Von Jan Molitor

In einer Verhandlungspause erinnerte ein Zuhörer an einen jener skeptisch-pfeffrigen Witze, die während des „Dritten Reiches“ erzählt wurden, und erntete bei den Umstehenden melancholisch lächelnde Zustimmung. „Was ist ein Optimist? – Ein Mann, der glaubt, daß wir den Krieg gewinnen und die Nazis verlieren! – Was ist ein Pessimist? – Ein Mann, der glaubt, daß wir den Krieg verlieren und die Nazis behalten.“ Der Zuhörer, der in der Pause des Remer-Prozesses in Braunschweig diesen Witz erzählte, fügte hinzu: „Der Pessimist hat recht behalten...“

Da saß dieser Otto Ernst Remer wieder einmal auf der Anklagebank, ein Polizist an seiner Seite, denn er war aus dem Gefängnis vorgeführt worden. Anders als damals vor dem Gericht in Verden, das den SRP-Führer verurteilte, tönte und tobte er nicht, sondern hielt sich zurück. Machte er diesmal eine Aussage oder einen Einwand, so geschah es mit Mäßigung, aber seine eckigen Gesten verrieten ihn: ein ganz und gar verkrampfter Mensch. Doch als am letzten Tag der Zeugenvernehmung noch einmal der junge von Hase auftrat, der Sohn des hingerichteten Stadtkommandanten von Berlin, und als er in nahezu zitternder Erregung Worte der Anklage gegen Remer schleuderte, da lächelte dieser spöttisch. Die Toten des 20. Juli standen auf, ihre Schatten schienen greifbar. Und Remer grimassierte Spott, derselbe Remer, der vor Gericht noch einmal die Erklärung aus seinen Versammlungen wiederholte, er würde auch heute genau so handeln wie damals, am 20. Juli...

Vor ihm saßen seine zwei Verteidiger. Dr. Wer hage hieß der eine, und nichts charakterisiert ihn besser als folgender Vorfall: Dr. John, der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, der zu den Widerstandskämpfern gehörte, sprach von einem spanischen Verbindungsmann, dessen Namen er nicht nannte, wobei er sich auf internationale Gepflogenheiten berief. Darauf Dr. Wehage: „Was internationalen Gepflogenheiten entspricht, ist uns in diesem Saale völlig gleichgültig. Hier wird nach deutschem Recht verhandelt Und wie denn das Vokabular den Charakter verrät und wie denn der Ton die Musik macht, so kam auch prompt das Echo dieses Rufes... woher? Aus dem – Zuschauersaal: Beifallsäußerung. Die Zuhörer, die dicht gedrängt saßen und jetzt die Zurechtweisung des Vorsitzenden entgegennahmen, waren also auf Römers Seite. – Der zweite Verteidiger Remers hieß Noack, ein „gewisser Noack“, wie Ernst von Salomon in seinem „Fragebogen“ schreibt, ein „Repetitor aus Halle“. Der war im „Dritten Reich“ nicht nur zum „Gaurechtsamtsleiter“ aufgerückt, sondern einmal auch Vorsitzender eines Ehrengerichtsverfahrens gewesen, das der Anwalt Dr. Luetgebrune gegen sich selbst beantragt hatte, weil er im Zusammenhang mit der Röhm-Affäre bei Hitler in Ungnade gefallen war. Nun, Noack rettete damals diesen Anwalt, indem er einen ehemaligen Bauernführer der Landvolkbewegung, Hamkens aus Tetenbüll, als Zeugen auftreten ließ, den Luetgebrune einst verteidigt hatte. Dr. Luetgebrune sei doch ein streng nationaler Mann, nicht wahr? – so wollte Noack von dem Zeugen wissen. – „Natürlich!“ Und jetzt wörtlich im „Fragebogen“-Text: „Der Vorsitzende sagte: ‚Natürlich, natürlich, und, nichtwahr, Sie hätten doch niemals etwa einen Anwalt genommen, von dem Sie gewußt hätten, daß er auch Juden verteidigt?‘...“ – Wer wen nicht verteidigt hat – beileibe keinen Juden – das sah Noack damals also für wichtig an. Er weiß demnach, warum er heute Remer verteidigt, den Mann, der zwar unbelehrbar, aber wenigstens arisch ist und dafür sorgt, daß der Pessimist jenes Witzes recht behält. So kommt es denn, daß jeder derartige Prozeß die Vermutung allmählich zur Gewißheit macht: Die SRP ist nichts anderes als die wiedererstandene NSDAP...

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Bei dem Prozeß vor der Dritten Großen Strafkammer des Braunschweiger Landgerichts aber ging es um tiefere, bedeutendere Erkenntnisse. Es wiegt wenig, daß Remer und seine Getreuen nicht begreifen wollen, wie jämmerlich sie handeln, wenn sie das Andenken der Männer vom 20. Juli besudeln. Es wiegt wenig gegenüber der Tatsache, daß hier zum ersten Male ein deutscher Gerichtssaal zum Schauplatz wohlfundierter Rehabilitation der Widerstandskämpfer gegen Hitler wurde. Da waren die Göttinger Theologen der evangelischen Kirche, Professor Iwand und Professor Wolf, und da war ihr Urteil: Was die Widerstandskämpfer taten, geschah aus dem Geiste christlicher Moral. Da war Professor Angermair vom katholischen Priesterseminar in Freiburg: Die katholische Kirche kenne keinen gültigen Eid zum absoluten, unbedingten Gehorsam einem Menschen gegenüber, keinen Eid, wie Hitler ihn gefördert hat; die moralische Forderung laute, die Männer des 20. Juli seien vom Eidbruch und vom Verrat freizusprechen.

Und welche Chancen bleiben den Phantasten einer neuen Dolchstoß-Legende noch, da der Göttinger Professor Percy Schramm, der von 1943 bis 1945 im Wehrmachtsführungsstab das Kriegstagebuch des OKW führte, eindringlich nachwies, daß der Krieg bereits vor dem 20. Juli 1944 restlos verloren war?