Versuch, die Soldaten der Ostfront zu retten – Der letzte Außenminister Schwerin von Krosigk berichtet

Lutz Graf Schwerin von Krosigk hat gesprochen: „Es geschah in Deutschland“ heißt sein Buch, das demnächst im Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen, erscheinen wird. Dieses Buch entwirft, indem es Menschen zeichnet, ein Charakterbild der deutschen Geschichte. „Die Zeit“ veröffentlicht heute einen Ausschnitt aus dem letzten Kapitel dieses Buches – die Exekution des Dritten Reiches.

Vom 2. bis 23. Mai 1945 regierte in Mürwik, wo schon seit der kaiserlichen Zeit, eine Marinefähnrich-Schule bestand, die „Regierung Dönitz“.

Dönitz hatte mich am 2. Mai zum Außenminister ernannt. Meine Bedenken stellte ich zurück, als er mir sagte, auf dem Posten, den er mir übertragen wolle, seien keine Lorbeeren zu ernten, aber er brauche einen Mann, der ihn bei den kommenden Entscheidungen politisch berate. Seine Wahl sei auf mich gefallen, weil ich von Anbeginn ein Gegner der Ribbentropschen Außenpolitik gewesen sei. Er appelliere an mein Pflichtgefühl. Damit war ich für drei schicksalschwere Wochen einem Manne eng verbunden, den ich bis dahin kaum kennengelernt hatten In Flensburg arbeitete ich täglich mehrere Stunden mit ihm. Außerdem wohnten wir zusammen.

Zunächst ging es darum, ob er die Berufung zum Nachfolger Hitlers annehmen und ob er sich den einschränkenden Anordnungen, die damit verknüpft waren, unterwerfen sollte. Dönitz hat sich nicht einen Augenblick besonnen, den Auftrag, durch den er sich als das nach dem damaligen Verfassungsrecht rechtmäßig eingesetzte Staatsoberhaupt ansah, zu erfüllen. Es mußte im Augenblick des Zusammenbruchs jemand da sein, der befahl und handelte. Sonst gingen noch Hunderttausende sinnlos zugrunde. An ihn war die Berufung ergangen. Also mußte er in die Bresche springen. Was er mir gesagt hatte, galt für ihn selbst: Lorbeeren waren nicht zu gewinnen. Aber er gehorchte dem Gebot der Pflicht. Hier kannte Dönitz kein Schwanken. Etwas anders lag es bei den einschränkenden Anordnungen Hitlers. Der erste Funkspruch, von Bormann unterzeichnet, teilte am 30. April mit, daß Hitler an Stelle Görings den Großadmiral als seinen Nachfolger eingesetzt habe, und verlieh Dönitz Vollmacht für alle Maßnahmen, „die sich aus der gegenwärtigen Lage ergeben“. Für Dönitz war bereits diese Vollmachterteilung Grundlage seines Handelns. Der zweite Funkspruch, ebenfalls von Bormann unterzeichnet, teilte am 1. Mai früh mit, daß das Testament „in Kraft“ sei. Auf diese Weise gab Bormann bekannt, daß Hitler tot war. Der dritte Funkspruch datierte vom 1. Mai nachmittags und war von Goebbels unterzeichnet: „Führer gestern 15.30 Uhr verschieden. Testament vom 29. April überträgt Ihnen das Amt des Reichspräsidenten, Reichsminister Dr. Goebbels das Amt des Reichskanzlers, Reichsleiter Bormann das Amt des Parteiministers, Reichsminister Seyß-Inquart das Amt des Reichsaußenministers.“ Der merkwürdige Unterschied zwischen den beiden ersten Funksprüchen und dem dritten, auch die Tatsache, daß Goebbels nach dem Tode Hitlers 24 Stunden brauchte, um dem Nachfolger den Inhalt des Testaments mitzuteilen, rief den Verdacht hervor, daß Goebbels eine nachträgliche Korrektur der letzten Anordnungen Hitlers vorgenommen habe. Das später vorgefundene, von Hitler selbst unterschriebene Testament hat diesen Verdacht nicht bestätigt.

Entschluß zur Kapitulation

Die nächste Entscheidung, die eine weittragende geschichtliche Bedeutung besaß, mußte ebenfalls schon am 2. Mai getroffen werden. Ein Teil der Generale des OKW vertrat die Meinung, daß die neue Regierung keine bedingungslose Kapitulation abschließen, daß man vielmehr die Kapitulationsverhandlungen und die Waffenstreckung den einzelnen Truppenteilen überlassen solle. Der Gedanke war, den Gegner mit seiner Forderung einer bedingungslosen Kapitulation ins Leere stoßen zu lassen. Es sollte sich keine Stelle finden, die zentral eine solche Erklärung abgäbe. Die Absicht Dönitz’ jedoch, möglichst viele Menschen, Soldaten und Zivilpersonen, dem Zugriff des Ostens zu entziehen, konnte nur im Zuge einer einheitlich gelenkten Kapitulationspolitik verwirklicht werden. Dönitz entschloß sich ohne Rücksicht auf seine Person zur Kapitulation. „Ich muß den Weg gehen, den ich nach besten Wissen und Gewissen als den richtigen für Volk und Truppe erkenne, auch wenn er für mich entehrend oder diffamierend wirkt.“

Aus den für den Entschluß zur Kapitulation bestimmenden Gründen ergab sich von selbst der einzuschlagende Weg. Da eine sofortige Gesamtkapitulation Millionen von Flüchtlingen und die an der Ostfront kämpfenden Truppen den Bolschewisten ausgeliefert hätte und außerdem von der Ostarmee nicht befolgt worden wäre, mußte Zeit gewonnen werden, bis Flüchtlinge und Truppen die Linien der Westarmeen erreichten. Eine besondere Rolle spielte bei den Überlegungen die am weitesten entfernte Heeresgruppe Schörner, die noch am Ostrand der Tschechoslowakei stand. Seine ursprüngliche Absicht, den sofortigen Rückzug anzuordnen, führte Dönitz mit Rücksicht auf das OKW nicht durch; er mußte befürchten, daß sich der eigenwillige Schörner den Befehlen des Admirals, „der vom Landkrieg nichts versteht“, nicht unterwerfen und damit die Absichten Dönitz’ durchkreuzen könnte. Deshalb stellte er die Entscheidung auf den nächsten Tag zurück, zu dem er Schörner oder dessen Chef des Stabes, General von Natzmer, bestellt hatte. Im übrigen legte er aber noch am 2. Mai das Verfahren fest. Um Zeit zu gewinnen, sollten im Westen Teilkapitulationen abgeschlossen werden; nach Rückführung der Flüchtlinge und der Osttruppen über die westlichen Linien konnte man auch nach Osten die Kapitulation aussprechen.

Wie richtig es gewesen war, die Kapitulation von einer zentralen Stelle aus zu steuern, zeigte sich am nächsten Tage bei der Besprechung mit den Befehlshabern von Dänemark und Norwegen; für die Heeresgruppe Schörner kam General von Natzmer. Der temperamentvolle Befehlshaber von Dänemark zeigte die Haltung des alten Generals, dem es als Pflicht erscheint, weiterzukämpfen, solange er noch eine intakte Truppe zur Verfügung hat; er war entschlossen, in Nord-Schleswig „die letzte anständige Schlacht des Krieges“ zu schlagen. General von Natzmer war dankbar für die Unterrichtung über die Absichten Dönitz’. Er könne nun bei seinem Oberbefehlshaber leichter den Entschluß zum Rückzug durchsetzen. Er nannte als Mindestfrist für die Rückführung der Heeresgruppe Schörner an die westlichen Linien den Zeitraum von acht Tagen. Durch diese Aussprache war vermieden, daß in Nord-Schleswig, in der Tschechoslowakei und an anderen Stellen der Front eine „letzte anständige Schlacht“ geschlagen wurde. Soldaten und Zivilisten wären nutzlos geopfert worden, und die Ziele, Dönitz’, Schonung der Städte der noch nicht besetzten Gebiete, Rettung der Ostflüchtlinge und -truppen, hätten sich nicht erreichen lassen.

Forderungen Montgomerys

Die „Teilkapitulation im norddeutschen Raum“ wurde im Auftrag von Dönitz am 4. Mai von dem neuen Oberbefehlshaber der Marine, Admiral Friedeburg im Hauptquartier Montgomerys unterzeichnet. Vom 5. Mai morgens ab schwiegen die Waffen in diesem Bereich. Die Forderungen Montgomerys waren in drei Punkten über Friedeburgs Vorschläge hinaufgegangen. Montgomery verlangte, daß die Niederlande, Dänemark und die im Kapitulationsbereich befindlichen Schiffe in die Kapitulation einbezogen würden. Dönitz war einerseits froh, daß die Niederlande und Dänemark aus dem Kriegsgeschehen ausschieden; „anständige Schlachten“ brauchten dort nicht mehr befürchtet zu werden. Andererseits hatte er die Besorgnis, daß durch die Einbeziehung, der Flotte und Dänemarks die Rücktransporte aus dem Osten, die zum Teil nach Dänemark gingen, behindert werden könnten. Aber Friedeburg, der am 4. Mai vormittags zur Berichterstattung nach Mürwik zurückgekehrt war, konnte den Großadmiral unter Hinweis auf die ihm gegebenen Zusagen, daß Rücktransporte weiterlaufen könnten, beruhigen. Auch einzelne Soldaten, die, vom Osten kommend, durch die Demarkationslinie sickerten, sollten in englische Gefangenschaft genommen werden. Zivilisten aufzunehmen, hatte Montgomery allerdings mit der Begründung abgelehnt, daß die Kapitulation ein militärischer Akt sei, in den Bestimmungen über Zivilisten nicht aufgenommen werden könnten; er hatte jedoch hinzugefügt, daß er „kein Unmensch sei“. Dönitz glaubte ihn richtig zu verstehen. Die schwerste Entscheidung war, ob er die Forderung, daß Kriegsgerät nicht vernichtet werden dürfe, annehmen, und vor allem, ob er sie durchführen solle. Das OKW trat dafür ein, daß er die Vernichtung anordnen solle. Aber Dönitz ließ sich von dem Gesichtspunkt leiten, daß ein solcher Vertragsbruch die soldatische Ehre mehr verletze, als ein Nachgeben es tun würde, daß er außerdem den Kapitulationsvertrag gefährde, an den sich dann auch Montgomery nicht mehr zu halten brauche. Das Verbot der Waffenzerstörung wurde mit einer Ausnahme von der Truppe befolgt: die Besatzungen der U-Boote vernichteten ohne Wissen des Großadmirals ihre Boote in der Nacht vom 4. zum 5. Mai. Sie glaubten mit diesem Tun dem wahren Willen ihres Admirals zu entsprechen.

Friedeburg hatte den ersten Teil seiner Aufgabe gelöst. Beim zweiten, Teil – Eisenhower die Teilkapitulation des ganzen Westens anzubieten – scheiterte er. Am 6. Mai früh kam die Nachricht, daß Eisenhower sich nicht auf eine Teilkapitulation einlasse, sondern eine sofortige Kapitulation an allen Fronten verlange; die deutschen Truppen hätten in ihren gegenwärtigen Stellungen zu verbleiben. Das war ein harter Schlag. Die Forderung war unannehmbar, weil ihre Befolgung die Osttruppen den Russen ausgeliefert und damit eines der Hauptziele Dönitz’ zunichte gemacht hätte. Sie war undurchführbar, weil die Soldaten an der Ostfront einen Befehl, die Waffen niederzulegen und stehenzubleiben, einfach nicht befolgt hätten, die Alliierten dann aber dem OKW den Bruch des Kapitulationsvertrags hätten vorwerfen können. Dönitz entschloß sich, Jodl in das Hauptquartier Eisenhowers zu entsenden und ihm das Dilemma offen darzulegen. Bedell Smith, der Chef des Stabes Eisenhowers und spätere amerikanische Botschafter in Moskau, geht in seinem Buch von der Ansicht aus, die Nazis hätten selbst nach Hitlers Selbstmord ihre Versuche, die alliierte Einigkeit zu stören und den einen Verbündeten gegen den anderen auszuspielen, nicht aufgegeben. Ihr letzter derartiger Versuch sei der Vorschlag gewesen, vor den Briten und Amerikanern, nicht aber vor den Russen, die Waffen zu strecken. Dönitz hat die Illusion, die alliierte Koalition noch erschüttern zu können, nicht gehabt. Die Teilkapitulation entsprang also nicht der Absicht, die Alliierten zu spalten, sondern einer Notwendigkeit. Die Geschichte der Kriegsgefangenen in Rußland hat inzwischen hinlänglich bewiesen, daß die Einstellung des deutschen Soldaten an der Ostfront begründet war.

Dönitz bevollmächtigte Jodl zur Kapitulation nach Westen, nicht nach Osten. Für den Fall, aber, daß es Jodl nicht gelingen sollte, bei Eisenhower die Teilkapitulation zu erreichen, beauftragte ihn Dönitz, eine Gesamtkapitulation in einer neuartigen Form abzuschließen, nämlich mit einem Anfangs- und einem Endtermin. Der Anfangstermin bedeutete Waffenruhe, aber Bewegungen waren noch erlaubt. Der Schlußtermin beendete auch Bewegungen. Gelang es, eine „Stufenkapitulation“ durchzusetzen, dann wurde die Zeit gewonnen, die nötig war, um Flüchtlinge und Soldaten die Westlinie erreichen zu lassen.

Am 6. Mai trat Jodl seine Fahrt an. Nach dem Bericht, den er später erstattete, wurde die Westkapitulation sofort endgültig abgelehnt. Jodl mußte sich darauf beschränken, bei Eisenhowers Chef des Stabes, Bedell Smith, mit dem er die Verhandlungen führte, auf die „Stufenkapitulation“ mit viertägiger Frist hinzuwirken. Er fand bei dem Stabschef größeres Verständnis als bei dem Oberkommandierenden. Bedell Smith erklärte sich mit dem von Jodl erbetenen Verfahren und auch mit der vorgeschlagenen Frist einverstanden. Aber Eisenhower lehnte die Kapitulation auf dieser Grundlage rundweg ab. Erst nach nochmaligen Vorstellungen nahm Eisenhower schließlich eine Frist von zwei Tagen an, verlangte aber zugleich ultimativ, daß die Deutschen sofort unterschrieben, widrigenfalls er die alliierten Fronten auch gegenüber Personen, die sich einzeln zu ergeben versuchten, schließen und alle Verhandlungen abbrechen würde. Schweren Herzens gab Dönitz die telegrafische Genehmigung an Jodl, die Gesamtkapitulation zu unterzeichnen. Der Anfangstermin war der 7. Mai 00.00 Uhr, der Endtermin der 9. Mai 00.00 Uhr. Zwei Tage Zeit waren gewonnen, um wenigstens einen Großteil der Osttruppen zu retten. Das Ende der Heeresgruppe wurde zum Drama. Wo die Truppen die Demarkationslinie erreichten, sind erhebliche Teile von den Amerikanern am Weitermarsch gehindert und in die russische Kriegsgefangenschaft geschickt worden.

Während noch die Kapitulationsverhandlungen im Gange waren, entschloß sich Dönitz, eine „Geschäftsführende Reichsregierung“ zu bilden und mich mit der Leitung zu betrauen. Himmler versuchte alles nur Erdenkliche, um eine Stellung unter Dönitz zu bekommen. Dönitz aber war nicht gewillt, Himmler in seinen Auftrag zu nehmen. Er teilte ihm am 6. Mai endgültig mit, daß er ihn aller seiner Ämter enthebe. Eine Belastung von Himmler in einer Dienststellung hätte sich nicht mit den Zielen vertragen, die Dönitz bei der Einsetzung der „Geschäftsführenden Reichsregierung“ verfolgte. Ihm kam es darauf an, der Besatzungsmacht für die Umstellung der Kriegs- auf Friedensverhältnisse und für die zu erwartende Notzeit das noch funktionierende Instrument einer zentralen Verwaltung zur Verfügung zu stellen.

Dönitz beauftragte mit der Führung der Geschäfte des Wirtschaftsministers: Speer, des Arbeitsministers: Seldte, des Ernährungsministers: Backe, des Verkehrsministers: Dorpmüller, des Außen- und Finanzministers: mich; er übertrug mir zugleich die Gesamtleitung.

Ahnungslose Männer

Dönitz hat unter dem Eindruck des Nürnberger Prozesses geäußert, er bedaure, Himmler am 6. Mai nicht verhaftet zu haben. Er würde es getan haben, wenn er damals bereits von den Maßnahmen der Menschenvernichtung und den Zuständen in den Konzentrationslagern gewußt hätte. Dönitz war ein Beispiel dafür, wie ahnungslos selbst Männer seiner Stellung blieben. Die Verschleierungsmethoden, die in den Nürnberger Prozessen verschiedene Zeugen, vor allem der SS-Richter Dr. Morgen, in ihrer raffinierten Anlage enthüllten, verbargen auch Männern in leitender Stellung die schreckliche Wahrheit. Den Auslandsnachrichten konnte man oft nicht Glauben schenken. Dönitz hat eine Reihe von Fällen-selbst nachgeprüft, wo Greuelmeldungen des „Feindfunks“ unrichtig waren; so hörte sich zum Beispiel der U-Boot-Kommandant Schulze in Dönitz’ Gesellschaft selbst die Nachricht von seiner KZ-Haft an. Dönitz war sehr beunruhigt durch das in illustrierten Zeitungen des Auslands enthaltene Material, das Friedeburg aus dem Hauptquartier von Montgomery mitbrachte. Als dann in Flensburg ein Schiff mit KZ-Insassen eintraf, dessen Wachmannschaften sich aus dem Staube gemacht hatten und das der Hafenkommandant in einem erschütternden Zustand vorfand, ordnete Dönitz sofort Maßnahmen an, um begangene Verbrechen durch das deutsche Volk selbst aufklären und sühnen zu lassen. Um eine gerechte und gleichmäßige Urteilsfindung zu gewährleisten, erließ er eine Anordnung, in der das Reichsgericht mit der Untersuchung und Aburteilung aller Greueltaten in den Konzentrationslagern beauftragt wurde. Diese Anordnung legte er Eisenhower mit einem eingebenden Bericht und der dringenden Bitte vor, das Reichsgericht alsbald in den Stand zu setzen, die Aufgabe durchzuführen. Dönitz hat keine Antwort erhalten.

In der „Regierung Dönitz“ ist hart gearbeitet worden. Er selbst konnte nicht untätig sein. Bei den primitiven Unterbringungsverhältnissen im Verwaltungsgebäude der Mürwiker Fähnrichschule ließ es sich nicht vermeiden, daß die große Zahl der Besucher Dönitz überschwemmte. Als er sich vor der Flut nicht mehr retten konnte, erließ er eine Anordnung, daß der militärische Strom zu Jodl, der zivile zu mir abgeleitet werden sollte. Am nächsten Morgen um 10 Uhr bestellte mich Dönitz dringend zu sich. Er saß zornig auf seinem roten Sofa, seit zwei Stunden sei er schon da und habe nichts zu tun, wozu er eigentlich noch nütze sei. In den Ressorts wurde, soweit das möglich war, Material gesammelt, die Lage in den einzelnen Verwaltungszweigen in Denkschriften dargestellt, und es wurden Vorschläge ausgearbeitet, welche der alliierten Kommission, die unter Leitung eines amerikanischen und eines englischen Generals in Mürwik eingetroffen war, vorgelegt und mit deren Sachverständigen besprochen werden sollten. Die Arbeit schien sich nicht schlecht anzulassen. Backe legte eine Denkschrift vor, in der Maßnahmen für die Hebung der Produktion und den erforderlichen Zonenausgleich vorgeschlagen wurden zur Vermeidung einer Ernährungskatastrophe; diese ließ sich nach Art und Zeit voraussagen und ist auch später eingetreten. Backes Darstellungen schienen Eindruck zu machen. Er sollte zur unmittelbaren Berichterstattung auf einige Tage in das Hauptquartier zu Eisenhower gebracht werden, flog auch ab, kam aber nicht wieder. Er ist dort, ohne gehört zu werden, hinter Stacheldraht gesetzt worden. Noch eindrucksvoller waren die Ausführungen des alten Dorpmüller. Dieser hielt es für möglich, das Verkehrswesen in sechs Wochen wieder einigermaßen in Gang zu bringen. Er nannte allerdings eine Voraussetzung: man dürfe ihm nicht hineinreden, auch nicht in personeller Hinsicht. Seine Darlegungen erschienen der Kommission so wichtig, daß er ebenfalls zu Eisenhowers Hauptquartier gebracht wurde. Da er gerade erst nach einer schweren Operation aus dem Krankenhaus kam, transportierte ihn ein Lazarettflugzeug. Auch er kehrte nicht wieder. Es ging ihm allerdings besser als Backe; Er wurde unter Bewachung in einem Schlößchen untergebracht, in dem er weiter an seinen Plänen arbeiten konnte. Er fand auch Gehör. Der Verkehrsfachmann, dessen Schaffenskraft trotz Alter und Krankheit ungebrochen war und der durch seine Sachkenntnis und sein Temperament alle Widerstände überwand, erreichte tatsächlich, daß ihm der Auftrag erteilt wurde, den Verkehr wieder in Gang zu bringen. Aber da erkrankte er erneut und starb bald darauf.

Während dieser Arbeiten der Ressorts tauchte immer wieder die Frage auf, ob die Existenz einer deutschen Regierung überhaupt noch notwendig sei und verantwortet werden könne. Mit der Unterzeichnung der Kapitulation hielt Dönitz den Auftrag, den er bekommen hatte, für erfüllt. Bis zur Wiederherstellung geordneter Zustände wollte er jedoch noch im Amt bleiben. Dann sollte das deutsche Volk in freier Wahl sein Staatsoberhaupt bestimmen.

Die Russen treffen ein

Dönitz gab sich über die Dauer seiner Regierung und die Schwäche seiner Stellung keinen Täuschungen hin. Er hatte keinen Zweifel, daß man ihn solange belassen würde, als man seine Autorität für die Durchführung der Kapitulationsbedingungen brauchte. Es scheint, als habe man, vor allem auf englischer Seite, in den ersten Tagen nach dem Zusammenbruch ernsthaft an eine Zusammenarbeit mit der Regierung Dönitz gedacht. Nach dem 15. Mai trat eine merkbare Änderung in dem Verhalten der Besatzungsstellen ein. Der Feldmarschall Busch wurde bei einer Besprechung mit Montgomery schroffer empfangen als wenige Tage vorher Friedeburg. Der Wandel schien mit einer Begegnung zusammenzuhängen, die Eisenhower und Montgomery am 15. Mai mit Churchill hatten. Dönitz zog daraus den Schluß, daß die Entscheidung über das Schicksal seiner Regierung getroffen sei, daß nur noch das Wie und das Wann offenstehe. Er wurde in dieser Mutmaßung durch die außerordentlich heftigen Angriffe bestärkt, die damals der russische Rundfunk gegen die Regierung Dönitz zu erheben begann. Da die Angriffe hauptsächlich die Methode der Teilkapitulation betrafen, wodurch zahlreiche Gefangene dem russischen Zugriff entzogen worden seien, ergab sich der Eindruck, daß man den Sack schlug, aber den Esel meinte. Man griff Dönitz an und meinte Montgomery, dem die Sowjets das Eingehen auf Dönitz’ Vorschläge schwer verdacht hatten. Dönitz war klar, daß der englisch-russischen Freundschaft, die damals noch keine Trübung erfahren durfte, ein Opfer gebracht werden mußte. Das Opfer konnte nach Lage der Dinge nur seine Regierung sein. Am 17. Mai traf eine russische Kontrollkommission ein. Sie wohnte auf einem Schiff, das neben der „Patria“ lag, auf der die englisch-amerikanische Kommission untergebracht war. Die Russen verlangten alsbald von den Deutschen die gleichen Auskünfte und schriftlichen Unterlagen, wie sie ihre Alliierten bekommen hatten. Das außerordentliche Interesse, das man auf der „Patria“ an den deutschen Besuchen auf dem Nachbarschiff nahm, ließ vermuten, daß wir bald vor der – russischen Wißbegierde in Sicherheit gebracht werden würden. Das Wann war in greifbare Nähe gerückt. Als daher am 22. Mai Dönitz die Aufforderung erhielt, sich mit Jodl und Friedeburg am nächsten Morgen auf der „Patria“ einzufinden, war es klar, was die Glocke geschlagen hatte. Die Uhr für die Regierung Dönitz war abgelaufen. Die Verhaftung auf der „Patria“ spielte sich in korrekten Formen ab. Bei den übrigen Mitgliedern des OKW und der Geschäftsführenden Reichsregierung wurde den zahlreichen zu diesem Zweck herbeigeeilten Photographen, Presse- und Filmleuten ein Spectacalum geboten. Militärpolizei, Infanterie und Panzer waren aufgeboten, um die Deutschen in Haft zu nehmen. Nachdem sie im Gebäude sich nackt hatten ausziehen müssen und ihnen alle Papiere und Wertgegenstände weggenommen worden waren, die sie trotz wiederholter Eingaben nie wiederbekamen, mußten sie sich im Hof mit im Nacken verschränkten Armen dem Kreuzfeuer der Photographen stellen. Friedeburg, der auf der Rückfahrt von der „Patria“ Zeuge dieser Szene wurde, nahm unter ihrem Eindruck Gift.