Bessere Ausbildung für die Frauen

Die Frau als Arbeitnehmer ist aus dem wirtschaftlichen Gefüge eines modernen Staates nicht mehr fortzudenken. Zahlreiche Tätigkeiten in den Fabriken, Werkstätten, Büros und Verwaltungen bedürfen ihrer Handgeschicklichkeit, ihrer Anpassungsfähigkeit, ihres sozialen Sinnes, ihres Geschmacks. Die Frauen andererseits benötigen den Verdienst aus ihrer Arbeit zum Lebensunterhalt.

Darüber hinaus ruft jedes Volk bei einem besonderen Bedarf an Menschenkräften – vor allem in Kriegszeiten – auch die Frauen auf den Plan, die häuslich gebunden und wirtschaftlich durch die Familie gesichert sind.

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Im letzten Kriege wurde diese Frauenreserve bis aufs äußerste angespannt, und der unglückliche Ausgang des Krieges mit dem Verlust der Heimat, dem Zerschlagen der Familien, der Verarmung weiter Kreise läßt diese Reserve schwer in eine gesicherte häusliche Sphäre zurückfinden. Deshalb suchen Tausende von Frauen und Mädchen einen Erwerb, ohne in jedem Falle eine richtige Berufseinstellung und die dazu gehörige Ausbildung zu haben. Selbstverständlich sind Erwerb und Beruf eng miteinander verknüpft. Doch setzt die Wahl eines „Berufes“ bei Männern und Frauen eine Hinneigung zur Betätigung auf einem bestimmten Gebiet der Wirtschaft, der Technik, der Wissenschaft, der Kunst, des Handwerks usw. voraus, verbunden mit einer begabungsmäßigen Eignung zur Erfüllung der gestalten Aufgaben.

Mann und Frau werden in gleicher Weise durch Neigung und Eignung für einen Beruf angesprochen. Aber während der Mann im allgemeinen von jeher ungehemmt durch andere Aufgaben den Beruf wählt und ihm bei normalen Bedingungen des eigenen Lebens und des Geschickes seines Volkes bis zur Erreichung der Altersgrenze treu bleibt, tritt der Frau schon bei der Wahl des Berufes und früher oder später auch bei der Ausübung die naturgegebene Aufgabe entgegen, aufbauende und erhaltende Kraft der Familie zu sein. Je nach Volk und Land, weltanschaulicher oder politischer Einstellung wird diese Aufgabe der Frau betont oder zurückgeschoben, aber sie ist eine Tatsache, die bestimmenden Einfluß auf die Frauenberufe, ihre Entwicklung und ihre Ausweitung und auf die Stellung der Frau im Beruf hat.

Alle Tätigkeiten, die sich aus dem häuslichen Aufgabenbereich der Frau heraus zu selbständiger Berufsausübung gestaltet haben, sind den Frauen vorbehalten geblieben. Sie werden deshalb als sogenannte „Frauenberufe“ bezeichnet. Darunter sind die verschiedenen Berufe in Haus- und Landwirtschaft, in Erziehung und Unterricht, in der Gesundheits- und Körperpflege sowie in der Sozialfürsorge zu verstehen. Sie setzen z. T. eine bestimmte Schulbildung und, darauf aufbauend, langjährige Berufsausbildungen auf theoretischem und praktischem Gebiet voraus, die mit beträchtlichen Opfern an Zeit und Geld verbunden sind und die von den jungen Berufsanwärterinnen Disziplin, selbstlose Einstellung und persönliche Hingabe verlangen. Trotz dieser hohen Anforderungen sind diese Berufe mit Ausnahme der Krankenpflege und der Hauswirtschaft, in denen sich ein gewisser Nachwuchsmangel bemerkbar zu machen beginnt, überfüllt; es fehlt an freien Ausbildungsplätzen.

In Handel und Verkehr wird die Frau als Nachwuchskraft vielfältig gebraucht und zum Teil ebenso wie der spätere männliche kaufmännische Angestellte fachlich gut ausgebildet. Viele Mädchen sind jedoch kaufmännische Angestellte mit recht unzulänglicher Ausbildung. Diese bleiben deshalb in der Mehrzahl der Fälle Hilfskräfte, die später rasch der Arbeitslosigkeit verfallen und keine Verwendung mehr im Berufsleben finden. Weite Kreise der Wirtschaft scheuen die Mühe, ein Mädchen sorgfältig auszubilden, in der Annahme, daß es einige Jahre später ja doch heiratet und aus der Arbeit ausscheidet.

In Handwerk und Industrie finden wir Frauen als gelernte Kräfte beschränkt auf die Berufe, in denen Textilien hergestellt und verarbeitet werden. In der Metall-, der Elektro-, der chemischen, der Kunststoff-, der Holz-, der Papier-, der Leder-Industrie sowie in den graphischen Berufen ist sie zahlreich vertreten als un- und angelernte Arbeiterin, aber nicht als fachlich ausgebildete Kraft, die eine Laufbahn vor sich hat und deren Tätigkeit über den reinen Erwerb zu einer sie ausfüllenden und fördernden Berufsarbeit hinausgeht. Zweifellos sind die Möglichkeiten für die Frau in diesen großen Arbeitsgebieten, in denen das Material gewonnen, hergestellt und verarbeitet wird, sehr viel geringer als für den Mann. Körperliche Kraft spielt die oft ausschlaggebende Rolle – aus diesem Grunde scheiden z. B. die bergmännischen und die Bauberufe für die Frau ganz aus –, z. T. handelt es sich jedoch um Arbeitsvorgänge, für die das Mädchen die gleichen Voraussetzungen mitbringt wie der Junge. Auch das Mädchen kann handgeschickt sein, geduldig und sorgfältig arbeiten, Verständnis für technische Zusammenhänge sowie Beziehung zu dem zu verarbeitenden Material haben, Geschmack besitzen und über schöpferische Kräfte verfügen. Traditionelle Anschauung und Scheu vor einer notwendigen Umstellung in den Werkstätten und Berufsschulen wirken oft hemmend für die Aufnahme von Mädchen. Trotz zweier Weltkriege fehlt die Einsicht, daß die Frau in der Ehe heute in den wenigsten Fällen „versorgt“ ist und daß der Betrieb, ja die gesamte Wirtschaft nur gewinnen, wenn das Mädchen genau wie der Junge, sofern die notwendige Begabung und charakterliche Eignung vorhanden sind, gut ausgebildet und nicht von vornherein zur ungelernten Arbeiterin gestempelt wird,

Es gibt heute kein Elternhaus mehr, das es ablehnt, ihren Jungen von einer Lehrerin unterrichten zu lassen; die Ärztin, die Rechtsanwältin, die Volkswirtin sind anerkannt; im Kunsthandwerk leistet die Photographie die Buchbinderin, die Töpferin etwas und bekommt ihre Aufträge. Die Entwicklung geht weiter und es wird so kommen, daß Mädchen zu Elektrotechnikerinnen, Feinmechanikerinnen, Täschnerinnen, Tischlerinnen usw. ausgebildet und als solche auch hoch geschätzt werden. M. Kratz / H. Winteler

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