Von Josef Marein

Als Duke Ellington and bis Orchester in der Hamburger Musikhalle spielten, hätte man fürchten können, die Ränge stürzten ein. Man fürchtete dies wirklich, und es ließ an die alten, gegen die Wirkungen der Musik offenbar nicht genügend abgeschirmt gewesenen Mauern von Jericho denken, als auf dem Podium ein Ansager erschien, der die Besucher der Ränge mit dem Hinweis auf baupolizeiliche Vorschriften ermahnte, vorsichtig zu sein. Sodann ließen sich Duke and bis band vernehmen, sehr laut, zeitweise ohrenzerreißerisch, anti-jerichohaft. Aber dies hatte der Ansager nicht gemeint; er hatte nicht die Besessenheit der Musikanten, sondern die des Publikums stoppen wollen. Jene durften spielen, so laut sie wollten; diese aber durften nicht trampeln, nur in die Hände klatschen, nicht rhythmisch mit Füßen und Fäusten poltern, nur taktvoll aus dem Munde jubeln.

Eine disziplinierte goldige Jugend, vermutlich, Nein, eine jeunesse dorée. Nicht zackig, sondern swing. Nicht militärischer Kurzschnitt, sondern eine Art Terrassen-Kultur, so etwa zwischen „Stiftekopp“ und lockiger Plustrigkeit, jene erstaunliche modische Männer-Haartracht, die den Gesichtern leicht den Ausdruck des Erstauntseins verleiht. Dazu bunte Hemden, bunte Schlipse, eng zulaufende Hosen, die nicht ganz bis zu den knallgelben Schuhen reichten. Duke Ellington seinerseits trug einen Anzug, dessen Jacke ihm zwar eng ums Gesäß saß, im übrigen aber locker gehalten war, dazu einen weichen Kragen, der ihm breit und lose um den Hals hing, was an Leo Slezak erinnerte. Dies gab ihm etwas hemdärmlig Aufgekrempeltes, nur daß er’s nicht mit dem Hemde, sondern mit dem Kragen machte. Ein junger Mann hinter meinem Rücken flüsterte, daß Duke zweihundert Anzüge besäße. Er war sehr eingeweiht. Aber eingeweiht waren sie alle, die diesmal die Musikhalle füllten. Lauter Eingeweihte, ausgewiesen durch eine gemeinsame Art, sich zu kleiden, zu klatschen, auf Schlüsseln Beifall zu pfeifen. Vor Jahren noch uniform durch eine Uniform, angetrieben durch einen Takt, der ihre Stiefel in ganz Europa dröhnen ließ, hat diese Jugend sich heute einem Rhythmus verschrieben, der die westliche Welt, von New Orleans bis West-Berlin, erobert hat. Das Gemeinsame ihrer Kleidung ist mehr als Mode, ist Gesinnungsausdruck; das sagen sie ja selbst. Doch wie sind sie gesonnen? „Jazz ist mehr als Musik“ – so lautet ihre Gesinnung –, „Jazz ist Weltanschauung.“

Es hat bereits dahin geführt, daß Duke wie ein Herzog durch Westdeutschland reiste. Überall glichen seine Konzerte Massenversammlungen wild gewordener Parteigenossen. Und er kam nach Hamburg zurück, diesmal in den metallenen Alu-Palast, wo es keine Ränge und Emporen gibt, von denen man fürchten müßte, sie könnten unterm Beifall zusammenkrachen. Und wieder waren die Getreuen versammelt, und wieder war der Beifall tobend und toll. Aber das Tollste ist –: Wer Duke Ellington zweimal hört und vielleicht von Schallplatten wieder und wieder, der kann die Begeisterung verstehen...

Hier ist wohl die Stelle, wo eine Erklärung fällig ist: Obwohl des Marschierens müde, halte ich dafür, daß ein altpreußischer Marsch von der Art des „Hohenfriedbergers“ etwas Schönes ist, ein schönes Stück Musik. Re-educated, wie wir sind, dürfen wir ihn jedoch nicht spielen; zumindest tun wir’s nicht, denn wir wissen: unsere Re-educators, sie hören’s nicht gern, weil ihnen das Wort „Preußischer Marsch“ mit weltanschaulichen Begriffen verbunden ist. Als ob ein Marsch nicht primär eine Musikform wäre! – Aber umgekehrt wird auch kein Strick daraus: Weder von den Jazz-fans noch von den Jazz-Gegnern werde ich mir einreden lassen, daß Jazz eine Weltanschauung sei. Ich weiß: Der Jazzrhythmus – unerbittlich, maschinenhaft und ohne Tempowechsel wie der Marsch – paßt gut in unser Zeitalter der Massen und Maschinen. Auch Jazz ist Ausdruck unserer Zeit, auch er. Aber Ausdruck heißt noch nicht Gesinnung, erst recht nicht Anschauung. Wohl kann ich ein Stück Musik als Gebrauchsgut verwenden, als Antrieb zum Marschieren oder auch zum Tanzen. Wer aber Musik als Etikett irgendwelcher Weltanschauung gebraucht, der mag philosophisch oder agitatorisch oder erzieherisch versiert sein, aber eins ist er nicht –: musikalisch.

Ob der junge Mann musikalisch war, der im Konzert Duke Ellingtons in der 20. Reihe saß, auf dem vierten Platz rechts? – Als Wendel! Marshal, der Schlagzeugmann, der die den Negern eigene Naturbegabung für den Rhythmus in beispielhafter, grandioser Weise kultiviert hat, ein Solo einlegte, da durchzuckte es den jungen Mann unablässig wie unter elektrischen Schlägen, Das war nicht Weltanschauung, was ihn hinriß, es war Musik. Ja, der Mann war musikalisch, Als Harold Baker jedoch immer höher auf seiner Jazz-Trompete blies, immer höher, da rissen diese nun fast unwahrscheinlich hohen Trompetentöne ihm den Mund sperrangelweit auf. Machte dies die Macht der Musik? Nein, grenzenlose Bewunderung war’s, grenzenloses Erstaunen über einen schwarzen Mann, der das Unmögliche möglich machte und die höchsten Trompetentöne erzeugte, die man je im Erdenrund vernommen. Ob musikalisch oder nicht, in diesem Augenblick genoß der Enthusiast nicht die Kunst, sondern die Artistik. Und Kunst plus Artistik ist das, was Duke Ellington and bis Orchester auszeichnet.

Er selbst, der 51jährige Mann aus Washington, den man in Europa – welche Verkennung! – den „schwarzen Johann Strauß“ genannt hat, genoß eine gründliche musikalische Ausbildung, ehe er sich an die Spitze einer Neger-band setzte. Er gehörte von Anfang an zu jenen Jazz-Musikern, die--zur Kultivierung dieser Musikart entscheidend beitrugen. Waren seine Vorfahren, die amerikanischen Neger, vor langer Zeit, angeregt durch die Berührung mit dem europäischen Lied, vor allem dem christlichen Choral, zu einer eigenen Musik gekommen – Jazz: ein wilder Ableger abendländischer Musik! –, so war Ellington einer von denen, die den Wildling zähmten. Jene anderen Jazz-Musiker, die ihrer Sache nach dem ersten Weltkrieg auch in Europa zum Sieg verhallen, hatten ausschließlich improvisiert, hatten auf Noten auch dann verzichtet, wenn sie sie lesen konnten, hatten sich auf ihre Intuition berufen. Ellington aber gehört zu denen, die darunter litten, daß die vornehmlich auf dem melodischen Einfall beruhende Kunst des Improvisierens dem harmonischen Element nur Hemmungen auferlegte. Er fixierte die Einfälle seiner Jazz-Solisten, und es entstand das Arrangement, das die Künste jedes einzelnen Mitglieds seiner band berücksichtigt. Doch da es sich nie um Schreibtisch-Arrangements handelte, blieb bei aller Festlegung, aller Raffinesse, aller Kultur das Ursprüngliche bewahrt. Alles in allem: Dieser schwarze Musiker aus Amerika, der als Komponist durch die Noblesse seiner Melodien auffällt, hat den Jazz zu jener Höhe entwickeln helfen, wo er ohne die Grundlagen der modernen absoluten Musik nicht mehr denkbar ist. Sein Jazz gerät daher minutenweise in die Nachbarschaft der Symphonie, aber auch in die der Kammermusik. Sein Fortissimo ist nicht Brutalität, ebensowenig wie sein Pianissimo ein knochenloses Säuseln ist. Er spannt die dynamischen Grenzen überweit, das ist alles. Und wenn er, der zugleich Pianist seiner band ist, ein Solo hat, so klingt’s aus den Saiten wie hingehauchte Poesie: ein tänzerischer Impressionist an den Tasten, der die kleine Freiheit seines Solistentums gegen die Unerbittlichkeit des Maschinenrhythmus verteidigt. Ein moderner Mensch, kein Johann Strauß. Denn ach, der Strauß war aus einer anderen Zeit, in der man das Tempo wechselte je nach Empfindung und in der die Melodien den Rhythmus bestimmten: Ausdruck und Symbol des Persönlichen. Doch das ist – in Europa wie in Amerika – lange, lange her...