft man auf kostbarste Dinge, wie orientalische Teppiche und Stoffe von unvergleichlicher Schönheit. Und in der Mitte des einen Raumes steht dann streng und feierlich ein Abguß nach einem griechisch archaischen Apoll. Ein Zimmer wird durch das schöne Filigran eines Gitters zu Dreivierteln abgeteilt, und dahinter bewegen sich mit stolzer Eleganz wunderbare exotische Vögel in der ganzen Pracht ihres Geund Natur kommt man dann in zwei große Räume, in denen die neuesten Bilder von Matisse zu einem Fries gereiht beieinander hängen. Eigentlich ganz einfach, nur eben mit einer Leiste gerahmt und über die Nägel gehängt. Häufig variieren sie auch das gleiche Thema. Aber vor dem strahlenden Glanz dieser Bilderreihe begreift man unverzüglich, daß hier die Empfindlichkeit eines großen Künstlers aus allen antwortenden Regungen seines ästhetischen Gefühls die einfachste Formel der Schönheit herauszuziehen sucht. Ein Bild ergriff mich ganz besonders — die Halbfigur eines schlafenden Mädchens in einer bestickten Russenbluse, das Kopf und Arm auf die Tischkante lehnt. Auf rotem Grund die geschwungene Linie des violetten Tisches und die lichtblaue Bluse mit den schwarzen Ornamenten, das war alles; reine Töne wie Aquarelltöne auf der weißen Leinwand. Und das Ganze ganz flach, ein reines Ornament auf der Fläche. Die Linie auch ganz sparsam, nur eben den Gegenstand andeutend, aber in diesem großen dekorativen Schwung der reinen Linie öffnete sich einem einfach das Herz, als täte man einen tiefen Atemzug der Freude.
Es ist wirklich ein Wunder, wie dieserSohn eines kleinen Händlers dies Gefühl für die Schönheit nnd ihren Luxus hat in sich so hoch züchten körwien. Er war ja sehr arm. Im Jiubiläumsjahr 1900 mußte er mit seinem Freunde Marquet für den Schmuck der Festhalle dekorative Lsrbeergirlanden meterweise malen, um das Geld für sich und seine kleine Familie zu verdienen. Und als er 1905 im Salon dAutomne mit Derab, Vlaminck, Friesz und Dufy ausstellte und ihn die Presse zum Haupt der fauves — der wilcfen Tiere, wie man diese Malergruppe nannte — erklärte, da war das ja auch nicht dazu angetan, ihm sein Leben lichter zu machen. Aber als er damals durch irgendeinen Glücksfall ein paar tausend Franken in die Hand bekam, kaufte e- sich trotz seiner Not — ein Bild, die Drei Baienden von Cezanne. Da man ihm nun vorhielt, er hätte das Geld besser für den Unterhalt seiner Familie verwenden sollen, meinte er, er ernährte die Seinen nicht durch Brot, sondern durch Kunst. Und hing seinen Cezanne auf und gab ihn auch nie her, selbst als man ihm bald darauf in Angebot von einer Million machte. Das eben ist der wahre Luxus, das Ästhetische unter al en Umständen wie einen Glorienschein über das nackte Leben und die Dummheit seiner Forderungen zu stellen. Zu wissen, daß Kunst mehr ist als Brot, weil sie der Nährstoff unserer Menschlichkeit ist. Dieser wahre Luxus hat dann nichts nehr zu tun mit gefüllten Brieftaschen und Bankkonten, er ist die eigentliche künstlerische Einstellung des Menschen zum Leben. Aus diesem vahren Luxus fand Matisse sein Werk; er ist es, der unser Leben reicher macht.
- Datum 05.01.1950 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.1.1950 Nr. 01
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