Die Charaktere, zwei Konfessionen und ein Staat
Drei verschiedene Charaktere, drei demokratische und dennoch differente Systeme, zwei Konfessionen und zuletzt — zwei Besatzungsmächte, das ist das widerstrebende Baumaterial, aus dem der Südweststaat sich formen sollte. Doch: er besteht. Wie ist er zustande gekommen? In Stuttgart ist er nicht erfunden worden, wie viele meinen, die heute vom Stuttgarter „Imperialismus" reden. Als die Sieger ihre Zonen einteilten, glaubten die Deutschen zunächst, sie würden die geteilten Gebiete immerhin durch einheitliche Landesregierungen verwalten können. Sogar die Franzosen wären damit einverstanden gewesen, zum mindesten in Württemberg, sie verlangten nur, daß Delegierte der Stuttgarter Landesregierung bei ihrem Gouverneur in Tübingen akkreditiert werden sollten. Die Amerikaner aber Bestanden auf der Errichtung des neuen Staates Württemberg Baden. Vermutlich wollten sie den Deutschen in ihrer Besatzungszone die aus der Washingtoner Propagandaküche mitgebrachten Delikatessen ohne Störung durch die Gesichtspunkte des französischen Bundesgenossen hineinwürgen. So" wurde die Zonengrenze zur Landesgrenze, und es entstand, was man freilich erst nach der Währungsreform so richtig merkte, im Norden ein wirtschaftlich kräftiges Gebilde, das alle Hilfsquellen hatte, die den beiden schwachen neuen Staatsgebilden im Süden fehlten. Hier liegt die Wurzel des Südweststaates, der vordem eine leblose Ideologie war. Zwei Länder ohne Finanzen blickten auf das reiche Stuttgart. Aber hier schon zeigte sich ein fundamentaler Unterschied zwischen Südbaden und Südwürttemberg: die südbadische Regierung beschloß sich gegen das übermächtige Stuttgart abzuschirmen und zu behaupten, die südwürttembergische dagegen faßte den Plan, Stuttgart zu erobern (womit zum Schluß beide erfolglos blieben). Aber gemäß könne Südbaden trotz der furchtbaren finanziellen Anforderungen der Franzosen selbständig existieren, was ihn zu mancherlei Finanzoperationen und Buchungskünsten nötigte, und gemäß gen, drei ausgezeichnete Männer, Carlo Schmid, Lorenz Bock und Gebhard Müller, für wirtschaftliche Klarheit und für Aufklärung darüber, daß eine Lösung der staatlichen Fragen nur im Südweststaat gesucht werden könne. Als zwei sich anschickten zu gehn, nämlich die Besatzungsmächte aus der Hauptposition in der deutschen Innenpolitik, bekam das Hexeneinmaleins seine Chance: „Und drei macht gleich, so bist du reich!" Die Tübinger haben das zuerst begriffen. Drum steht die Wiege des Südweststaaes in Tübingen und nicht in Stuttgart.
Es ist wenig Aussicht, dies zu verstehen, wenn man :Sich nicht klarmacht, wie unmittelbar in Süddeutschland — im Vergleich zum deutschen Norden — die Politik noch erlebt wird und welche Rolle außerdem hier der Gegensatz der Konfessionen spielt. Dieser Gegensatz war es vor allem, der in den beiden abgespalteten Ländern im Süden einen Integrationsprozeß ermöglichte, der schon nach fünf Jahren Tübingen wie Freiburg das Aussehen echter Staatlichkeit verlieh. Wie stark er überhaupt in Württemberg war, läßt sich daran ermessen, daß protestartische Monarchisten 1918 die Revolution begrüßten, weil sie verhinderte, daß der katholische Thronfolger, Herzog Albert von Württemberg, an die Regierung kam. Auch zeigte sich später, daß in Südbaden, das im ganzen eine kleine Mehrheit gegen den Südweststaat aufbrachte, das evangelische Markgräflerland mehr oder minder geschlossen für Stuttgart stimmte. Daß dennoch die beiden vorwiegend katholischen Südstaaten eine in sich divergierende Haltung einnahmen, mag zum Teil am Volkscharakter liegen. Der schwäbische ist aktiver, um nicht zu sagen aktivistisch, darum wurde Tübingen mit der Südwest taatpropaganda offensiv, während Freiburg sich verbarrikadierte. Zum ändern Teil mag eine Rolle gespielt haben, daß das erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg liegt und nicht in Tübingen: ob es eingreift oder nicht — es ist durch seine Anwesenheit allein schon ein politischer Faktor erster Ordnung. Das Problem der Konfessionen spielt auch noch in die Systeme der Verwaltung hinein. Der Katholizismus begünstigt den Liberalismus nicht. In Tübingen entwickelte sich ein katholischkonservatives, in Freiburg ein katholisch autoritäres System. So richtig blühen konnte der Liberalismus nur im meist protestantischen Württemberg Baden in der Form eines echten Parlamentarismus mit seinen guten und schlechten Seiten. Dort werden Koalitionen gemacht und haben ihre Bedeutung. Die jetzige sei, so sagte ein Gegner des Ministerpräsidenten, „eine Mischung der, Gruppeninteressen der SPD und der persönlichen Interessen Maiers". Und ihre Arbeitsweise sei das, was Maiers Feinde „Vierteles Politik", und wenn sie böse sind, „VetterlesWirtschaft" nennen.
- Datum 10.07.1952 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.7.1952 Nr. 28
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