Lüneburg, im Juni

Es gibt in Hamburg einen Mann, der Geräusche verkauft. Sein Bestseller war in letzter Zeit die fahrende Straßenbahn. Fast alle deutschen Theater bestellten den stoßenden, ratternden, quietschenden Lärm auf Platten oder Bändern, Er gehört zu Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht Das amerikanische Stück erobert Deutschland. Aber Frederic Meilinger, als amerikanischer Theateroffizier bekannt geworden, ist der Meinung, daß Williams bislang in Deutschland nicht richtig gespielt wurde, und machte die Probe aufs Exempel. In Lüneburg.

Mellingers Parole war: Noch mehr als bisher muß New Orleans in diesem Stück mitspielen. So lebte die Inszenierung von jener Überhöhung des Wirklichen (auf dem Plan der „tollen Stadt“ findet man ja wirklich jene Viertel „Desire“, den „Friedhof“ und die „Elysischen Felder“, die Haltestellen der Straßenbahnlinie, die also keineswegs reines Symbol ist), die dem magischen Theater zukommt. Wolkenkratzer neben eisenfiligranumgitterten alten französischen oder spanischen Gärten, Völkergemisch und verbotener Voodoo-Zauber der Mulatten: Hinter der durchsichtigen Wand war nicht nur eine „avenida“ zu sehen, da schlug das wilde Herz einer wilden Stadt. Die erste Bettszene des Ehepaars Kowalski, bei anderen Inszenierungen ins Dunkel gelegt, ließ Mellinger vom ein- und aussetzenden Licht einer Cate-Leuchtreklame überflackern.

Den Stanley spielte der gerade aus Wien über Oldenburg an die Berliner Freie Volksbühne Verpflichtete Walter Buschoff, blutvoll fett, in Lebensüppigkeit schwelgend, tobend, rührend, berserkerisch, ein „Übermann“. Dorothea Gervenux gab eine großartig verfallende Blanche.

Der Erfolg war groß. Vier oder fünf Besucher sollen vorher gegangen sein. Der Rest – das Haus war ausverkauft – raste in Beifallsstürmen. Die Provinz hatte ihre Probe bestanden. Gegen Berlin, Hamburg und Baden-Baden.

Walter Schröder