Die Bühne als Sprungbrett

Im Pendelschlag zwischen Wirtschaft und Kunst

Von G. Barfuß

Wuppertal ist ein Sonderfall unter den Städten; denn es war plötzlich da. Ohne Umstände, ohne Umschweife. Fast über Nacht hatte es sich reich gewirkt und reich gefärbt. Villa an Villa erstand. Geschäftshaus an Geschäftshaus. Ein groß gewordenes Bürgertum ward Mäzen, kunstliebend und kunstverständig. Das Industrie-Timbre dieser Stadt setzte Farb-Akzente. Mit Bildern, mit Musik, mit dem Theater.

Aber eines ist zum Verständnis dieser eigenartigen Kunststadt wichtig: ihr Wesen bleibt es, das Gute, ja das Überragende zu formen und zu fördern – sie vermag es aber nicht zu halten. Sie ist nicht Endstation, sie bleibt Durchgang. Künstler werden unter Umständen zwar groß in dieser Stadt, aber sie halten ihr nicht die Treue. Wuppertal hat viele Namen „gemacht“ – andere Städte aber haben diese Erfolge geerntet. Wer sich in Wuppertal einen Namen gemacht hat, steigt schließlich um. In einen anderen Zug. Die großen Söhne Wuppertals – sie sind kaum jemals in ihrer Stadt geblieben.

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Wuppertal – das ist immer wieder zu hören – ist, vor allem auf musikalischem Gebiet eine Oase. Der Menschenschlag hier ist im besten Sinn musikalisch. Das heißt nicht, daß er von Musik mehr verstünde als die Menschen anderer Städte. Aber Musik ist ihm Bedürfnis, auf das er nicht verzichtet, auf das er nicht verzichten will. Die „Freunde neuer Musik“ erobern langsam, aber sicher, Schritt um Schritt, das Musikleben. Vor allem ist es die Jugend, die hier nach vorn drängt. Das ausgezeichnete Orchester (68 Mann), das von Generalmusikdirektor Hans Weisbach repräsentativ geführt wird, hat in diesem Dirigenten einen hervorragenden Interpreten großer klassisch-romantischer Sinfonik. Mozart, Beethoven, Schubert, Bruckner, Brahms – das sind die großen und immer wieder mit Begeisterung hingenommenen Höhepunkte der Konzertsaison. Die Gattin Weisbachs, die hervorragende Pianistin Margot Pinter, aktiviert indessen die moderne Musik. Im Grunde genommen gibt es kaum ein wesentliches musikalisches Ereignis, das in Wuppertal nicht auf Interesse stieße.

Man kann nicht von Wuppertal sprechen, ohne vom Chorgesang zu sprechen; denn hier ist er zu Hause. Das Wort von den „singenden, klingenden Bergen“ ist nicht nur Slogan ohne Bedeutung – in ihm steckt fast ein Stück Metaphysik. Man lebt hier, um zu singen, aber vielleicht singt man viel mehr, um zu leben. Um leben zu können. Stimm- und Gummibänder – hier sind sie voneinander nicht zu trennen. Wo man singt, da soll man sich angeblich ruhig niederlassen können, wenn man sich aber hier niedergelassen hat, wird man zwangsläufig singen. In irgendeiner Form hat sich der Menschenschlag dieser Stadt an den Gesang verloren. Er besitzt noch die Ursprünglichkeit in der Liebe zur Melodie. Er äußert sie mit Leidenschaft und Fanatismus.

Das Theater, von dem allem Modernen und Zeitgemäßen gegenüber aufgeschlossenen Generalintendanten Erich Alexander Winds geführt, ist seit dieser Spielzeit mit dem Solinger Theater fusioniert. Hier ist nicht der Ort, die Frage auszuwerfen, ob die Fusionspolitik auf die Dauer gesehen richtig und gut sein kann – Wuppertal ist mit Solingen als erste Stadt den Anregungen des Kultusministeriums von Nordrhein-Westfalen gefolgt. Beide Theater sind in einem Zweckverband zusammengeschlossen. Der Gesamtzuschuß beträgt 1,4 Millionen DM (einschließlich Orchester), das heißt 2,84 DM auf den Kopf der Bevölkerung. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, daß Essen 1 721 700 DM auswirft, Düsseldorf 2 286 498 DM, Köln 3 598 480 DM und Dortmund 1 588 000 DM. Die Besucherkapazität im Jahresdurchschnitt beträgt hier auf 100 Einwohner 82. Damit steht Wuppertal hinter Münster (96,8) und Düsseldorf (91,9) an dritter Stelle in der engeren westdeutschen Theaterlandschaft. Immerhin zeigen diese Zahlen, daß von einer Krise des Theaters nicht gesprochen werden kann. Zumindest von keiner Krise, die materiell begründet wäre.

Die Städtischen Bühnen haben sich nachdrücklich vor allem für die moderne französische Dramatik eingesetzt: Camus (Caligula, Belagerungszustand), Anouilh (Antigone, Ball der Diebe), Obey (Tarquinius und Lukretia), Sartre (Die ehrbare Dirne), Giraudoux (Der trojanische Krieg wird nicht stattfinden, Siegfried). Aber auch alle anderen wesentlichen Werke der Nachkriegsdramatik sind hier zu sehen gewesen. Das Theater wird so leidenschaftlich diskutiert wie die Musik geliebt. Es will betont avantgardistisch sein, deshalb ist es natürlich auch stärker der Kritik des Publikums ausgesetzt. Aber trotz aller Kritik, trotz dem Für und Wider zum Spielplan, gehört der Abonnementenstamm zu den stärksten in Nordrhein-Westfalen. Dazu kommt eine Volksbühnengemeinde von über 8000 Mitgliedern.

Auch das Theater weist mit aller Deutlichkeit darauf hin, daß das Schicksal dieser Stadt ist, Durchgang zu sein. Man kennt es von früher – auch heute noch ist es üblich –: die Wuppertaler Bühnen gelten als „Sprungbrett“. Hier macht man sich fit – oder besser: hier wird man fit gemacht –, dann schnellt der Name ab wie vom Bogen geschossen. Auch hier das Stück Tragik dieser Stadt: das Beste stets zu wollen, es zu finden und eine Zeitlang auch zu besitzen, immer wieder aber zur Ader gelassen zu werden. Immer wieder von seiner Substanz abgeben zu müssen. Theater und Musik existieren Her nicht von ungefähr. Geschäftigkeit und Betriebsamkeit der Metropole des Bergischen Landes brauchen den Ausgleich in der Besinnung.

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  • Quelle DIE ZEIT, 1.3.1951 Nr. 09
  • Schlagworte Bühne | Theater | Orchester | Stadt | Wuppertal | Dortmund
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