Ärzte, Richter, Presseleute...

Wer weiß, was Journalismus heißt? – Ein Nachwort zum „Eichberg-Prozeß“ von Jan Molitor

Von Jan Molitor

Geldstrafen für die angeklagten Journalisten –: so lautet das Urteil im Wiesbadener „Eichberg-Prozeß“.

Es ist ein leidiges Ding, in der Presse über die Presse zu schreiben, weil allzu leicht der Leser das Gefühl hat, abseits zu stehen. Aber da ist soeben der „Eichberg-Prozeß“, in dessen Mittelpunkt drei Journalisten standen, zu Ende gegangen, und ein Nachwort ist notwendig, nicht nur der Presse wegen, sondern wegen der Leser, wegen der Öffentlichkeit.

Um den Fall kurz zu rekapitulieren –: Der „Stern“ hat vor zwei Jahren einen Bericht (Photos und Text) über die Zustände in der hessischen Heil- und Pflegeanstalt Eichberg veröffentlicht. Es war ein aufsehenerregender Bericht, mehr noch: eine schwere Anklage – der Eichberg-Ärzte vor aller Öffentlichkeit. Die leitenden Ärzte, Dr. Wilhelm Hinsen und Dr. Gerhard Ohm, zeigten den Stellvertretenden Chefredakteur des „Stern“, Karl Beckmeier, den Reporter Michael Heinze-Mansfeld und den Photographen Siewers wegen falscher Anschuldigung und übler Nachrede an. So begann vor der Dritten Strafkammer des Wiesbadener Landgerichtes ein Prozeß, in dem 156 Zeugen in 38 Verhandlungstagen vernommen wurden. Ein Monstre-Prozeß also. Soweit er ein Ärzte-Prozeß war, der größte seit den Verhandlungen von Nürnberg. Soweit er ein Journalisten-Prozeß war, der größte, der je vor deutschen Gerichten stattfand. Und eben dies war er: ein Journalisten-Prozeß und von der höchsten Bedeutung für die Frage, was unter den Begriffen „Aufgabe“ und „Freiheit der Presse“ zu verstehen sei. Sogleich sei hier hinzugefügt: Erst, wenn man konsequent genug ist, den Begriff „Presse“ als ein Synonym für „Öffentlichkeit“ hinzunehmen, erst dann wird die Bedeutung des „Eichberg“-Prozesses für die Allgemeinheit klar.

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Erster Eindruck nach dem Studium der sich hoch auftürmenden Akten –: Der Prozeß wäre würdig, von einem Dramatiker gedichtet, verdichtet zu werden. Denn die Auftretenden waren typisch, und typisch waren ihre Äußerungen. Jeder hatte seine eigne Ehrauffassung, und die Journalisten schnitten, was die Freiheit ihres Blickes und die Einschätzung ihrer selbst anging, am besten ab. Verteidigten sie doch, indem sie sich ihrer Haut wehrten, das Recht der Öffentlichkeit, ja das Recht der Demokratie! Im übrigen aber ... Da war zum Beispiel der Rechtsvertreter der beiden klagenden Ärzte, ein Advokat, dem sein hohes Alter nichts gegen seine legere Eitelkeit geholfen hatte: der sagte, er habe nichts gegen den Journalismus, im Gegenteil, er habe sich selbst schon feuilletonistisch und in Leitartikeln betätigt, aber in diesem Falle, und dann goß er seine Verachtung aus. Es war die Verachtung, die der Öffentlichkeit galt. (Wie, wenn ein Journalist einmal vor Gericht sagte, er habe nichts gegen die Justiz; er habe sich selbst schon als Friedensrichter versucht? Oh, das würde ihm schlecht bekommen.) Und der Staatsanwalt. Er meinte unter anderem: da der „Eichberg“-Chefarzt das Photographieren verboten hätte, so hätte der Photograph eben nicht photographieren dürfen, basta! Und was er dem Angeklagten Mansfeld zum Guten anrechnete, hieß wörtlich so: „Zu berücksichtigen ist“ – nein, nicht seine gute Absicht, den armen Patienten der „Heil“- und „Pflege“-Anstalt auf dem Eichberg zu helfen, sondern – „seine Tätigkeit als Soldat im Kriege.“ Worauf Mansfeld, als er in seinem Schlußwort an der Reihe war, das einzig Würdige sagte, was hier gesagt werden mußte: „Ich bitte Sie ausdrücklich, keinen Unterschied zwischen Mannesmut im Kriege und der Zivilcourage im bürgerlichen Leben zu machen.“ Und zur Sache selbst, um deretwillen er angeklagt war, sagte er: „Wir haben uns mit unserer Veröffentlichung zum Sprecher derer gemacht, die im Schatten leben, die arm an Geist und auch meist arm an Geld sind, die in einer verworrenen Welt in die Mühle der Paragraphen und Verordnungen geraten sind... Ich bitte um Freispruch.“

Und nun die Richter. Der Vorsitzende sprach milde von „gewissen Kindheitserscheinungen der Journalistik“ (es sollte mal ein Journalist einem jungen Assessor vor Gericht sagen: ‚Für einen jungen Richter schon ganz nett geurteilt!‘ – da hätte er aber etwas angerichtet). Milde Richter also. Doch Freispruch? Nein.

Die Journalisten wurden – wenn auch relativ milde – verurteilt. Wären umgekehrt die Eichberg-Ärzte angeklagt gewesen, so wären sie verurteilt worden, sie erst recht und wahrscheinlich nicht so milde. Entsetzlich war, was im „Stern“ über die „Heil“-Praxis von Eichberg zu lesen stand; aber entsetzlicher noch ist, was in den Gerichtsakten darüber zu lesen steht. Selbst der Staatsanwalt sagte: Ja, es seien Patienten geschlagen worden, in einem Falle sogar durch den „behandelnden“ Arzt höchstselbst. Ja, es ist wahr, daß ein Patient sich das Leben nahm. Und schon dieser ekelhafte Eichberg-Jargon, in dem es Worte wie „Kotzspritze“ und „Zement-Spritze“ gab. Wer auf dem Eichberg nicht Liebkind, Liebpatient war, wurde in „Dauerschlaf“ versenkt und mit Methoden behandelt, vor denen die Sachverständigen vor Gericht erschraken. „Dauerbäder“ stundenlang und fortgesetzt durch Tage, und bei der geringsten „Renitenz“ gleich ein Eimer kalten Wassers über den Kopf – das gehörte noch zu den feinsten Methoden der Ärzte von Eichberg. – Erschwerend für die Tat der Angeklagten käme hinzu, so sagte indessen der Staatsanwalt, daß nach der Veröffentlichung ihres Berichtes im „Stern“ die Leute sich weigerten, ihre Kranken nach dem Eichberg zu schaffen. Wir möchten hinzufügen: Und nun, nach dem Prozeß? Kommt für den Prozeß nicht auch erschwerend hinzu, daß jetzt erst recht die Leute sich weigern werden, ihre Kranken zum Eichberg-Haus in Behandlung zu geben? Insoweit muß man nämlich Richter und Journalisten unter ein und denselben Gesichtswinkel stellen: Ist ein Bericht erst veröffentlicht, ist ein Prozeß erst angestrengt, so ist’s in beiden Fällen eine Sache der Öffentlichkeit. Und es ist sehr bezeichnend, daß im „Dritten Reich“ zugleich mit der Freiheit der Presse, das Recht der Richter verlorenging, zumindest doch eingeschränkt wurde. Wer mit Gewalt, anstatt nach dem Recht, regiert, muß allemal bedacht sein, Schleier vor die Öffentlichkeit zu legen. Das traf für die Nazis zu, jedoch auch für die Eichberg-Ärzte, und wer von den heute Regierenden den Schuh anziehen will – mag er beispielsweise der hessische Landeshauptmann sein, dem Eichberg untersteht – der ziehe ihn an.

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  • Quelle DIE ZEIT, 13.11.1952 Nr. 46
  • Schlagworte Arzt | Gericht | Presse | Prozess | Richter | Stern
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