Rom, Ende Dezember

Jahrhunderte hindurch haben gläubige Katholiken nicht daran gezweifelt, daß die erste Peterskirche, die Kaiser Konstantin im Jahre 323 zu bauen begann und an deren Stelle später die große Petersbasilika errichtet wurde, sich über dem Grabmal des Apostels Petrus erhob. Wissenschaftlich bewiesen aber war es nicht. Man hielt sich an die Überlieferung, die berichtet, daß Petrus um das Jahr 60 in hohem Alter nach Rom kam und bei der Christenverfolgung Neros als Märtyrer starb. Da Neros Zirkus aber dort stand, wo sich heute die vatikanischen Gärten ziehen, war zu vermuten, daß man Petrus auch dort begrub, wo er ans Kreuz genagelt wurde.

Die christliche Tradition erwähnt weiter, daß zur Zeit der Verfolgungen Kaiser Valerians (um 258), als man den Christen verbot, sich auf ihren Friedhöfen zu versammeln und die Märtyrer zu verehren, die Apostelleichname in die Katakomben gebracht wurden, über denen Konstantin fast ein Jahrhundert später die „Basilika der Apostel“ baute. Zahlreiche Wandinschriften in den Katakomben bezeugen, daß in ihnen in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts häufig das refrigerium, die Totenmahlzeit, zu Ehren des Petrus und des Paulus abgehalten wurde: was als Indiz für das Vorhandensein der beiden Märtyrerleichname an dieser Stelle gelten kann. Ist diese Hypothese begründet, so ist es ebenso wahrscheinlich, daß Konstantin den Leichnam des Petrus aus den Katakomben in seine Peterskirche brachte, deren linken Flügel er aus den Mauersteinen des neronischen Zirkus errichtete.

Von diesen Erwägungen geleitet, begann Monsignore Ludwig Kaas, der frühere Zentrumsführer und nach seiner Flucht aus Deutschland offiziell „Sekretär der Hl. Kongregation des Ehrwürdigen Gebäudes Sankt Peters“, zusammen mit den fleißigen Handwerkermönchen des Sampietrini-Ordens vor zehn Jahren die Ausgrabungsarbeiten unter der Peterskirche. Den Anlaß für die Ausgrabungen lieferte ein Vorfall, der sich während der Vorbereitungsarbeiten für das Grabmal Papst Pius’ XI. im Februar 1939 ereignete: hinter einer Mauer tat sich ein bis dahin unbekannter Hohlraum auf, der eine unvermutete Straße in das Totenreich römischer und frühchristlicher Gräber eröffnete. Ein Wandelgang von zwei Meter Breite, voller Groteskmalereien, halb vom Salpeter zerstört und mit einer großen Zahl von Nischen und Statuen versehen, führte zu einem anderen Kreuzgang, der unter den Treppenstufen des päpstlichen Altars endete.

In zehnjähriger verschwiegener Arbeit, die auch dann fortgeführt wurde, als das Schicksal der Offenen Stadt Rom auf dem Spiele stand und deutsche Militärposten um die vatikanischen Staatsgrenzen Wache hielten, wurden in einem Labyrinth neuentdeckter Gänge unzählige Funde gemacht; von dem konstantinianischen Goldkreuz allerdings, das das Grabmal Petrus’ bedecken sollte, fand man keine Spur. Pius XII. stieg oft in die Grotten hinunter, um sich von dem Fortschreiten der Arbeiten zu überzeugen, während der Öffentlichkeit nur Gelegenheit zu Vermutungen blieb. Ein Teil der Gänge wurde im Sommer den Heilig-Jahr-Pilgern geöffnet, über dem Rest aber schwebte die Frage fort: Haben Monsignore Kaas und seine Sampietrini das Grabmal und vielleicht sogar die Gebeine des Petrus selbst gefunden? Nur einer konnte darauf antworten: der Heilige Vater selbst.

„Die Ausgrabungen unter der Petersbasilika so sagte Pius XII. in seiner Weihnachtsbotschaft, „sind zumindest was das Apostelgrabmal anbetrifft – Nachforschungen, denen Wir seit den ersten Monaten Unseres Pontifikats die Aufmerksamkeit zuwendeten – im Laufe des Jubeljahres glücklich zu Ende geführt worden.“ Ist das Grabmal des heiligen Petrus wirklich gefunden worden? Auf diese Frage antwortet das Endergebnis der Arbeiten und Studien mit einem sehr klaren Ja. Das Grabmal des Apostelfürsten ist wiedergefunden. Eine zweite Frage, die der ersten untergeordnet ist, betrifft die Reliquien des Heiligen. Sind sie zum Vorschein gekommen? Am Rande des Grabmals wurden Reste menschlicher Knochen gefunden, von denen man jedoch nicht mit Sicherheit beweisen kann, daß sie der irdischen Hülle des Apostels angehörten. Trotzdem läßt das die geschichtliche Wahrheit des Grabmals unberührt. Die riesenhafte Kuppel der Petersbasilika krümmt sich genau über dem Grabmal des ersten Bischofs von Rom, des ersten Papstes: ein Grabmal, aus dessen ursprünglicher Schlichtheit die Verehrung der folgenden Jahrhunderte den größten Tempel der Christenheit erstehen ließ.

Fritz Gordian