Er war blaß, schmal, aristokratisch-fein, und es war eine erbitternde Vorstellung, daß er – auch er – gejagt worden war. Er selbst, Alfred Neumann, erzählte es mit stiller Ironie: wie er Deutschland hatte verlassen müssen, wie man sogar in Italien einmal hinter ihm her war, als Hitler auf der durch unzählige Wachposten geschützten Eisenbahnstrecke zu Mussolini nach Rom fuhr. Da „sammelten die Faschisten die deutschen Emigranten ein“, so sagte Neumann, aber er fand mit leichter Mühe italienische Freunde, die ihn aufnahmen und verbargen. Schließlich ging Neumann nach Amerika, und dort saß er nun, in Kalifornien, und hatte Heimweh nach Europa. Kaum war der Krieg zu Ende, trafen seine Freunde ihn in der Schweiz, bald darauf in Deutschland. Er hatte die, norddeutsche Landschaft gern, die ihn an seine westpreußische Heimat erinnerte. Aber es zog ihn in südlichere Gegenden, weil sein Herzleiden ihm zu schaffen machte. Nur unter der Sonne, nur in der Wärme konnte er noch atmen. In Lugano ist während der letzten Sommertage der deutsche Dichter Alfred Neumann gestorben, der Autor des Romans und des Dramas „Der Patriot“, der Schöpfer des Romans „Der Teufel“, der eines der besten Prosawerke in deutscher Sprache ist.

Es ist leicht zu prophezeien, daß Alfred Neumanns dichterisches Ansehen fortan in Deutschland steigen wird. Die sieben Jahre nach dem Untergang des „Dritten Reiches“, das sein Werk verbot, haben nicht ausgereicht, dem feinen, stillen, stets um das Tiefste und Gerechteste bemühten Dichter die Geltung wieder zu verschaffen, die er einst besaß und die er auch in Zukunft verdient. So ist es Zeit, seine Bücher in die Hand zu nehmen und diesen Dichter neu zu entdecken, der ein Meister der deutschen Prosa war.

M.