Draußen vor der Tür
Es wird viel von Menschenwürde, Menschenrechten und Freiheit der Person gesprochen und auch geschrieben. Die ganze westliche Welt ist sich darüber einig, daß niemand dieser Rechte mehr bedarf als diejenigen, die gezwungen sind, im Machtbereich der Sowjetunion zu leben. Bereitwillig wurden darum im letzten Jahr annähernd hunderttausend ausländische Staatsbürger, die aus den Satellitenländern flüchteten, in Westdeutschland aufgenommen, jetzt aber, wo es sich darum handelt, unseren Landsleuten, die während, der vergangenen fünf Jahre in Polen und der Tschechoslowakei ein Sklavenleben geführt haben, Asyl in Deutschland zu gewahren, verbietet die Hohe Kommission die Aufnahme dieser Vertriebenen, denen die Beschlüsse der Alliierten in Jalta und Potsdam die Heimat raubten. Jetzt warten sie wieder, zu Tausenden zusammengepfercht im Lager Heiligenstadt an der Ost-West-Grenze, enttäuscht und verzweifelt, nirgends zu Haus, nirgends geduldet – ein Opfer des östlichen Terrors oder der westlichen alliierten Bürokratie? Offenbar ist es leichter zu definieren, was ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ist, als sich darüber klar zu werden, was Menschlichkeit ist und was sie erfordert.
Der Bundestag hat in voller Einmütigkeit den Antrag der SPD angenommen und beschlossen, sich mit allem Nachdruck für die Aufhebung der Einwanderungssperre einzusetzen, die die Hohe Kommission gegen die Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei verhängt hat. Gewiß, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in dem übervölkerten Weststaat sind kaum mehr zu meistern, aber nach allem, was wir erlebt und angerichtet haben, sollte Menschlichkeit wichtiger sein als ökonomische Gesichtspunkte. Dff.



