Nervenkrieg im Teutoburger Wald

Detmold‚ Ende März

Schießplatz Teutoburger Wald... So hieß lakonisch die deutsche Sensation der letzten Woche. Es begann mit einer kargen Mitteilung, wie sie nun einmal unter Militärs üblich ist. Man werde, so verlautete es von englischen Stellen, den Schießplatz Sennelager, zwischen Osnabrück und Detmold gelegen, vergrößern, wie dies schon gleich nach Kriegsende befohlen worden sei. Dieser Meldung nahmen sich sogleich zwei geheimnisvolle Mächte an. Die erste Mach heißt Gerücht, die zweite heißt – Tass. Sie wurden gespeist von derselben Quelle: der kommunistischen Propaganda, die es ja vortrefflich versteht, überall die Gelegenheit beim Schopf zu nehmen, wo der politische Gegner im Begriffe ist, Unrecht zu tun. Das Unrecht aber bestand darin, daß sich die englischen Truppen willens zeigten, die schönsten Teile des Teutoburger Waldes in einen Schießplatz zu verwandeln. Schußbahren im Rücken des Hermannsdenkmals, Panzer im Naturschutzgebiet...

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Während Arnold, der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, mit General Bishop, dem britischen Landeskommissar, verhandelte, blieb an Ort und Stelle alles still. Arminius mit seinem ausgestreckten Schwert konnte allezeit besichtigt werden; die Leute konnten trotz britischer Warnungsschilder unbehelligt eindringen in den Hochwald, um Erholung oder – Holz zu suchen. Die Warnungsschilder sind nicht neu, und die Schranke nahe am Hotel Hangstein, die offiziell den Zugang zum Hochwald versperrt, ist schon 1945 von kriegsmüden deutschen Landsern im Auftrag der Engländer errichtet worden. Aber die Gerüchte kursierten, und sie sind es, die unverzüglich Schaden stifteten. Das Gebiet nämlich, um das es sich handelt, ist etwa 8000 Hektar groß; hier zählte die Fremdenstatistik in den Sommermonaten rund 250 000 Übernachtungen, und die Besitzer der Hotels und Pensionen in dieser zauberhaft schönen Landschaft hatten Grund zu fürchten, daß die Sommerfrischler aus dem Ruhrgebiet diesmal ausbleiben würden; sie haben im Kriege genug Explosionen gesehen und sind nicht begierig auf den zermürbenden Donner neuer Detonationen. Die Besitzer der Hotels und Pensionen möchten daher de Gerüchte dämpfen. „Was ist schon dabei, wenn mal geschossen wird?“ sagt die Besitzerin des Hotels Hangstein, das seit fünfzig Jahren in den Händen ihrer Familie ist. „Es sind auch früher schon Panzer droben im Wald herumgefahren und haben Bäume in Brand geschossen...“ Derweil meldete die sowjetische Nachrichten-Agentur „Tass“, daß sowohl das Hotel Hangstein als auch Teile der Dörfer Berlebeck und Heiligenkirchen, Vivitsheide und Hörste evakuiert werden sollten. „Demontage der Fremdenindustrie“, so lautete das Schlagwort, und es liegt tatsächlich bei dem Verhalten der britischen Truppen, ob diese böse Prophezeiung Wirklichkeit wird oder nicht.

Immerhin hieß es im idyllischen Heiligenkirchen, daß in jedem Falle geplant sei, bei Schießübungen stundenweise einige Häuser zu räumen, die in der Nähe der projektierten Schußbahnen lägen. Insgesamt würden im ganzen Gebiet nur 266 Personen betroffen sein. Beruhigend wirkte zugleich die Ansicht, daß die britischen Militärs – anders als die ehemaligen deutschen Truppen – die Angewohnheit hätten, die Sicherheitsgrenzen stets viel weiter zu ziehen als eigentlich notwendig wäre. Beunruhigend dagegen wirkte das Auftreten eines englischen Schießoffiziers, der offensichtlich kein Hehl daraus zu machen pflegt, daß er die Deutschen nicht liebt, und die Erinnerung, daß beim Kriegsende das Dorf Berlebeck zwanzig Häuser durch britischen Panzerbeschuß verlor, obwohl keine deutschen Truppen mehr im Dorf waren und Bettlaken als Zeichen der Übergabe aus den Fenstern hingen. Aufmunternd aber wirkte, daß der Revierförster von Lopshorn, einem Jagdschloß, das zum Besitz der fürstlichen Familie zu Lippe gehört, von seiner Herrschaft angewiesen wurde, im Fall, daß er von englischer Stelle Befehl erhielte, für die geplante Schießbahn Bäume zu fällen, nicht zu gehorchen. Das imponierte den Leuten, und so waren sie bereit, die Entscheidung abzuwarten.

Aber alle fragten: „Was soll’s?“ Und diese Frage hat auch heute, nach der Besprechung zwischen Bishop und Arnold, noch ihre Berechtigung. Steht den Engländern nicht Raum genug zur Verfügung, wenn sie sich im Schießen üben wollen? Haben sie für die wenigen Divisionen, die sie in Westdeutschland unterhalten, nicht an der Wahner Heide, an den Plätzen in der Lüneburg Heide genug? Auch wenn sie Generale und keine Politiker sind, sollten diese Engländer sich vorstellen können, was es im überfüllten Westdeutschland bedeutet, wenn der ohnehin durch englischen Kahlschlag genug geschädigte Teutoburger Wald in seiner Bedeutung als Erholungsgebiet eingeschränkt wird! Das nämlich ist der wahre Kern, um den sich die bösen Gerüchte und die hetzerischen Tass-Meldungen bildeten: Die Ausweitung des Senne-Schießplatzes ist tatsächlich nur als Sicherheitsmaßnahme gedacht, so daß der Zutritt zum Hochgebiet des Teutoburger Waldes stets dann erlaubt sein wird, wenn gerade keine Schießübungen abgehalten werden. Nur zwei Familien werden ihre Wohnungen räumen müssen, und „nur“ an drei Tagen in der Woche wird voraussichtlich geschossen werden. Machte nicht kürzlich erst ein englischer Regierungsbeschluß Aufsehen, nach dem ein geplanter Militärflugplatz in England nach einem anderen Ort gelegt wurde, um die ansässige Vogelwelt nicht zu beunruhigen und den Genuß der Naturfreunde nicht zu trüben? Bei uns hat ein ganzes Volk das Geschieße satt!

Als der Krieg zu Ende war, gedachten wir, die übriggebliebenen deutschen Truppenübungsplätze in Äcker und Weiden zu verwandeln. Statt dessen wurden wir auserkoren, bei unserem sehr, sehr eng gewordenen Raum den englischen Truppen die Plätze zur Verfügung zu stellen, wobei es längst schon so weit kam, daß beispielsweise der Übungsplatz Munsterlager den englischen Truppen nicht genügte und daß sie drei- und viermal jährlich in dem mitten in der Lüneburger Heide gelegenen rund 25 000 Hektar großen Naturschutzpark am Wilsoder Berg zu Manövern ihre Panzer umherrollen lassen. – Von britischer Seite wurde erklärt, daß es im Teutoburger Wald nicht nötig wäre, Menschen zu evakuieren. Wie aber steht es um das Sperrgebiet und die Wirkung des Geschützdonners auf den Fremdenverkehr? Wir hätten gern die Erklärung so klipp und klar, wie sie in England Tier- und Naturfreunden zuteil wird! Jan Molitor

 
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