Was ich dachte und was ich tat

Aufzeichnungen des ehemaligen Militärbefehlshabers von Belgien in der Haft

Alexander von Falkenhausen

Die Schilderungen des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich, des ehemaligen Generals Alexander von Falkenhausen, mit deren Veröffentlichung die „Zeit“ heute beginnt, sind keine Rechtfertigung, sondern eine Aussage. Sie wurden niedergeschrieben auf Veranlassung eines amerikanischen Vernehmungsoffiziers des Nürnberger Tribunals. „Das, worauf es mir ankam“, so erklärt Alexander von Falkenhausen, „war: einen Beitrag zu liefern zur Erkenntnis der Zustände im ‚Dritten Reich‘ und zu der Atmosphäre, in der zu leben man gezwungen war. Diese Aufzeichnungen, die hier in gekürzter Form wiedergegeben werden, sind in ihrem schlichten, sachlichen, nüchternen Ausdruck deshalb bedeutungsvoll, weil sie das Schicksal eines Mannes zeigen, der sich von Anfang an gegen Hitler gestellt hat und doch ein verantwortungsvolles Amt übernehmen mußte, das Schicksal eines Mannes, der es bei alledem vermocht hat, ein sauberes Gewissen zu bewahren. Dennoch ist der ehemalige General von Falkenhaasen seit dem Tage, da ihn die Gestapo im Jahre 1944 verhaftete, aus den Gefängnissen nicht herausgekommen. Sein Prozeß vor dem belgischen Tribunal beginnt am 22. Mai.

Wer sich an die Infanterie-Schule des kleinen deutschen Nachkriegsheeres erinnert, wird sich entsinnen, daß sie beim Hitlerputsch beteiligt war. Sie wurde infolgedessen von München erst auf den Übungsplatz Ohrdruf und dann, am 1. 10. 1926, nach Dresden verlegt. Am 1. 2. 1927 wurde ich ihr Kommandeur. Es war mir klar, daß die jungen Leute ein politisches Ideal suchten, um so mehr, als das Parteienwesen von ihnen abgelehnt wurde. Als im Dezember 1929 der ehemalige Reichswehrminister Groener nach Dresden kam, führte ich in einer mehrstündigen Aussprache dem Minister aus, daß bei dem starken Anwachsen der Nationalsozialisten und der Zersplitterung der übrigen Parteien es notwendig sei, den jungen Leuten immer wieder ein Ideal vor Augen zu stellen, nämlich: Pflichterfüllung, Vaterlandsliebe und Gehorsam. Nur so könne verhindert werden, daß die jungen Leute sich ein Ideal außerhalb suchten, das naturgemäß für sie nur zu leicht bei den Nationalsozialisten zu finden wäre. Der Minister stimmte mir zu.

Am 31. 1. 1930 wurde ich verabschiedet. Bald darauf brachte eine nationalsozialistische Zeitung die Nachricht, ich sei der Partei beigetreten, und dies sei der Grund meiner Verabschiedung gewesen. Als ich diese Falschmeldung richtigstellte, erschien bei mir eine Abordnung der Nazis, die sich entschuldigte, mir aber gleichzeitig den Vorschlag machte, der Partei beizutreten, wobei man mir den ersten freiwerdenden Reichstagssitz und eine hohe Stellung in der SA versprach. Ich habe dies Angebot kurz abgelehnt und trat später dem Stahlhelm und der Deutschnationalen Partei bei, weil diese gerade in Sachsen in starkem Gegensatz zu den Nationalsozialisten standen. Im August 1932 hatte ich Gelegenheit, den damaligen Reichswehrminister v. Schleicher in Dresden zu sprechen. Zu dieser Zeit hatte die Nazi-Partei gerade einen Rückschlag erlitten, besonders ihre finanzielle Lage schien sehr schecht; ich drang in Schleicher, die günstige Gelegenheit auszunützen: die Partei müsse unterdrückt, zum mindesten die SA aufgelöst werden! Ich sagte ihm beschwörend: „Sehen Sie sich vor! Diese Leute sind gefährlicher als Sie ahnen, sie scheuen vor nichts zurück!“ Ich konnte ihn nicht überzeugen. Ich habe ihn nicht wiedergesehen; er wurde bekanntlich am 30. 6. 1934 mit seiner Frau von SS-Leuten ermordet.

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Viele Männer aus dem bürgerlichen Lager gaben sich damals der unverständlichen Täuschung hin, Hitler nur als „Trommler“ benutzen zu können. Mir war jedoch klar, daß das Bündnis der Deutsch nationalen mit den Nationalsozialisten nur der Freundschaft des hungrigen Wolfes mit dem wehrlosen Lamm zu vergleichen war. So trat ich aus der Deutschnationalen Partei aus. Welche. Rolle aber spielte der „Stahlhelm“? Er wurde immer mehr das Sammelbecken derer, die nicht Nationalsozialisten werden wollten. Jedenfalls in Sachsen bestand ein sich mehr und mehr verschärfender Gegensatz zwischen dem Stahlhelm und SA. Als Seldte trotzdem durch ein Abkommen mit Roehm die Eingliederung des Stahlhelms in die SA veranlaßte, trat ich auch aus dem Stahlhelm aus. Dennoch wandte sich Roehm – ein Jahr, nachdem die ‚,Machtergreifung“ vollzogen war – noch einmal mit dem Angebot einer hohen SA-Stellung an mich. Ich lehnte wiederum ab. Inzwischen setzten sich die Nazis nicht nur in den Besitz des gesamten Staats- und Kommunalapparates, sondern sie drängten auch, wie zu erwarten stand, die Persönlichkeiten heraus, die geglaubt hatten, ein Gegengewicht bilden, zu können. Die absolute Alleinherrschaft der Partei marschierte. Der Terror hatte sein Regiment begonnen. So wurde in Chemnitz ein Rechtsanwalt, der einst gegen Nationalsozialisten aufgetreten war, am hellen Tage aus seinem Büro herausgeholt und mitten auf der Straße ermordet. Als ich den Regierungspräsidenten fragte, ob man die Mörder ergriffen habe, erwiderte er, man werde sie niemals fassen... Um diese Zeit trat die chinesische Regierung an mich heran mit der Frage, ob ich bereit sei, in chinesische Dienste zu treten. Ich nahm das Angebot an, erhielt das Einverständnis des Reichswehrministeriums und reiste im April 1934 nach China aus. Übrigens zeigte sich bei der Überfahrt auf dem Hapag-Sohiff „Duisburg“, daß die Partei auch außerhalb der Grenzen sehr aktiv war. An Bord bestand eine „Ortsgruppe“, deren Führer ein Steward war: ein machtbewußter Mann, in manchem mächtiger als der Kapitän, Parteiveranstaltungen fanden dauernd statt, und sorgsam wurde kontrolliert, wer von den deutschen Passagieren etwa nicht teilnahm...

Ich hatte meinen Wohnsitz in Nanking und leitete nach den Weisungen des Marschalls Tschiangkaischek die Arbeit einer größeren Zahl deutscher Berater. Was aber die deutsche Politik China gegenüber anging – deren Auswirkungen ich nun beobachten konnte –, so fand ich, daß sie höchst eigenartig war; ja, man konnte sie wohl kaum noch als Politik bezeichnen: Während Deutschland die Beziehungen zu Japan zusehends enger gestaltete, unterstrich es gleichzeitig die „guten Beziehungen“ zu Tschiangkaischeks chinesischer Nationalregierung, zugleich aber auch zu den Machthabern in Kwantung, die damals noch Gegenspieler Tschiangkaischeks waren. Im Jahre 1936 war es denn der Antikominternpakt Deutschland/Japan, ein Werk Ribbentrops, der meine Lage sehr erschwerte. Doch blieb mir das Vertrauen des Marschalls erhalten. Es war bekannt, daß ich kein Nazi war. Dieser Antikominternpakt aber übte auf China um so mehr Wirkung aus, als gerade der Marschall Tschiangkaischek seit Jahren im Kampfe mit den Kommunisten stand, deren Widerstandskraft ohne die japanische Unterstützung sicher viel geringer gewesen wäre.

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