Der frühere SD-Offizier Otto Skorzeny, bekannt als der „Befreier Mussolinis“, hat neuerdings wieder von sich reden gemacht. Er war in Hamburg, um seine „Erinnerungen“ dem „Stern“ anzubieten, dessen Redaktion sie allerdings aus politischen und aus Gründen des guten Geschmacks abgelehnt hat. Immerhin hat. er bereits in amerikanischen und französischen Zeitschriften seine Stories angebracht. Denn der SS-Obersturmbannführer pocht noch immer auf sein „Heldentum“ und verdient damit Geld; die Wahrheit freilich sieht ein wenig anders aus

Sitacuisset! Ach, wenn er geschwiegen hätte! Warum gab dieser Skorzeny sich damit nicht zufrieden, daß man ihn leidlich in Ruhe ließ? Pecuniae causa! Er hatte da eine Geschichte erlebt, die „Mussolini-Geschichte“, seine Geschichte. Er sagte, vierzigtausend Mark sei sie wert. Er rechnet die Tatsache in Bargeld um, daß es noch heute – nicht nur in Deutschland, sondern allenthalben im westlichen Ausland – Leute gibt, die sich an seiner Story begeistern. Und es ist ja auch eine vortreffliche moderne Saga, die er zu bieten hat: Da war ein südlicher „Staatsmann“. namens Mussolini, und ein nördlicher „Staatsmann“, namens Hitler, und sie hielten einander mit „Evviva“- und „Heil“-Rufen die klassische „Treue bis zum Ende“. Und richtig –: als der eine gefangen saß, da befahl der andere, jener sei zu befreien, wobei beide ein unwahrscheinliches Glück entwickelten. Lebte doch weiland in germanischen Landen ein neuer Siegfried –: an ihn konnte der nördliche Staatsmann sich halten! Wußte er doch, was er an ihm hatte! Treue um Treue! Ein Thema wie aus dem Schullesebuch ... Als Siegfried die Tarnkappe gelüftet hatte, sprach er bescheiden: „Otto Skorzeny zur Stelle ... Befehl ausgeführt... Mussolini befreit...“

Damals stand es schlecht an der Front, „Geplante Rückzüge überall, wenig Optimismus bei der Truppe. Die Mär von einer „Wunder-Waffe“, auf die man in letzter Stunde vertrauen sollte, wurde zu wenig geglaubt; der Glaube an die Siegeskraft des Nationalsozialismus war ins Wanken geraten. Kriegsjahr 1943 ... Man brauchte eine Ermunterung; eine Nervenpille. Sie erhielt den Namen „Skorzeny“. Denn nicht nur, daß es ein Held sein mußte – es mußte ein nationalsozialistischer Held sein, einer von „des Führers schwarzer Garde“.

Der Nationalsozialismus versank, die „Staatsmänner“ starben einen schauerlichen Tod, aber Skorzeny lebt. Und er lebt davon, daß man ihm glaubt. Empfehlenswert für den Fall, daß irgendwo irgend jemand befreit werden muß! Ansporn tatenfroher Jugend in aller Welt. Motto: ‚Lest Skorzeny und ihr werdet tapfer sein!’ Und schon hört man Leute sagen, der Nationalsozialismus dürfte ja freilich allerlei Übles angerichtet haben, aber immerhin... da sei doch dieser Skorzeny gewesen ... Hut ab vor dem Manne! – Und nur wegen dieses Hutes, nur in Ansehung des Schullesebuches von morgen, das man sonst fürchten müßte, ist es notwendig, von Skorzeny zu sprechen und seine Geschichte auch einmal so zu erzählen, wie sie wirklich war. Si tacuisset! Manchmal aber ist es nötig, einen sogenannten Helden vom Podest herunterzunehmen. Und hier muß es sein ...

Damals, Anno 1943, als der Name des „Mussolini-Befreiers“ Skorzeny bei Feind und Freund berauschend wie ein Hornmotiv aus Wagners „Nibelungen-Ring“ aufklang, schon damals gab es bei den deutschen Fliegern und besonders im engeren Kreise um den Fallschirmtruppen-General Student eine andere Version. Einige, die bei Mussolinis Befreiung „mit von der Partie gewesen waren“, sprachen in heller Wut über den aufgeblähten Ruhm Skorzenys; andere lächelten nur und taten das, was Skorzeny heute tun sollte: sie hielten den Mund. Sie wußten, daß Skorzenys Ruhm teils vom Zufall, teils von der Goebbelsschen Propaganda-Maschine erzeugt worden war. Und wenn man fragte: „Aber ihr werdet doch nicht leugnen wollen, daß Skorzeny in der bewußten Maschine saß, mit der Mussolini vom Gran Sasso abgeholt wurde?“, so erzählten sie die Geschichte schon damals ganz anders, als Skorzeny sie noch heute erzählt ...

„Er flog, weil er verwegen war?“ sagten sie. „Pah, er flog aus Angeberei. Er war bloß Gast bei der ganzen Affäre.“ Ein anderer aber, der es ganz genau wissen mußte und der heute zurückgezogenin der Nähe von Hamburg wohnt, der ehemalige Fallschirmtruppen-General Studept, ist entschlossen, über den „Fall Skorzeny“ganz einfach nur zu lächeln, wieer auch überdie unsinnigen Meldungen ostzonaler Zeitungen lächelt, in denen behauptet wird, er, der Generaloberst a. D., sei von den Westalliierten beauftragt, neue Fallschirmtruppen aufzustellen...

„Ein Vorschlag, Herr Student –: Wo ich mich in der echten Skorzeny-Geschichte irre, bitte, widersprechen Sie!“ – „Abgemacht!“ –