Ernst Jünger Begegnung mit Ernst Jünger 1930
Er wohnte weit im Osten der Stadt, an der Warschauer Brücke, einem Stadtteil, der vornehmlich von Arbeitern bewohnt wurde. Die Aussicht aus seinem Zimmer ging auf das Gleisgewirr der Stadt- und Reichsbahn, im Hause lärmten Kinder und es roch nach Kohl. Das Zimmer war nicht sehr hell, mit Büchern vollgestopft, mit Masken und seltsamen, holzgeschnitzten Figuren geschmückt, auf dem Schreibtisch stand ein Mikroskop, indes fCäfersammiungen und Einweckgläser voll merkwürdigen Geschlings irgendwelcher fahlgrüner Substanzen auf den Regalen standen. Ernst Jünger war in einen Scblafrock gehüllt, auf dem Kopf trug er ein buntes Käppchen, an den Füßen Filzpantoffeln, und er rauchte aus einem langen Weichselrohr mit porzellanenem Kopf.
Die wenigen Minuten des Gespräches — und auch der Raum, in welchem es stattfand — enthielten diesen merkwürdigen Mann ganz, den einzigen aus all den vieien Kreisen damals, dessen Name im Laufe der Zeit eine gewisse Weltgeltung erlangte. Das Geheimnis der Ernst Jüngersdien Diktion schien mir, sehr simpel ausgedrückt, in seiner Doppeleigenschaft des Kriegers und des Naturforschers begründet zu sein. Ich glaubte zu begreifen, daß dieser Mann, inmitten der Stahlgewitter zum Bewußtsein der Welt erwacht und durch seine virtuelle Kraft des Geistes befähigt, sich über sie zu erheben, sehr bald dahin gelangte, das Schlachtfeld, auf dem er selber leiblich agierte, zu betrachten wie etwa ein Flieger, dem sich aus großer Höhe der blutige Vorgang wie ein sinnloses Gekrabbel von winzigen Pünktchen darstellen mochte, von mikroskopisch kleinen Lebewesen, die sich zu Kolonnen formierten, nach allen Seiten strebten und wenig Notiz von denen nahmen, die durch irgendwelche höhere Gewalten bewegungslos am Platze blieben. Der Vergleich mit einem Ameisenhaufen mußte sich jedermann in solcher Situation, vorfrühzeitig mit den Vorgängen der Natur befaßte, notwendig einstellen; Ernst Jünger aber besaß genügend Erfahrung und Vorstellungskraft, um in einer Art sehr aufmerksamen Mit Leidens das Schicksal der Krieger wie das der Ameisen zu erleben. Jünger arbeitete damals gerade an seiner „Totalen Mobilmachung", und ich begriff, daß r hier bereits zu einem Fazit gelangt war, während ich — und mit mir jeder, der sich in "weitem Umkreis um ihn herum tummelte — noch mit aufgerissenen Augen kreuz und quer durch die Landschaft unseres Jahrhunderts wanderte und mich bei jedem Wegweiser zu orientieren suchte.
- Datum 29.03.2011 - 10:06 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.4.1951 Nr. 16
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